Der treuste seiner Begleiter war ein junger Mann aus der bürgerlichen Familie Romanoff, die in Litauen ansässig war und eine hervorragende Menge von Begabungen in die noch spärliche Intelligenz sandte. Er hatte veilchenblaue Augen und ganz blonde Brauen. Sein Hals war fast klassisch, sein Haar mehr blau wie schwarz. Mit dem Mund verstand er so zu schweigen, daß es eine der anmutigsten Gesten war, die es in dieser Zeit gab. Die Überzeugtheit des alten Voß nahm damals eine solch riesenhafte Höhe an, daß sie wie eine plötzliche Krankheit wirkte. Das machte den alten Seigneur verdächtig bei aller Welt. Mit von Widerständen krankhaft aufgereiztem Feuer begann er nach so langer Pause des Verschollenseins und nach so atemloser Jagd nach dem Geld sich wie ein Ertrinkender in ein Schlachtfeld von neuen Plänen zu stürzen und sich daran zu verwirren. Unter anderem zahlte er St. Goar auf eine peinliche Weise den Dank für die Gutmütigkeit, mit der jener ihn an den Haaren aus dem Dreck und Skandal gezogen.

In Lausanne überwarf er sich wegen einer technischen Frage der Propaganda mit St. Goar beim Lunch und beleidigte den Verblüfften auf eine gewaltsame Art, worauf dieser mit einem langen Blick auf Granuella den Saal verließ. Voß vermochte Widerspruch nicht mehr zu ertragen. Genau so großartig, wie er knapp am Hunger lebend die Erzlager seiner Provinz den internationalen Industriekapitänen vor die Füße schmiß, genau so vergaß er, von welchem Geld er überhaupt lebte, als er seinen besten Helfer barbarisch traktierte. Es gelang allerdings, ihn zu einer Aussprache mit St. Goar zu bringen.

Sie fand im Salon des Hotels statt und St. Goar bewies viel Würde und Wille zur Verständigung. Er vermochte allerdings nicht, sich einem Gesichtspunkt seines Gegners, den er für verrückt hielt, anzuschließen. Leider ereiferte sich Voß maßlos und, um St. Goar für seinen Gewaltplan zu zwingen oder ihn unschädlich zu machen, drohte er einen Augenblick, ihn wegen gewisser Unregelmäßigkeiten aus der Bewegung auszuschiffen. In diesem Augenblick trat Granuella ein. Sie führte ihren Vater in die Ecke und sprach leis einige Worte zu ihm. Es schien, als ob sie ihn um Mäßigung bitte. Voß ging darauf ganz weiß im Gesicht an die Tür, öffnete sie und telephonierte im Nebenzimmer. Nach zwei Minuten kam der Portier des Hotels mit zwei Beamten der Fremdenpolizei.

„Dieser Herr hier,“ sagte Voß, und deutete auf St. Goar, „besitzt einen falschen Paß. Ich teile das Ihnen mit im Interesse des Landes, das mir Gastfreundschaft gewährt.“ Voß war in furchtbarer Verfassung. Am liebsten hätte er gesehen, daß man St. Goar an den Spiegel stellte und füsilierte. Er beachtete überhaupt nicht, daß die beiden Beamten ihn baten mit zur Präfektur zu kommen. Er sah in ihm lediglich den Feind seiner Methoden und seiner Sache, der zu vernichten sei. Er war durch die erbarmungslosen Stöße des Lebens in den letzten Jahren von einer fieberhaften seelischen Erkrankung begleitetet, die jedenfalls kein Irrsinn war, ihn aber veranlaßte, aus Angst vor dem raschen Ausgehn des Geldes alles mit einem bedeutenden Größenwahn zu sehen. Ohne Zweifel war er überzeugt, daß an der kleinen Differenz der Anschauungen mit St. Goar das Schicksal seiner ganzen Mission hänge und daß noch sicherer ohne seine eigene Hilfe die ganze Sache rettungslos zerfalle. Diese Verantwortung brachte ihn fast zum Wahnsinn.

Er bedachte dabei nicht, daß er mit St. Goar seine Börse verhaften ließ. Er war bei aller Begeisterung eigentlich ein Kind, dem entging, daß die Schicksale der Nationen keineswegs auf den Rollschuhen entzündeter kleiner Patrioten liefen. Er war der Trümmerhaufen einer abgeschiedenen Zeit aber immerhin sehr interessant, wie er, dampfend vor Zorn, mit seinem großen Körper über den Klubsessel gebreitet dalag. Granuella stand noch an der Wand. Nun kam sie herüber: „Ich vermute, daß Du sehr unrecht getan hast,“ sagte sie und bemerkte daß sein linkes Auge fast zugefallen war.

Daß seine Tochter, die nunmehr achtzehn Jahre alt war, aus ihrer Anonymität heraustrat, ließ Voß zuerst erstarren. Dann sprang er auf. Wie alle falsch Illuminierten entschloß er sich sofort, alles, was ihm lieb war, in seinem Herzen zu massakrieren und sich völlig zu isolieren. Er dachte damit seine Kühnheit zu verstärken, während er sich kastrierte. Auch konnte er seltsamerweise den Blick der Tochter schwer ertragen, kurz, er brüllte sie plötzlich nach einigem Schwanken wie ein Panther an. Sie wich zurück. Dann sagte sie kalt, sie billige die Ansichten St. Goars.

Der Alte schlug die Hände zusammen. Er vermochte es nicht zu fassen: „Meine Tochter! Meine Tochter!!“ . . . rief er dauernd. Granuella sagte nun mit festem Ton: „Ich erwarte, daß du St. Goar sofort deckst. Telephoniere zum Präfekten. Schreibe der Polizei. Lauf zum Gesandten . . . was Du vorziehst.“ Sie ereiferte sich.

„Wie . . .,“ schluchzte der Alte . . ., „wie — — Du sprichst mit Deinem Vater . . . .“

„Ich spreche,“ sagte Granuella, „mit einem Freund des Vaterlandes, der einen anderen den Feinden ausgeliefert hat, und ich weiß, was man in diesem Falle zu tun hat.“ Sie dachte damit zu sagen, er solle sich entschuldigen und die Sache wieder gut machen. Voß wurde im Übermaß der Erregung völlig ruhig, trotzdem oder wahrscheinlich, weil er den Sinn ihrer letzten Worte falsch als Rebellion verstand: „Ich gebe Dir Gelegenheit, dich nicht zu übereilen,“ sagte er und schloß sie ein.

Granuella war in einer furchtbaren Lage. Sie war entschlossen, St. Goar zu befreien, indem sie sich für ihn verwandte. Doch nach der Szene im Salon mußte der Gefangene der Ansicht sein, daß sie wie stets ihres Vaters Mitwisserin sei und seine Handlung billige. Dazu kam, daß Frederik de Voß sie eingesperrt hielt und überhaupt nicht mehr sichtbar ward. Sie mußte fürchten, wenn sie gewaltsam zu fliehen versuchte, auch den Vater durch den Skandal zu belasten und die Sache damit noch weit mehr zu verwickeln.