Nach etwa acht Tagen hörte sie ein Geräusch am Kamin, und als sie sich umdrehte, sagte eine Stimme, sie möge nicht erschrecken. Dann krümmte sich etwas, das zwischen den Paravants herausfiel, sich überschlug und aufschnellte: Romanoff. Sie vermochte ihr Staunen, ja ihr Zittern nicht zu verbergen.

„Ich komme durch den Luftschacht,“ sagte er stolz.

„Schweigen Sie,“ flüsterte Granuella, und legte den Finger auf die Lippen, „wenn mein Vater Sie erblickt, wäre es aus.“

Der junge Mann lachte leis: „Mit mir? Ich bin unabhängig und denke die Mittel zu kennen, die Ihren Vater fesseln.“

Diese unklar anmaßende Sprache mißfiel Granuella, aber es war einiges an dem Jüngling, was sie anzog. Vor allem bewies er ihr in jeder Bewegung eine Verehrung, die weit das landläufige übertraf. Sie war damals durch die Umstände ihrer Flucht und ihr Leben, ohne daß sie sich überhaupt je besonders geäußert hätte, etwas wie eine kriegerische Heilige für die jungen Schwärmer ihrer Nation. Sie war stets völlig hinter Frederik de Voß zurückgestanden. Man dachte, wenn man sie mit ihrem elastischen, fast federnden Körper und dem beinahe wollüstigen Madonnengesicht sah, an eine blonde Amazone, die den Tod und den Genuß mit einer unendlich süßen Kraft in sich vereinigte. Er schied auf dem gleichen Wege von ihr, auf dem er gekommen war.

Sie hatte ihm ihre Ansicht über St. Goar übermittelt; er erreichte es, bei einer Gegenüberstellung, die er zu einem anderen Zweck herbeiführte, ihn zu sprechen und überbrachte ihr die Nachricht, St. Goar habe nie an ihr gezweifelt. Seine Sache stand nicht gut, da Voß sich wie ein altes Raubtier in diesen Haß verbissen hatte und auf irgendeine geheime Art immer neues Material gegen ihn den Behörden zufließen ließ, die in einer panischen Furcht vor dem Eindringen revolutionärer Subjekte in die Schweiz lebten.

Granuella verabredete, daß sie bei der Lady Douglas interpellieren wolle, die den Schweizer Gesandten in England auf den Fall verweisen könne, und daß St. Goar infolge dieses mächtigen Protektorats frei werde, ohne daß Voß in die Sache hineingezogen werde.

„Er ist mein Vater, den ich wohl verehre,“ sagte sie lächelnd, „aber er ist närrisch geworden über die Liebe zum Vaterland, daß er es bald verdirbt.“ Romanoff schwieg nach dieser Äußerung betreten. Die ganze Unschuld und Unwissenheit des Mädchens ging ihm mit einer wundervollen Weichheit auf. Doch äußerte er nichts, er ließ sein Auge sprechen. Ihm war wichtiger als das Politische, daß Granuella seine Leidenschaft spürte. Doch hemmte ihn seine Verehrung und er kam nicht weit.

Voß verspielte im Kasino den Rest seines Geldes, während seine Tochter über den Speicher an einem Seil Besuch empfing. Doch war das Glück ihm plötzlich günstiger, er gewann zeitweise, und fand Gelegenheit, schon auf der schiefen Bahn, dennoch seiner fixen Idee mit der Hartnäckigkeit des schon halb gefällten Alters nachzugehen. Als er einmal Romanoff im Vorzimmer sah, schöpfte er, mißtrauisch wie er geworden war, Verdacht. Romanoff mußte nun nachts kommen. Das gab dem Zusammentreffen eine gewisse Heimlichkeit und Intimität. Granuella erwartete mit Herzklopfen den Moment um Mitternacht, wo es dreimal zirpte. Das andere ging mit jeweils neu bestaunter Energie vor sich, fast lautlos.

Diese beiden jungen Leute erglühten an dem Eifer, der ihre Ziele zusammenhielt. Diese Familien, die nur teilweise litauisches Blut in sich trugen, meistens Baltenfamilien entstammten, aber alle litauische Mischungen bis in die letzte Zeit in sich trugen, waren alle von einem unaufhörlichen blonden Haß gegen alles Polnische erfaßt. Diese mittelalterlichen Ritter waren durchaus von der sauberen Heiligkeit ihrer Kreuzzüge überzeugt. Hätte man einen ihrer Führer im Dialekt des zwölften Jahrhunderts angesprochen, er hätte vermutlich ebenso geantwortet. An der Wiege einer jungen Nation wiederholen sich in verkürztem Tempo aber ohne ein Überspringen alle Tugenden, aber auch alle Irrtümer der alten. Die Geschichte der Völker ist eine Kartothek des gleichen Unsinns, der, wo er tragisch wird, eine besondere Größe erreicht. Hinter diesem Glanz rennen die jungen Völker wie Verzauberte her. Die Gelehrten vermöchten von Babylon bis nach Karthago oder jenem Augenblick, wo von Byzanz die Macht an Rom überging, oder wo die Souveränität des Westens nach New York wanderte und die Idee der Völker in Moskau statt in Paris proklamiert ward, ihren Nationen zur Belehrung Beispiele in Haufen vorzuführen. Die Randstaaten, die am Kreisbogen des alten Europa entstanden, hätten eine Welt vor Staunen erstarren lassen, wenn sie den tausendsten Teil eines durchschnittlich klugen Gedankens gehabt hätten, als sie ihr Nest etablierten. Sie zogen es vor, statt die westlichen Demokratien einfach zu kopieren, deren Säuglingsniveau noch einmal darzustellen. An der Wiege neuer oder befreiter Nationen entstehen alle Dummheiten, aber sie werden durchgeführt mit den blendendsten Eigenschaften, deren das menschliche Geschlecht fähig ist. Diese beiden jungen Menschen, die nie über das Reich Gottes und nie über die furchtbaren Probleme der Einzelnen und der Massen nachgedacht hatten, erglühten einfach in schwärmerischer Hingabe an die Idee ihres Staates.