7. Staatsanwalt, Dichtung, Unzucht, Freiheit
Immer haben die jammervollsten Kämpfe der Menschen ihren eigenen Gesetzen gegolten und nie war ihre Verzweiflung größer, als wenn sie sich in den Maschen der kühl erdachten Normen in dem Augenblick verfingen, als ihr Blut heiß und ihre Leidenschaft so groß war, daß nichts mehr zwischen ihnen und dem Schicksal stand. Stets kam die Tragik unaufhaltsam bis in die erbärmlichsten Kalküls der Menschheit, wo sie lächelte statt zu erstarren. Nie haben Pensionierte aufgehört, die Glänzenden zu hassen. Bürger greinen hinter den Freien. Staatliche Autoritäre haben immer die unabhängigen Führer verfolgt. Nie hat das Starre versäumt, sich gegen das Bewegende zu verschwören, und keine Idee hat, wenn sie in die Tatsache übertrat, sich nicht sofort verleugnet und gegen sich selbst gekehrt. Als die Menschen das Gesetz erfanden, wichen die efeubekränzten, Pauken zur Flöte mischenden, Bacchantinnen in die thebanischen Wälder, und die Unzucht der Paragraphen ersann sich die scheußliche Mißgeburt des öffentlichen, bezahlten und zur Anklage verpflichteten Beamten. Das Gesetz nahm das intellektuelle Monocle ins Auge, den Staatsanwalt; und die Maschine der Gerechtigkeit erhielt die Musik der Vorstädte und der Verdammten, den Grammophonschrei, die blecherne Tirade. Die Humanität hatte einen starken Arm und spießte, ihrem Zeitalter nicht unwürdig, auf Degenspitzen die Opfer wie Gänseherzen über den Rost.
Der Haß gegen die Dichtung, die sich frei und ohne Zirkular bewegte, blieb immer in der Luft dieser Säle. Die Autodafés rauchten, aber man hat nie aufgehört das edelste Wild zu jagen. Die Gerichte waren immer Tempel der Reaktion, und die Politik hat ganze Arbeit mit ihnen gemacht. Vom Fall Dreyfus bis zu den Mördern der Landauer, Luxemburg, Liebknecht läuft eine Idee. Aber die Romanen haben irgendwie die Hartnäckigkeit ihres Geistes gegen die Formeln in jahrelangen Kämpfen bewahrt. Zola hat gesiegt, als er sich gegen das Dumpfe erhob und Dreyfus gerettet. Flaubert errang vor den Assisen, der unzüchtigen Dichtung angeklagt wegen der „Bovary“, einen Triumph. Die Deutschen verurteilten achtzehnhundertfünfunddreißig Gutzkow und mit seinem Werk die Freiheit überall, wo sie sich regte. Später setzten sie in Dresden ihm ein Denkmal. Das Blamabelste vollzog sich in Leipzig, als von Nichts berührte Richter im Juni achzehnhundertneunzig Alberti, Conradi, Wallot verurteilten und damit den Sinn ihrer Maschine und die Duldsamkeit der offiziellen Deutschen gegen den Geist in nie gut zu machender Geste verrieten.
Die Geschichte dieses Prozesses darf nicht vergessen werden.
Sie war kunterbunt und einfältig aber nicht ohne Warnung. Enkel und Optimisten werden ihre Freude daran haben, aber die Tieferschauenden werden grausen, wenn sie bedenken, wohin mancher Weg von heute im Zeitpark zu führen vermag. Die Verantwortungsvollen haben ihr sicheres Gefühl, das ihnen Ziel und Richtung ohne Unterlaß bestätigt. Wohl werden Hexen nicht mehr auf die Märkte ins Feuer geschleift, aber die Dummheit liebt wie immer die Symbole des Geistes zu zerstören, um im Stande der Macht gerne die Roheit des Siegers auch in den einfachsten Realitäten wieder zu genießen. Man ist am bequemsten eingerichtet, wenn das idiotische Gewissen die herrlichsten Formen der Vergangenheit am deutlichsten wieder in Übung nimmt, das hat jede Historie gezeigt und jede Entwicklungsempirie des menschlichen Herzens.
Leider kann man keine Apologie dieser Dichter geben, sie waren nichts. Aber nicht mehr und nicht weniger als ihre Zeit, die sie schließlich vertraten. Man schrieb den Dingen das Gesicht und den Leib nach, vergaß auch das Unaussprechliche nicht, die Kanäle und das Geschlecht. Vielleicht betonte man es heftiger, weil Paul Heyse und der Teutone Wildenbruch gar zu sehr darüber geschwiegen. Man stritt um die Bagatellen, daß auch, statt zuckriger Linien solche von Kot, gut gemalt, bedeutsam seien. Am Schluß war alles doch nur kindische Photographiererei und Provinz des Dichterischen. Von der ganzen Prosa ist ja nichts geblieben. Zola, ein Riese, kam aus monumentalen Talentgründen nur hoch darüber in sphärischere Luftschicht. Die anderen vergaß man bald, Doch haben sie, tapfer und eigentlich mehr Opfer als Führer so lumpiger Epoche, Bestes gewollt und mit Anstand gestritten. Auch hat der damalige Geistseismograph sie zu den bekanntesten und erlesensten Schriftstellern des Realismus angezeigt, was Geheime Hofräte schließlich und auch ein fürstliches Kabinett bezeugten. Aber als man sie verurteilte, hat nicht Deutschland einen Augenblick stillgestanden. Kein Atemzug hat das Volk aufhorchen lassen. Niemand hat daran gedacht, daß hier die tollste Kavalkade der Dummheit sich in das Fleisch der Kultur trieb. Zynisches blieb da und machte frivole Mätzchen. Der Dichter war den Menschen ein bunter Wolf, den hinterm Gitter man gern sah, dessen Berührung aber irgendwie beflecken mußte und wo man nie Garantien hatte, daß er nicht um sich biß oder gegen Regierung und offizielles Moralgesetz Ketzereien sagte. Das Urteil des Gerichts wird vor der Zeit gegen die Richter gesprochen, denn man kann die Freiheit nicht in Schutzmannshände geben und sie hat noch nie, wie jener Alberti von sich sagte, die Ehre gehabt, vor einem Gerichtshof zu erscheinen. Die Götter zahlen keine dreihundert Mark an fiskalische Kassen, weil sie „gröblich die Scham- und Sittlichkeitsgefühle mit unzüchtigen Schriften verletzten“. Wer den Geist insultiert, behängt sich selbst mit Fäkalischem. Die Dichter selbst, gegen die man sprach, wurden nur Träger des Mißverständnisses wie tausend vor ihnen, an denen sich in der Wut auf das Überlegene der Pöbel der Macht vergriff.
Auch war man über nichts im klaren. Seltsame soziale Schwärmer: M. G. Konrad beschwor Wilhelm den Zweiten sich der Überschwemmung durch ausländische Literatur entgegenzusetzen. Conradi grüßte im Kaiser den Führer der Neuen Generation. Man hatte gar keine Grundbegriffe, sonst hätte solche Narretei sich nicht vollziehen dürfen. Conradi starb an den Aufregungen des Prozesses später, und machte es oben aus, was ihn unten erwartete, wo man Gefängnisse öffnete, weil er in die Nähe des Namens Christi das Wort „verrecken“ setzte, ohne daß er anderes wollte, als den schweren Tod intensiver zu geben. Selbst der Figaro schrieb, die junge naturalistische Generation erwarte vieles von diesem Kaiser, und durch irgendwelche Manipulation geschah es in der Tat, daß Heinrich Hart eine Staatsunterstützung erhielt, um einen Humanitätsgesang unbeschwert zu schreiben. Die Anklage des Gerichts aber enthielt mit dem Aufgebot dreitägiger Verhandlung als Inkriminiation zwei Stellen: „und starrte verschlafen auf die weißen, wie Weiberbusen schimmernden Hügel“. Der Staatsanwalt stößt sich daran, daß ein Kleid zu eng war, daß ein Korsett geöffnet wurde, und daß Menschen Fleisch haben, schließlich aber auch, daß das Weiße des Spitzenbesatzes durch die oberste Öffnung der Robe geschimmert habe. Als der Dichter auf diese Sätze im Plaidoyer kommt, wird die Öffentlichkeit entfernt. Wie ein Sachverständiger erwähnt, in Italien stille man öffentlich, unterbricht ihn der Präsident ängstlich. Das Leben wird in dieser Atmosphäre eine staatlich regulierte Maschine. Man hat von Kind auf gelernt, wo man sich zu schämen, wo zu schweigen, wo zu reden hat. Lang nach Beginn der Verhandlung verteilt man die Bücher. Der Rechtsanwalt ruft: „Der Staatsanwalt verteilt unzüchtige Literatur“. Kein Richter hatte eine Ahnung, um was es sich handelt. Dem Gerichtshof ist literarischer Gebrauch, dichterisches Unternehmen höllisch entfernt. Er soupsonniert, Freiexemplare seien von den Autoren verlangt, um sie unter der Hand schielend und bückend zu verkaufen. Daß Dichter Geld erhielten für ihr Werk, kommt ihnen schamlos vor, die sich besolden lassen, um Urteile zu fällen, grausam zu sein, im Schmutz zu wühlen. Im frommeren Mittelalter war der Beruf des Henkers schändlich, und die Ritter zogen als Dichter auf den Pferden. Im Zeitalter gewonnener Kriege und beginnenden Autorennen ist der Dichter ein Aussatz, der öffentliche Ankläger jeder Würde wert. Sinn für menschlichen Anstand und die Würde der Tätigkeit ist verloren, eine Verdrehung des Gesichtsfelds von schauderhafter Groteske beginnt und würgt sich in der eigenen Lende ab bis zum Krieg. Der medizinische Sachverständige ist der berufenste. Stände er fest auf dem Standpunkt, im Zustand des Schöpferischen sei der Dichter verminderten Bewußtseins, der freien Bestimmung ausgeschlossen, der Präsident schlösse die Akten, spräche frei. Der Fall läge wie Trunksucht, zu Imbezillen und Mikrozephalen verwiese man den Träger der symbolischen Fackel. Nichts bestände, die Ausnahme zu konstatieren, die Zusammenhänge lägen kurioser. Von den Unterschieden wäre wenig die Rede. Die Seele ist in der Bürokratie einer Gesellschaft in solche Schablonen verraten worden, daß auch der schamloseste Inzest sich nicht mehr begreift. Man hat hier nicht einmal wie Makart und Fragonard gemalt, mehr wie Hogarth, aber das Düstere ist verfehmter wie wollüstiger Glanz diesen Menschen, die immer nur den Staat sehen, die blitzende, fressende Maschine eines kaiserlichen, traditionslosen und schneidigen Zeitalters. Wie Alberti, dessen Partie als Jude von vornherein verloren, sich auf Hebbel beruft und den Staatsanwalt Nagel in Parenthese fragt, ob er ihn kenne, antwortet der: „Nein, sind seine Schriften in Leipzig erschienen?“ Redet er von Goethes Tagebüchern, unterbricht ihn das Monocle, ob es sich um eine Publikation des Verlages Dettmann handle. Ihm dämmert hinter dem Glas, daß der Verlag steckbrieflich verfolgt sei. Man kann nicht davon reden, daß hier Stil fehle oder daß der Apparat nicht von einer Eindeutigkeit und Ausprägung sei, die Bewunderung verlange. Alberti muß vierzig Mark niederlegen, als er diesem Beamten sagt: er erlaube sich zu behaupten, daß auch Staatsanwälte es gebe, die den Ovid nicht begriffen. Das Einauge faucht. Die Macht wird eingeschaltet. Jedes Jahrhundert hat die Blamage, die es verdient.
Was ist Kunst? Begreifbar wie eine Wage, eine Algebra, eine Manipulation? Wehrt keinen die Scheu, von ihr zu reden? Jeder Plattkopf findet den Mut sich zu äußern und Respekt haben sie nur noch vor Spezialisten des U-Boots und der Parsevale, denen Wissenheit der Sanskrite und Etymologen schon humoristisch vorkommt, da es erwerbloses Gut ist und nichts einbringt den Häschern des Geldes. Da nur Geld ihnen gleich Geld gesetzt Wert wird, finden sie es anmaßend, auch nur den Geist gleich Geld zu setzen und nivellieren ihre Landschaft nur nach Kapital. Sie häufen und bremsen, schlingen das Überlegene in die Räder wie die stumme Materie, bis das Eisen sich durchfrißt am stärkeren Weltstoff. Dann stehen sie atemlos vor der Katastrophe. Ihre Besessenheit und der Frevel ist ihnen nicht bewußt und sie waren mit Blindheit gegeißelt, als sie sich am Licht vergriffen. Sie praßten innen in einer Welt, an deren Stacheldrähten die Dichter entlang strichen. Manchmal trieben sie einen Stier ihnen hinaus, daß sie ihn schlachteten, aber anderen Tages ließen sie sie in Kostümen paradieren und freuten sich des Spektakels. Einmal sollte der Tag kommen, wo dieser Gesellschaft die Rechnung schwer auf die Stirne gelegt und die Sünde der Generation auf Schultern geladen ward, die aus der Tragik, die die Welt spaltet, nicht aus ihrem eigenen Verschulden, ihnen als Erbteil werden sollte. Als sie den Nazarener übers Kreuz nagelten, Galilei peinigten, waren es Dieselben und meinten sie das Gleiche, als sie Heinrich Mann beschlagnahmten und nach der glorreichen deutschen Revolte Sternheim so unterdrückten, wie sie Unruh und Kerr in den dunklen Monaten vor dem Festungwerden der Welt beschlagnahmt hatten. Es sind immer die Gleichen und der Ton ist derselbe verschwörerische internationale, den jedes Jahrhundert und jede Sprache findet, wenn die Bedlamiten das heilige Beil gegen die Tapferen aus der Erdrinde graben.
Niemand kann den Mut finden in eine Diskussion einzutreten, die ernstlich die Gegenüberstellung eines Gerichts und des Geistes, der die Kunst darstellt wie jede menschliche Erhebung, versuchte, ein Gelächter würde in den Wolken entfacht, das benachbarte Planeten infizierte und unseren Irrsinn ihnen denunzierte. Das Wort will immer das Unfaßbare töten. Der Paragraph hat den Neid auf die Freiheit. Die Cochonnerien werden entschlüpfen, indem sie sich verkleiden, das geile Aufreizende, das verführt und sich enthält, die drittklassige Erotik werden lächeln und siegen. Das Logische wird das Falsche treffen, den Vorgang verwechseln mit dem Unwägbaren, was dahinter steht, der Form, der Gestaltung. Plumpe Finger werden selbst bei gutem Willen das Gute bluten lassen und die versteckte Ethik verfällt dem Gesetz. Wie Meer und Blitz und Erschütterung hassen sie das Direkte, und das Elementare ist von den Menschen stets verabscheut und gefürchtet worden, weil es ihre mühsamen Dämme einreißt, an deren Richtung und Stärke sie ihr Selbstbewußtsein und nichtige Größe gern vergleichen. Eine Umarmung und ein Donner sind Dinge voll Ehrfurcht und heilig gewesen, solange wir einfältig und einfach waren. Als wir uns in die Städte begaben und Moses vom Sinai abstieg, verloren wir die Spur der Erschütterungen und begannen ihnen feind zu werden. Das Zupackende ist ursprünglich und schön, ein Sommerregen, zwei verkettete Falter, der Sprung des Hengstes sind Äußerungen der erhabenen zeugenden Kraft. Es waren die schmutzigen Tiere, die den anderen die Unreinlichkeit vorwarfen und die Systeme haben erst das Menschliche geschändet, als sie begannen, es zu untersuchen.
Staatsanwälte, die ahnungslos vor der Wucht künstlerischer und geistiger Fragen das Leben mittelmäßiger Beamten zwischen Zahlenerörterungen und Bestimmungen vollbringen, stehen heute noch am Rande der Seelenäußerungen und zählen mit Uhr und staatlichem Messer Erlaubtes und Verfehltes als letzte Kompetenz. Der Zustand ist schamlos. Urenkel werden sich auf die Beine schlagen vor Entzücken. Unseren Kindern wird es vielleicht vorkommen wie Besuchern von Folterkammern in unseren Tagen.