„Haben sie keinen Areopag gehabt,“ werden sie fragen, „wenn sie wirklich Angst hatten, daß ein Volk von den Dichtern verführt und verdorben werde (statt auf Staatsmänner und Generale zu schauen), hatten sie keinen geistigen Areopag, vor dem sie ihre Gesetze sich selbst machen konnten? Mußten zwischen Dieben und Mördern sie auf den Anklagebänken sitzen vor Richtern, die ihre erlesensten Repräsentanten nicht kannten? Haben ihre Generäle selbst nach den Revolutionen je vor Tribunalen gestanden, die den Rang der Leutnante und der Divisionsführer nicht zu unterscheiden wußten? Und ist nicht, auch ohne rote Bestreifung der Pantalone und Goldverbuckelung ihrer Schultern das geistige Gesetz, das hier nur unterschied, von feinerer Substanz? Hat man das höchste Menschliche so wenig mehr gekannt, daß man selbst, als die Völker begannen, sich selbst zu regieren, so gering es bewertete, ja es noch unter die Kaste jener Mörder stellte, die die Landsleute zu Millionen um der Bereicherung willen schlachten ließen? Ist so tief der Schlamm der Jahrtausende um sie gehäuft gewesen, daß sie das Tönen darüber so wenig metallen erhörten?
Ach wie ist unser Leben doch besser und unsere Einsicht, so gering sie noch ist vor der großen Erhöhung des Lebens, daß wir doch wenigstens begonnen haben zu unterscheiden, wenn auch vom Erkennen und Befolgen oder gar dem Erreichen wir unsterblich noch entfernt sind. Diese Armen, die noch nicht, so stolz sie sich gebärdeten, sahen, daß sie immer ins Blinde schlugen, wenn sie reglementieren wollten, was über ihnen ist, daß sie das Schlimme sich zufügten, wenn sie das Lebendige fesselten, die noch nicht verstanden, daß aus dem Künstlerischen allein ihnen das ehrfurchtgebietende göttliche Gesicht entgegenstrahlt, und wie sie mit glasbeäugten Affen es schändeten und daß das einzige und letzte Gesetz nur die große und gütige Bewegung ist, die den Geist entläßt, im Widerspiel der Kräfte sich auszuwirken: die Freiheit. Daß aber keiner unter ihnen war, der, wohl lächelnd, aber doch voll Zorn gegen die Blödheit seiner Zeit auf einen Sockel stieg und schrie: Auf Kameraden! Daß niemand sich reckte und unter einem abendlichen Himmel oder aus einem übermäßig schönen Garten zwischen den hüpfenden Wassern ihnen die Liste vorlas der großen Namen und der Geschehnisse der Leidenschaft und Liebe von den Göttern her, Leda und Europas Abenteuer, Noas Scham, Sarahs Verkauf, von Lea, Hagar, von Thamar, Aristophanes Lysistrata, Trimalchios Szenen. Siegfried bei Brünhilde, die Töchter Loths, den Boccaccio, den Simplizissimus, Macchiavell, Cervantes, Plato, sogar die deutschen Klassiker, über die das Volk so beruhigt ist, daß in ihrem sicheren Besitz es geistlos bis in die Ewigkeit gern schliefe. Und Homer am Ende, wo lieblich und anmutig die Götter alle um Vulkan und Venus traten, Witze machten und sich des Spieles erfreuten. Und daß nicht alle dann sich aufmachten, zu zeigen, Begeisterung sei nicht erstorben, und in herostratischer Tat sich bewiesen, alle sich in die Maschine begaben und sich konfiszieren ließen, damit es heiße, nur der sei kein Dichter, der nicht dem Moloch geopfert und nicht verboten sei. Das wären Taten gewesen. Daß keiner aufstand und das Monocle einwarf, das den Geist schund! Aber es scheint, sie wußten nur, wenn sie schrieben, was Rausch und Welt war und gestalteten nur Träume, nicht tapfer genug als Leute der Welt und Überlegene ebenso zu leben wie sie dachten, und außerstande die Rolle einzunehmen, die ihnen vom Geist her zukam. Sie wußten, wenige ausgenommen, vielleicht nicht, daß Leben nicht nur über ihnen, sondern in ihnen war. Nicht einmal Hohn kannten sie, wo an Handlung es schon fehlte. Arme Dächse, die den Geist so verkannten, daß sie ihn anbeten, aber nicht zu erleben vermochten.“
Sie werden voll Mitleid neben der Verwunderung sein.
8. Deutscher Casanova
Sein Werk liegt als Wrack auf dem Grund. Es wird gehoben. Seine Bedeutung ist glatt vergessen. Sie wird geweckt. Es ist sehr an der Zeit geworden. Er hieß Friederich und nannte sich Fröhlich. Er ist sich der Ironie nicht bewußt geworden.
Goethes Verwandtschaft, der Schatten des Luftschiffers Blanehard, die nahe Erinnerung Voltaires scharen sich um seine Taufe. Die Totalität ist erreicht. Die Gruppierung wird symbolisch: Größe, Schweifen, intellektuelle Geschäftigkeit machen sein Leben aus. Seine Memoiren sind für die Deutschen ein großes Ding, die arm sind an Kerlen und Erscheinungen jener weltmännischen Kühnheit, die durch Absturz und Zurückfallen nie das Trommeln des Herzens und die Schönheit der großen Welt vergessen. Er beginnt seine Tagebücher mit einem spöttischen Fresco der Frankfurter Bürgerschaft. Ähnlich endet es. Dazwischen schweifen seine Gefühle um jeden kosmischen Pol. Eine tierhaft schöne Seelenbewegung spiegelt sich, keine Konfession. Er kann nicht mehr geben, als die Zeit, die ihn trägt, ihm verleiht, und das mindeste ist immerhin doch zum wenigsten, Träger gewesen zu sein einer europäischen Idee, die Napoleon zwar mit Kanonen aber nicht ohne seelische Größe betrieb. Heut stehen organisierte Massen und Sklaven schon hinter dem Gedanken aufmarschiert. Durch ein Jahrhundert der Verkautzung blitzt ein Bild, das zwar auf Genuß ging und lebte und stritt und Welt mit Leidenschaft umspannte, mit einer Inbrunst und Hingabe, die erst große Ziele geheiligt hätten, das aber die ungeheure Bedeutung besitzt, dagewesen zu sein. Nichts gilt mehr als das. Zwischen all dem kommt ein Leben, sehr gekurvt, wie ein Ball geschleudert. Keine Zone des Abenteuerlichen bleibt entfernt, denn keine Fläche und Erhebung, an der er unbewußt sich nicht beweist. Da rollt sein Dasein dahin, er sucht ihm keinen Sinn zu geben. Es vollendet den Sinn aus sich selbst.
Es gibt für alles dieser Art nur einen Maßstab: Casanova. Der ist die weitestgespannte Leistung. Er ist Maß für Geist, Politik und Frauen. Er ist Maß für Höhe und Tiefe, universal in Geschehnis, Wissen und Gefühl. Nicht daß andere nicht besser, dringlicher, im einzelnen stärker wären. Die Welt als Ganzes hat niemand so mit Persönlichkeit umfaßt wie er. Was sonst in unseren Zeitläufen an Memoiren erscheint, ist politisch, erotisch, kitschig, konfessionell. Es ist nicht universell.
Dieser Bursche aus der Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert aber erinnert stark an Casanova, denn er hat einen ungeheuren Drang nach der Welt der Bedeutung, der Frauen und auch des Geistigen. Zwar ist er nicht so breit, härter, herber und wohl auch bürgerlicher als der Venetianer, der seine Italienischkeit dauernd zu gallizieren suchte. Auch ist er weniger launenhaft und weniger literarisch als der Deutsche Pückler.
Es ist nicht allein die schrankenlose Bekenntnishaftigkeit, nicht das völlige Fehlen bürgerlicher Scham und ihr Ersatz durch rücksichtslose Persönlichkeit, es ist nicht allein die bestürzende Fülle von Welt, Tat und Größe, auch nicht die offengelegte Kultur der Zeit, die seinen Memoiren ihren höchsten Reiz geben. Es ist vielmehr die allen guten Bekenntnisbüchern bei größter Subjektivität trotzdem eigene Bedeutung des Sekundären. Es drängt sich nicht Psychologie in jede Falte der Erzählung. Es ist nicht alles Entwicklung aus den Nerven. Die Dinge, die Sätze entstehen elementar. Es ist ein stetes Geschiebe von Oberflächen, die heftiger wirken als sublime Vertiefungsversuche. Die große Persönlichkeit des Autors erhält dadurch Kühle und Distanz.
Es wird einfach alles hingesagt, gleichgültig, was es sei. Menschen kommen, verlieren sich, sterben, Man sagt es. Dinge geschehen und wirken tödlich. Man sagt es. Man sagt es wie das Herrlichste, Furchtbarste, Intimste. Darin steht noch einmal die Unpersönlichkeit, das Registrierende, das Uninteressierte des Rokoko gegen das Schicksal auf. Die Menschen unterstehen alle noch dem Ungefähr. Sie stehen noch im Kampf mit dem Elementaren. Was wir nur noch kennen durch den kleinen Ausschnitt der Zeitungsnotizen, was sich verringert hat auf die Unfälle des städtischen Verkehrs, braust hier täglich als dumpfes Ereignis herein. Jedermann nimmt es als Schicksal. Flüsse werden überschritten, Menschen ertrinken dabei, man rechnet damit. Menschen treten auf, an deren Laune tausend Leben hängen und die der Laune nachgehen, wann es ihnen beliebt. Morde und Entführungen sind alltäglich. Bagnosklaven rudern die Schiffe, Kugeln fallen und pfeifen. Blitze schlagen in die Mündungen der Gewehre. Überall stürmt das Leben heran mit seinen primären Äußerungen.