Und doch ist hier schon ein Wendepunkt der Zeit. Doch beginnt hier ein Ineinanderwachsen von zwei Welten. Es gibt heute noch eine wüste Seefahrt. Hunderte Menschen liegen seekrank gedrängt in engstem Raume. Die Menschen sterben in Scharen. Man wirft sie den Haien hinaus, die sie fressen. Die Matrosen aber fangen die Haie und speisen sie mit Wonne. Morgen aber ist alles schon Kultur. Theater, Seide, Geist, Parfüme wirken. Die Revolution ist schon vorüber. Noch klafft ein scharfer Riß zwischen alter Welt und neuer Welt der Organisation. Doch langsam entwickelt sich die Welt nach vorn.
In einem Frankfurter Familienhaus wird er geboren. Um 1789. In Frankfurt wird gut gespeist, gut getrunken. Das Gewoge einer Kaiserkrönung leuchtet noch einmal durch die Stadt. Seine Jugend überflutet bald Deutsches, bald Französisches. Er wächst heran, im kindlichen Herzen schon Zorn und Fehde gegen das Bürgerliche. Er kommt zur Erziehung nach Homburg. Sofort beginnt er nach Erlebnis zu suchen. Sie hetzen Säue in den Schloßgarten, werden verhaftet, schneiden der Wache die Zöpfe ab. Homburg loht vor Empörung. Nun kommt er nach Offenbach. Diese Stadt ist damals eine beliebte Niederlassung von Mystik. Ein Polenfürst und Heiliger lebt dort mit einer Sekte. Er reitet nur mit großer Leibwache aus. Tausend Magnaten aus Böhmen, Lausitz, Polen und Mähren kommen bei seinem Tode und füllen die Stadt mit Geschrei. Fröhlich eröffnet ein Liebhabertheater. Bettina Brentano ist dabei. Große Sensationen reißen ihn mit, er rückt aus nach Mainz, um die Hinrichtung des Schinderhannes zu sehen.
Hier zeigen sich schon deutlich zwei Pole seines Wesens: Theater und Frau. Man kann sagen, daß er ein unterdrückter Schauspieler gewesen sei. Als er es werden wollte, widersetzt sich die Familie, die Landgräfin in Homburg sperrt ihm die guten Häuser, denn Schauspieler werden hieß etwas sehr Gemeines sein. Fröhlich versucht es mit Gewalt, reißt aus und fährt zu Goethe nach Weimar. Zwar ist Schiller sehr freundlich, kann aber ohne Goethe nichts tun. Der aber empfängt Fröhlich steif. Frau von Staël steht neben ihm. Goethe weiß dem Jungen nichts zu sagen, schreibt aber sofort an Frau Rat, Frau Rat geht zu seiner Mutter und die Familie läßt den Ausreißer arrestieren.
In dem Knaben brennt die Lust nach Frauen. Der Knabe hat schon drei Geliebte. „Don Juan“, die „Liaisons“ und der „Faust“ sind ihm Lektüre und Inspiration. Ihm wird nun alles Weg zur Frau. Darum zog ihn auch das Theater. Alles, was er künftig nun tut, hat alle Rückwirkung, alle Bedeutung, allen letzten Sinn nur in der Richtung auf die Frau. Das Feminine wächst als Zentrum in sein Gehirn. Sein Leben gruppiert sich darum. Die Welt kristallisiert sich ihm mit allen Offenbarungen in die Frau. Wertlos ist ihm, was nicht dahin zielt. So ergibt sich für sein Leben Linie und Bestimmung. Darum wird er Offizier. Ihn lockt nicht dies Handwerk, dieser Beruf. Ihn reizt das Sekundäre. Die maßlose Weite der Welt mit allen Möglichkeiten und Ahnungen schließt sich darin für ihn auf. Als man ihm Hessen-Kasselsche Dienste offeriert, lacht er über die Parade-Zopfsoldaten. Er geht nach Mainz in französischen Dienst. Hier schlägt das Leben schon lebhaft. Er empfindet und philosophiert über den Gegensatz zwischen der leichten Lebensart dieser Stadt und der kalten Spießigkeit der Frankfurter Prozentgesichter. Er kommt in Berührung mit dem Französischen, das allen seinen Sehnsüchten entgegenkommt und ihn hebt, ihn aber mit einer so freien Lebensform belastet, daß ihm andere Milieus unerträglich werden müssen. Zuerst war sein Liebesempfinden bei allem Genuß keusch. Nun wird früh sein Urteil über Frauen bestimmter. Er sucht in der Liebe den Geist. Dirnen verachtet er. Hier ist er enger als Casanova, der in dem unscheinbarsten Mädchen die Welt sich offenbaren fühlte, der das Leben empfand im unbedeutendsten Femininen, weil das Weibliche ihm noch ungeheuerer als Fröhlich letzter Sinn und Mittelpunkt der Welt geworden war. Aber er hat mit Casanova gemein das Trösten über die Frau bei der Frau. Eine Trauer, die zur Vereinsamung führen müßte, treibt sie zu anderen Frauen, und diese saugen sofort den Schmerz ein.
Hier ist er sechzehn Jahre alt.
Man gibt ihm sechzig Soldaten. Deserteure, Russen, Verbrecher. Er führt sie in tollem Zug in Garnison nach Toul. Dort entwickelt sich ein Garnisonleben mit Liebe, Kaffeenächten, Duellen und Komödie. Das Milieu ist Gesellschaft und Militär, beides unsicherer Boden, von Frauenintrigen durchkreuzt. Die Männer haben alle eine Vergangenheit und pendeln zwischen Uniform und Galeere. Dann zieht er nach Avignon. Petrarcas Name deckt zahlreiche Amouren. In Tarascon liefern sie den Bürgern eine Schlacht und kommen in Garnison nach Montpellier. Fröhlich kommt in die Stadt und denkt: Frauen. Er läßt den ersten Friseur kommen, gibt ihm Gold und fragt ihn aus. Er beginnt schon mit Methode. Er lernt den Wert des Geldes kennen als Bahnbrecher zur Erlangung von Macht. Er schildert das Bagno, eine Menagerie angeketteter Verbrecher, Bischöfe, Generäle und Dichter. Dann fährt er zu den Besatzungstruppen nach Genua.
Seine Empfindung ist künstlerisch. Doch ist dies nicht wegen der Kunst als solcher, als abstrakten Genusses, so. Auch hier zielt er nach der Frau. Künstlerisches hat ihm nur Wert in Beziehung auf Empfindung und Leben. Leben heißt ihm aber: Frau. Bilder liebt er nicht. Natur, die er gut schildert, ist ihm letzten Endes gleichgültig. Er schaut sie als Hintergrund des Erlebnisses, als großen Rahmen des Abenteuers. Besucht er in neuen Städten Museen, alte Viertel, Kirchen, tut er es nur, vielleicht unbewußt, in dem Trieb, in dieser Atmosphäre der gesteigerten und erregten Menschlichkeit Weiber zu finden. Als er Canova kennen lernt, mißfällt ihm dessen monumentaler Napoleon. Aber die Figur einer Nymphe reißt ihn in alle Himmel. Durch die Frau kommt er zur Musik. Hier findet er unerschöpfliche Mittel, zurückzuwirken. Er bildet sich aus, singt, lernt Instrumente, komponiert und gibt Märsche heraus, mit denen die Garde später ins Feuer marschiert. Sein großer Trumpf ist Mozart. Überall holt er die Noten heraus und singt und die Frauen ergeben sich. Er macht Mozart zur Mode in Italien.
Aber er lernt auch sofort Italienisch. Es ist eine neue Waffe zum Triumph. Damit dringt er in das italienische Leben ein. Er kommt in die Gesellschaft, das Leben weitet sich vor ihm. Die kulturellen und sozialen Verhältnisse des Landes durcheilt er in äußerst reizvoller Schilderung. Er hat wunderbare Gaben, sich in fremde Milieus hineinzufinden. Er verkehrt bei den Doria und Spinola. Die Welt nächtlicher und mondbeschienener Polichinell- und Pierrot-Tragödien eröffnet sich. Die Damen flüstern: der französische Offizier, der den „Don Juan“ singt . . . Mit einer glänzenden und komplizierten Faschingsintrige erobert er eine große Frau, die Marchesa P. Und trotzdem diese Handlung ihn dem Tod aussetzt, trotzdem er seinen ganzen Willen, seine volle Erlebnisfähigkeit darauf gerade richtet, hat er dennoch andere Frauen nebenher.
Zum Abschied schenkt ihm die Marchesa einen Rubin. Morgens um sechs knattern die Trommeln. Sie ziehen weiter. Wasserleitungen, Mauern und Galgen bereiten Rom vor. Sie durchziehen Italien bis Neapel. Neapel wird ihm das Dorado der großen Welt. Die Eleganz des Lebens und der Theater ist fabelhaft. Die Mißstände der Regierung aber sind schlimm, da sie von schlechten Pariser Subjekten geführt wird. Der König Joseph verläßt sich auf die Minister, diese machen alle Mißgriffe der Organisation. Das Land gärt. Es gibt blutige Aufstände in Kalabrien. Die Engländer landen Truppen, die Franzosen erhalten eine Niederlage. Das Land loht ganz auf. Da siegen die Franzosen. Die Engländer schiffen sich ein und überlassen das Land seinem Schicksal. Die Weltgeschichte wiederholt sich Schlag um Schlag. Fröhlich macht bei dem ersten Rückzug einen Aufsehen erregenden Durchbruch mit wenig Leuten durch die Franktireurlandschaft. Er kämpft tollkühn, wie ein Löwe, und ganz kühl. Auf einer gewagten Streife fängt er einen falschen Fra Diavolo. Der echte wird später gefangen. In unzähligen Momenten offenbart sich in diesen Partien Einzelschicksal tragisch und elementar.
Fröhlich liebt den Krieg. Seine Phantasie fliegt dem Abenteuerlichen, dessen ewige Inkarnation die Frau ist, zu. Schlacht, Blut, unstetes Streifen sind Stationen, sind Wege zu ihr. Ruhm ist ein Glanz für die Frau. Keinen liebt sie mehr, als den, den sie in Gefahr weiß. Dies kennt er all. Rinaldo, Schinderhannes, Fra Diavolo — er bewundert sie, denn er sieht hinter ihren Taten den Eindruck auf die weibliche Psyche. Deshalb bekämpft er sie, um als ihr Besieger noch strahlender zu sein. Er ist ihnen innerlich näher als irgend einer. Er bekämpft sie. Aber aus Ruhm und nicht aus Moral.