Diese Leute schrieben ohne Ehrgeiz, sahen, schilderten gläubig. Ihre Mission war getan. Das Buch war ihnen das sekundäre. Ihre Aufgabe war anderswohin orientiert.
Das Bild der Erde ordnete sich, vervielfachte sein Einzelnes, kam in genaues Maß. Nun Reisende befuhren sie auf Bahnen und Schiffen, um sie zu beschreiben. Sie repetierten Geschildertes in die Unerträglichkeit des tausendsten Falles. Sie dilettierten mit geschmacklosen Impressionen. Bürgerliche Herzen reflektierten den Strahl der Welt zu grauenhafter Uniformität. Das Mechanische ist leicht geworden. Niemals begriff der Reisende aber, der fuhr aus Reichtum, aus Genuß, aus Langeweile, daß das Geistige sich maßlos komplizierte. Gelehrte sind phantasielos, wo der Stoff sich nicht selbst betont. Dichter und Künstler fahren, geben dieser Gegend jenen Reiz ihrer Anschauung, dieser die Leuchtkraft ihres Stils. Da nichts zu entdecken mehr, bleibt die Sensation der individuellen Darstellung. Solch Geschaffenes kann schön sein, aber für das Allgemeine ist es ohne Wichtigkeit. Es bleibt im Ästhetischen wie bei Kellermann. Im bürgerlichen Impressionimus wie bei Hesse, Bonsels. Der große Auftrieb fehlt. Es genügt nicht. Es wird dichterisch in manchem Höhepunkt vielleicht wichtig als Gestaltung, wie bei Loti, Brun und Suarès. Dies zielt aber in anderes Gebiet. Hier entsteht Dichtung. Aber die vielgestufte Erde wird damit nicht umfaßt.
Es bedarf der Persönlichkeit. Überlegenheit des Temperamentes ist die erste Forderung dieser imaginären Figur. Seine Stirn bleibt stets oberhalb der betäubend in Fülle ihn umschwankenden Erde. Sein Auge dichterisch, seine Phantasie leicht gezügelt, sein Herz voll Gesinnung . . . . . erlesenes Zusammenspiel. Er kann schreiben, aber dies ist ihm nur Durchgang. Er schaut, er durchlebt, er übersieht. Am Hebelwerk von Zivilisation und Kultur erblickt er den ewigen Ausgleich der Welt mit der Triebkraft der Elemente. Er geht durch das Schöne, das ihn berauscht, hinunter zu den schöpferischen Quellen humaner Existenz. Im Wirbel der Nationen erkennt er das Endgültige und legt das Einzelne danach aus. Mensch zu sein als oberste Pflicht, gerecht zu sein mit Härte als Bedingung . . . . wie entschält bei solcher Haltung sich das Dasein zu ungeahntem Zusammenhang. Wie kreist die Fülle, blendet der bunte Umschwung, gebiert sich das Rätsel. Er ist Dichter und Gelehrter, er ist ein Kerl und Geliebter, voll Schmutz und voll Inbrunst. Ihm geht nichts, was erhebt und erniedrigt, ab . . . welche Mischung. Er sieht durch den Gegenstand durch auf den Sinn. Ihm kommen die Zusammenhänge entgegen. Darum schildert er nicht. Er hat glühendere Leidenschaft. Er sieht, und das bedeutet ihm Abschätzung. Er urteilt. Er reist . . . . und das heißt — um endlich die Spitze zu treffen — er ist politisch. Weltmann, Genießender und Forderer . . . . diesen Politischen Sinn hat unter den Deutschen nur der fürstliche Muskauer gehabt. Aus der Totalität seines innerlich kultivierten Herzens vermochte er die Erde zu beurteilen und sich gleichzeitig an ihr zu berauschen. Er konnte es damals schon, als er in unbekannte Territorien stieß. Denn er war ein Mensch, der sich rund wußte. Der seine Verantwortungen kannte und somit die Verantwortungen der Schicksale, der Erde sah. Nur das Bild des innerlich geformten, in Gesinnung erglühten Menschen spiegelt die ganze Form der Schöpfung wieder. Die fremde Erde, die wunderbaren Gärten der Inseln und entlegenen Länder und die Betriebsamkeit ihrer Städte und Völker fallen und steigen vor solchem Blick nach dem Rhythmus der menschlich gerichteten Gesetze. Er sieht und urteilt. Was er entschält, ist der Mensch. Ist sein Bild gut, wird auch das Antlitz der zerrissenen Erde heiter und schön sein. Weiter hat alles andere keinen Sinn.
10. Datterich (Dialekt-Tragik)
Ich setze diese (zu seiner Säkular) geschriebene Zeilen hierher, um Niebergalls Andenken zu retten. In seiner Heimat streiten Pastoren und Pollissons, ob er als versoffene Unke oder gleisnerisch und im Gehrock sehr früh die Jagdgründe vertauscht habe. Seine Tragik ist aber, daß diesen Schaffer des stärksten Dialektgeballs zehn Stunden hinter seiner Vaterstadt kein Mensch und keine Rübe mehr versteht. Er wollte das größte und hat (immerfort) das kleinste Publikum. So deutsch schrieb kaum je einer, es ward aber (den anderen) chinesisch. Er war ein armer Kerl, vor dessen Werk die Zeit ihre Ironie exerzierte. Er soll im Angedenken nicht verloren gehen.
Kann etwas leichter sein, als mittags, das Gesicht gegen den Himmel schwebend, zu liegen. Zwischen Himmel und Gesicht hängt das Glasdach eines Atelier. Kann etwas leichter sein, als daß Märzgewitter klingend darüberspielen, Hagel auf dem Dach sich zerhaut, der aus dem Imaginären kommt und mit einem Mal ganz nahe wie ein Tier in wütendem Bündel gegen das Gesicht stürzt. Aber das Glas schwebt ihm entgegen, leicht und glänzend, und das Eis zerknackt sich an ihm mit klirrendem Anprall. Es lautet, als beiße der Hagel sich toll die Zähne aus und unser Gesicht liegt lächelnd darunter. Gewitterschläge schwingen und stehen überall in der Luft. Regenbogen laufen über das Kristall des Atelier, einer Blase von Glas gegen die süße Wut der Gewitter aufgebeult und mit einem Male dann wieder lichter Ballon und breiter Schmetterling in seidiger Sonne schwimmend, von strahlendem Himmel gehalten. O Leben unserer beiden hessischen jungen Dichter, das diesen Tagen glich wie ein Tanz einem andern und jeder kurze Rausch den ungeheuren Räuschen dieses Seins. Georg Büchner, erster und liebster der Darmstädter Dichter, dessen Kunst ein zuckendes Tremolo von Faustschlägen war über einem schlanken Stück Jugend, und der aus der fabelhaften Explosion seines vierundzwanzigsten Jahres wie ein metaphysisches Projektil in rasende Unendlichkeiten geschleudert wurde. Und dann, Genosse seiner Stadt und Zeit, trunkener Bruder seines maßlosen Suchens, stiller und seßhafter Mensch, Ernst Elias Niebergall, Hauslehrer und Theologe, immer gefüllte, nie zerplatzende Petarde im sonntäglichen Raum der kleinen Stadt, aber immer geschwellt und ewige Drohung, auf einem schmalen gezäunten Steg Leben lavierend, manchmal von Räuschen überschaukelt, taumelnd durch Wein und Bürgertum, und im achtundzwanzigsten Jahre sanft hinausgeschoben über die breite Dürftigkeit des Lebens, das mit groteskem Schweigen und wahnsinniger Komik gefüllt war bis zum obersten Rand. In Darmstadt heißen sie solche, die mit neidisch-verkrampften Fingern gierig und bebend nach dem Glas haschen, ehe es noch die Tischkante berührt, deren Hände tanzen den ganzen Tag vor zitternder Sehnsucht und die sich erst beruhigen im Griff des Römers, solcher Leute Zustand heißen sie Datterich. Ernst Elias Niebergall hat seine verschwiegene Tragik, seinen unheimlichen Humor, in ein Stück hineingeschrieben, dessen Mittelpunkt, Helden und Partikulier er Datterich nannte. So heißt auch das Stück, das zu herrlich war, als daß man es über hundert Jahre hätte vergessen können. Es kann sein, daß man das Stück sieht fünfmal, fünfmal in vier Wochen, es kann sein, daß das Falsett begeisterungsfähiger Weiber in Lerchentönen schluchzt, das Herz muß folgen, denselben Takt, denselben Takt.
Hier schwankt das bürgerliche Leben in jeder Breite voll Tollheit, Dürre, klebend, aber wundervoll in allen Gängen bewegt gleich einem rasch durchhauenen Ameisenbau in der Vielheit der Gestalten hin und her. Luft vom Anfang vorigen Jahrhunderts, dick und bleischwer, weht mit Figuren belebt, die taumeln. Niemand kennt mehr diese Butzenscheiben und guten Stuben und blankgefegten Dielen der Kneipen, die das Geschehen der Dinge, diese Menschen einschließen. Überall hier kämpfen Außenseiter des Bürgerlichen den uralten Kampf ihrer ewigen Legion gegen die starre Barrikade der kleinen Stadt. Typen, Typen, Typen . . . es ist unsäglich, Saft, Blut, aufspritzende Kraft, trunkenstes Sein . . . das Leben ist zu rund, ist zu massiv, als daß es töten könnte. Wie Geigenstriche rennen die Streiche der Kneipenhocker über die biedere Physiognomie der Stadt. Ihre Sprache hat eine Gedrängtheit von lapidarem Humor, ihre Geste hat das Groteske des Tragischen, ihre Hose die Seßhaftigkeit der langen Nächte und des gering gebliebenen Horizonts. Aber in der nichts Weites und Glühendes gewohnten dürftigen Enge ihrer Seelen und Gesichte heult mit dunkler Ewigkeit die klingende Fronde. In ihren Herzen vagabundiert die Endlosigkeit der Welt, während sie skaten und saufen. Ihre Lüge ist Geistigkeit, ihre Kehlen, die strotzend voll Musik liegen wie die Bäuche der Baßgeigen, legen jedes Wort hin wie einen Stein, so fest, und fassen alle Sachen ihres gewöhnlichen Lebens in Worte von ungewöhnlichster Gewalt. All ihre Anstrengungen scheinen nur Kämpfe gegen Kellnerinnen, Schuster, Vorstöße gegen Beamte, Metzger, Barone, aber im tieferen Grunde ist es gegen die unerhört schöne Borniertheit des schlechthin Bürgerlichen der Anprall der heißen Welle der Phantasie. Zwischen den großen Fugen liegen die kleinen Entreakte von Liebeslauten gelispelter Derbheit, Duelle der Drechsler, Politik im Mikrokosmos des Weindorfs, nächtliche Parke und Philomelen, von bourgoisen Blicken gestreichelt, bourgoisen Rahmen eingeordnet und doch in einem tollen Wirbel darüberhinaus sich hängend wie schwere Goldreinettes über Landschaftswegen. Manchmal aber fällt alles in einen bacchantischen Strudel des Geschehens, der Rede, der mitlebenden Szene. Worte fallen, platzen. Gesten explodieren, die gefesselte Seele des Stücks entzündet sich über die Enge des spießerischen Raumes hinaus, brennt immanent dem Milieu, strahlt von innen, glüht, johlt, die Szene biegt sich wie unter dem Gestampf eines schweißig ringenden Paares, die Bühne birst vor der Kraft und steht am Ende dampfend da und erledigt von der Wucht des Gewesenen.
Durch den unermeßlichen Strudel in Emotion gebrachter und glühender bürgerlicher Weltatome aber schwingt sich wie ein Sommermond schön, tragisch, toll und hundsföttisch die Figur des Datterich. Er hält gleich einer überlegen parodierenden Gerechtigkeit die sechs Bilder des Stücks in seinen Händen, doch sie werden seinem Gleichgewicht zu schwer und ziehen ihn nach der Seite und lassen ihn eine Weile in hellen Zirkusrädern hinrollen, bis er in einer Minute neuer Balance in eine große Pose zurückfällt. Am Ende schlägt sich das Stück mit allen Agierenden in einem bunten und prachtvollen Rad noch einmal vor ihm auf und er hält Abrechnung mit der Welt, den Kopf in den Nacken gelegt, die Hand leis bewegt von oben nach unten. Er ist überlegen in allem Angeborenen und vom Blut Bedingten, himmlischer Gegenpol des Städtischen, Verschwisterten, Engzusammengebauten, siegreich, glänzend, allein. Kurz darauf aber jagt ihn am letzten Horizont des Stücks die harte Realität eines Fußtritts aus der Bahn. So schwenkt auch hier in einer höheren Bedeutung der tolle Kreislauf des Lebens den Helden in einer entzückenden Miniatur aus dem Hochgefühl in die Beschämung, denn es ist gut und recht so, daß ein Wechsel sei.
Datterich ist alles, was das Leben schön macht: er ist Romantik, ist geistvoll, ein Schwein, verkommen, voll boshafter Lyrik und pragmatischen Sentiments, Filou, brennend vor Unternehmen, ein Hund, voll Ehre bis unter den Fingernagel, ohne Geld und das Leben wie auf einem Karussell mitfahrend, auf dem Gelage, Wind und Abenteuer ist. Seine Gestalt erscheint komisch und heldisch, aber unethisch am Ende, weil sie alles hat, nur nicht das letzte und trübste Requisit des Nichts-Als-Bürgerlichen: Güte aus Sentimentalität. Durch das Transparent von Spießigkeit und feineren Weinen ist er ein Fenster auf die tragische Narrheit des Lebens, das leichter und klüger scheint wie das der Bouffons des Briten und vor allem — viel zu massiv als daß es töten könnte.
Schneidet man ein Filet von gutem Ochsen, rasch auf heißestem Rost gebraten, blank auf, läuft der Fleischsaft hellrot heraus. Das ist die Sprache des Stücks, Dialekt, Darmstädtischer, stumpfer, modulationsloser wie der des Elsaß, mehr in allen Kapriolen der A und O aufsteigend und fallend, nicht schillernd, unmusikalisch, aber schwielig und breit und ungeheuer spießisch, derbblutig, doch ohne Elan. Und wie das klingt . . . und drüber hinaus, wie die Drähte laufen vom Lokalen zum letzten Seelischen und vom Dialekthaften plötzlich ins bitter Schmerzende und um alles schließlich Funken der großen Fahrt aufsprühen in der rasenden Bewegtheit, der latenten Seinsrealität in allem Fließenden . . . wie die Sätze jagen, Schlag um Schlag, Schläuche gefüllt mit Drastik, Urtum, Bauernhaftigkeit und derbem Leben . . . wie das Ganze so muskelhaft ist, daß es die besten Spieler unserer Zeit mit den redlichsten Darstellungen nicht verhunzen können — man muß das sehen, es ist mit der verzweiflungsvollsten Wucht noch immer nicht zu sagen.