Daß das Stück Lokalposse heißt, ist eine Bescheidenheit, die sich nach sechs Sätzen von selbst auffrißt. Denn hebt man das kriwwelnde Gehäuse tiefsten Bürgertums unter eine rasche Lupe, stürzt in einem jähen Aufrauschen die Welt mit größtem Geschehen unter das Glas, und mit einer schreckhaften Blässe erkennen wir keine Gebundenheit mehr an Zeit, Ort und Sprache, sondern alles Zierliche und Kleine hängt mit einem Male in ungeheueren Dimensionen mit gewaltigen Mäulern schluckend und saufend an den breiten Mutterbrüsten der obersten Welt.
Ernst Elias Niebergall wurde geboren Achtzehnhundertfünfzehn und starb mit achtundzwanzig Jahren. Neben anderem liebte er Wein. Auch war er nicht ohne europäische Gefühle.
Kann etwas leichter sein, als an Dichter denkend, mittags, das Gesicht gegen den Himmel schwebend, zu liegen. Zwischen Himmel und Gesicht hängt das Glasdach eines Atelier. Märzgewitter stehen wie wilde Hummeln über dem seidigen Blau im Horizont.
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11. Theodor Däubler und die Schule der Abstrakten
Theodor Däubler ist im menschlichen Schnitt schon kosmisch geraten. Aber seine Monumentalität ist nicht mehr rassehaft; mit schwarzem Bart, dem riesigen Körper und den kleinen halbmondhaften, schrägen Augen langt er nach Asien wie sein Werk. Es geht da alles schon übers Europäische hinaus. Auch ist er der einzige, der neben Schickele weise genannt werden kann. Seine Blutmischung ist romanisch-italienisch, die des Schickele romanisch-fränkisch. Wir scheinen keine germanischen Geistsouveräne mehr zu haben, sind in einem Tiefstand der Rasseäußerung. Wir hätten sonst den Krieg nicht angefangen und nicht verloren. In Clémenceau, in George, in Pétain ist ein auch dem Blutfeind ins Gesicht hüpfender Überlegenheitswille. Bei Jagow, Scheidemann, Hindenburg eine platte Mittelmäßigkeit. Erst aus den Katastrophen wird die deutsche Seele, wahrscheinlich später, wenn beruhigtere Epochen uns ablösen, sternhafte Klarheiten äußern. Däubler ist eine der wenigen Figuren, die heut nicht nur genial sind, sondern eine Größe darstellen, wie sie die überlegeneren Franzosen mehr besitzen. Er ist ein Bruder des Francis Jammes, des in Deutschland fast unbekannten großen Charles Louis Philippe, aber auch einer Litaipes und der Veden. Er ist einer der von innen Leuchtenden, selbst das Dunkle und Wirre hat den einfachen Reiz. Eigentlich ist er wohl Lyriker. Über Kunst hat er das Schönste nicht nur, sondern auch Wesens-Tiefstes gesagt. Als europäischer Wanderer hat er noch für Impressionisten gekämpft, Picasso durchgesetzt, und ist erst im Kriege nach Deutschland gekommen. Man sagt, auch über Musik habe er Bedeutendes geäußert. Lange, ehe italienische Nationalisten damit energisch Schule propagierten, hat er futuristische Verse geschrieben. Seine Prosa ist von großer Bedeutung für die Entwicklung. Sie ist wie sein Vers merkwürdig undiszipliniert, an manchen Stellen läuft sie hinter ihm her, als kümmere sie ihn nicht. Dann aber macht er sie wie Schnee.
Das ist der geheimnisvollste Prozeß auf der Erde überhaupt. Im Schneien sind alle Farben, Freuden und Abenteuerlichkeiten des Erlebens immer vorhanden. Bauern und Gebirgler unterscheiden ihn auch nicht etwa weiß, sondern blau und rot. In Wahrheit ist das natürlich erst der Anfang, ihn zu begreifen. So ist das Wichtigste wohl an ihm. Man muß denken, daß er stark im Süden wandre und am besten von dort aus seine Sehnsuchtsverschwisterung mit den Sternen erreiche, und man kann nicht verfehlen, dabei von Malern reden zu müssen, um ihn deutlich zu machen. Da ist Chagall, der ja auch im slavischen Seelenlabyrinth die Südlichkeit hat. Die russische Seelenbreite hat Däubler gewiß, aber es ist nur ein Bogen. Dann hat er jene Klarheit, die schon aus dem Gefühl vom Jenseits der Gegenstände kommt, das Klee in guten Momenten erreicht. Jenes Nur-Wissen um Tiefe der Farben und der Mondbewegungen. Manchmal scheint es, als laufe die ganze Epoche dort hinaus und das dauernde Zerstören der Form lande in einer ganz abstrakten Kunst. Mir scheint das ein bedeutsamer und enger Irrtum. Denn nur ganz wenigen und innerlich erlauchten Personen ist es verliehen, über die Dinge hinaus zu sehen und die Mauer zu überblicken, hinter der das Weltgeschehen wie ein schönes und feierliches Changieren der leuchtenden und klaren Weltkörper vor sich geht. Dahin rechne ich nicht die italienischen Futuristen, aber Chagall, Klee und Däubler. Die andere Kunst wird immer auf der Erde bleiben, wo sie im Kampf mit den Gegenständen und ihrer Vergeistigung schwere Niederlagen und heftige Siege von fast gleicher Größe erreichen wird. Auf das ins grammophon- und bilderbuchhafte Treiben des Dramas, das in den Scharnieren schon knackt, geistig wohlverstanden, aber dennoch knackt wie ein Panoptikumsaffe, wird ein wilder Hereinsturz naturalistischer Gefühle folgen. Ihr habt’s zu weit geschoben schon. Das Negieren der Tatsachen und Ins-Blaue-Wursteln mit reinen Vorstellungen ist eine Räterepublik von 1919. Die Bauern werden Euch mit Knüppeln erschlagen. Eine Schule der gegenstandslosen Kunst halte ich für unmöglich, aber es wird vielleicht ein starker dekorativer Stil daraus entstehen. Die Suggestivität des erregenden und harmonisch-einschlingenden Weltalls werden nur ganz wenige überirdisch schauende Künstler fertigbringen. Fast alle abstrakten Künstler sonst würden versagen, wenn man sie vor Aufgaben der Stofflichkeitsbezwingung stellte, und zwar so, daß ihnen nur offensichtlich Dilettantisches und Dünnes gelänge. Das heißt, ihr Zusammenbruch wäre kein radikaler und bestürzender, was ja für sie spräche, sondern er würde werden wie eine Entschleierung. Nun hat aber Däubler noch etwas, nämlich auch die kosmische Ruhe, das Idyllische und sich im Geistigen so zu-Hause-Fühlende, als sei das seit Jahrtausenden die Tätigkeit seiner Familie. Etwas ähnliches hat Franz Marc bei uns versucht, indem er auf die großen persischen Vorbilder kam. An geistiger Idylle haben wir ja den Schweizer Walser. Der schreibt immer wie ein Knabe, aber nicht ohne Raffinement. Walsers idyllische Welt hat auch Regenbogen, aber mehr im Sinne der naiven Kinderbücher, sie ist doch in wichtigen Momenten ins andere Jahrhundert zurückgewandt und hat bürgerlich-romantisches Blut wie der Spitzweg. Seine Abenteuerlichkeit besteht doch wesentlich darin, daß er sich abseits der Gesellschaft empfindet, er steht im Gegensatz zu ihr, aber deshalb noch lange nicht in Ninive. Wenn die Schweiz die Welt allein wäre, ließe sich diskutieren, daß er ein großer Dichter des Kosmos sei. Aber wenn Däubler erstaunt ist, ist es nicht die erzwungene Naivität des graziösen, fast rokokohaften Jünglings, sondern das Staunen der ersten Tiere, der Heiligen, des Defoe und der Erdkörper selbst, wenn es wahr ist, daß sie in einem göttlichen Atem immer schaukeln. Sein Glaube an die Erde und gerade ihre Mission und die der Menschen ist ungemein groß. Seine Prosa sagt es genau wie die Lyrik. Interessanter, als was er sagt, ist daher immer das Darumzitternde. Obs ein Bild oder eine Nacht ist, plötzlich geistert es. Natürlich hat er nie Erzählungen geschrieben oder Sachen, die vorgehn. Höchstens, daß er auf sie gleich einem Schemel steigt, um rasch da hinauf zu kommen, wohin ihn es zieht. Seine Sätze werden sofort visionär, umnebeln sich und irren im Freien. Dabei haben sie eine Zeugungskraft in sich selbst, die Däubler oft fast in Hoffmannsthalsche Nähe bringen, wo Lust und Klang sich berauschen an sich selbst. Doch er gleitet immer heraus, er ist weich und monumental, das weist ihn auch (wie die Lasker-Schüler) auf den Erdteil manchmal, der der Welt geistig näher ist als Europa, nach Asien. Suchte man ähnliches im Rein-Deutschen heut, bliebe Hans Thoma, mit guten Altmännersprüchen und der meisterlichen Gestaltung eines Stücks Deutschtum, das man Waldbach oder Mondschein nennen kann, das aber nicht in Siriusakkorde einschwingt. Tief unter Däubler. Wir sind doch sehr arm, eben weil wir, den Anschluß verloren hatten. Welche Geistriesen waren die Ottonen, war Heinrich der Vierte und Geprüfteste noch gegen diesen armen mechanisierten Ludendorff. Däublers Sprache ist eigentlich tatsächlich Schnee. Sie setzt sich aus wenigen Flocken in ein Gestöber um, Vision opalisiert sich an Vision der Farben, öfter kommt eine fabelhafte Gebirgsgegend unter fast fremder Sonne mit donnerndem Blauhimmel. Er hat in der Sprache keine logische Absicht mehr, sondern vielmehr den Willen, aus ihrer ungeheuren Vielhaftigkeit immer das Sternspiel herauskommen zu lassen, berauscht sich am Anblick und spielt damit immer weiter, bis er rasch in Seelenzustände wieder hineinschwingt. Dabei bekommt die verhüllte Farbskala immer einen dalmatinisch silbernen Schatten um die Kontur. Immer neue Landschaften der Seele fallen vor den Wortvisionen auf.
Er hat da einen Antipoden und einen Freund im gleichen Bezirk, sowie einen, der halb in seinem Ring, halb außer ihm liegt. Nämlich das sprengende Prinzip, das ähnliches erreicht, doch nicht mit Pendelschwingen eines alles einbeziehenden Gefühlsmeeres, sondern mit einer bombenhaften Zerschmetterung aus dem Hirn her, das ist Gottfried Benn. Er hat nur ein ganz kleines Territorium inne gegen Däubler, ist aber neben ihm in anderem Sinne gleich wichtig für die in ganz ungekannte Grenzen brandende Bedeutungsentwicklung der Prosa, die wahrlich heut fast genau so viel ausdrücken kann wie die Lyrik. Auf Vorgänge kommt es ihm nicht an, ihn sensationiert das Wort wie eine Metallkugel, in der ihm alles gespiegelt ist, was er liebt, braune Haut, Weiber, Göttliches in Überfülle. Das Zerebrale feuert ihm die Welt auseinander, fast um sich beißend, drückt er aus dem Wort die letzte Schlagkraft heraus, ein dramatischer Vorgang, ein Krampf immerhin. Sein Gesicht wird derart mit Spannung und Ladekraft überhäuft, daß es ungemein angezogene Kurven erhält. Im molluskenhaften Urnebel Däublerscher Sprache vollzieht sich der Bennsche Vorgang wie Kristallisieren, Eckenbekommen, geometrische Schlagkraft des Ewigkeitsausdrucks. Die Entschlossenheit ist ähnlich wie die von Heckel oder Kirchner, wahrscheinlich aber innerlicher und neuere Gebiete aufbrechender als die der beiden Maler. Tatsächlich wird hier explodiert und bis zum Wehtun intensiv umgedacht in gehämmerte neue Gestalt.