Genau so sicher verleugnet Franz Kafka alles, was im menschlichen Bezirk beziehungshafte Bedeutung hat, es interessiert ihn keine Minute. Logik und Psychologie und alles, was uns an menschliche Begrenztheit und Abgeschlossenheit gegenüber dem Äther erinnern könnte, ist gar nicht mehr da später. Allerdings noch am Anfang, was ihn allein von den anderen unterscheidet, denn er fängt Geschichten zu erzählen an, Handlungen und Hergänge wie die Dichter unserer Großmütter auch. Aber dann ist bis zum Gefrieren erschreckend, mit welch übersinnlicher Sicherheit und Präzision sich die Sache ins Kosmische entwickelt. Grad’ wie er die Linien durchbricht, die unsere Welt von der außenliegenden absperren, ist phänomenal. Plötzlich, wie durch Magnetisches, sind sie durch das Glas weg, was uns einschließt, und gehorchen mit gleichen Absichten ganz anderen und größeren Gesetzen. Man denkt an Jules Vernes Vorgang der Expeditierung der Menschen auf den Mars mittels des Fernrohrs, natürlich nur ein recht grober Vergleich. Jedenfalls praktiziert Kafka das Wunder tatsächlich ganz natürlich in seine Vorgänge hinein, die sich auch ganz übernatürlich auflösen. Tod, Schmerz und Lust existieren in diesen Räumen nicht mehr, da entwickelt alles sich aus den Formen eines übergeordneten tragischen Geschehens. Diese Form ist im Grunde natürlicher und bedeutender wie die Meyrinks, der sein Geisterreich immer konstruiert, immer einen Fächer aufschlägt, immer die Pose hat, daß selbst der naivste Schwung bemerkt: alleweil geht es ins Nebulose. Allerdings kommt er dann auch glatt hinein. Natürlich ist aber Kafka ein bescheidenes Talent in der Kraft seiner Äußerung, schmale Novellen und Betrachtungen machen einen recht kleinen Kreis um Prag. Aber die Eindeutigkeit ist gewiß sehr ausstrahlend.
Ebenso ist es mit Paul Adler. Diese Dichter all haben ja nicht die Absicht und wahrscheinlich keineswegs die Gestaltungskraft, das Bild einer Epoche und eines Volkslebens aufzubauen wie Dickens, Voltaire, Balzac, Zola. In diesem Sinn kommen sie überhaupt nicht in Frage und können so gar nicht angeschaut werden. Es fällt eher in Philosophisches statt in soziale Strukturen, was sie erstreben, und viel mehr ins Abseitige, aber ungeheuer erweiternde, Material, geistiges Fundament und Bedeutung Schaffendes als in Kunst allein oder Architektur der Geistesbogen. Wenn Däubler im Nebel der Adria einen Raben schreiend auffliegen sieht, bestürzt ihn der Ton so, daß ihm das Gefühl gibt, dies sei der erste menschliche Ton. Er schaut im Sanskrit nach, da stimmt der Laut. Auf solchen Bögen läuft hier alles; von den ersten Ursprüngen des Existierens bis in die letzten Geahntheiten der Menschenkugel. Alle Grenzen sind durchbrochen, die eine Handlung, einen Zeitkatafalk bauen könnten. Stürzen die Dämme des hochgelegenen Festlands ein, wird Meer Afrika, Asien, Australien, Amerika, Europa, die Pole und alle Inseln überschwemmen. Das wird vielleicht eine Sensation ungemeinen Grades sein. Die Südseeflecken, Palau und Otaheiti werden wie Monde in dem brausenden Nebel zittern, vielleicht wird eine Stadt, Moskau oder Theben, zehn Meter unter der Oberfläche silbern, die Dschungeln, der Bois de Boulogne und der Lunapark mit dem Hradschin und Pekingzentrum auf Mondregenbögen flackern. Es wird ein gewaltiges Ahnen großer Zusammenhänge des Weltgeschehens da sein. In dieser Verbreiterung, die nicht Chaos ist, sondern nur Überwinden der menschlichen Gebundenheiten, vollzieht sich diese Kunst. Bei Paul Adler sind die letzten Konsequenzen gezogen. Er hat einen archimedischen Punkt außerhalb des Sterns gefunden. Von dort aus setzt er sich die Erinnerung des menschlichen Gestirns neu und besser zusammen. Raum und Zeit hebt er auf und schiebt alle Ebenen ineinander, die sehr sauber und abgestaubt auf der reinlich-bürgerlichen Erde übereinanderstanden. Was früher dämmrig war, ist ihm das Chaos der Gebundenheiten, Verwirrungen und Tierheiten. Daraus entwickelt er aus Räumen mystischer Verwandlungsfähigkeit sich ins Gottsucherische hinan. Samten und goldweich seine Sprache. Unergründlich die glanzvoll gedämpfte Biegung der Bilder. In Graves und Largos ergeht die Zwiesprache mit der Schöpfung und aus paradiesisch umnachtetem Raum singen Steine, reden die Pferde. Keine Verwüstung geschieht hier, nur ein Durcheinanderhäufen, damit das harmoniesuchende Menschliche tiefer steigen und höher gleiten kann.
Das ist ein entzückendes Spiel, das der Geist sich mit dem Kosmos gestattet. Manchmal gelingt es dem einen oder anderen, mit einem Traum wie mit einem Tritt die Erde bei Seite zu schieben, dann sieht er das Aquarium des Geschehens in rätselhafter Schönheit. Es wird nicht ganz gelingen vorderhand, solang der Stern noch so unvollkommen, die Menschen so irregeleitet und die Führer so kleinköpfig sind, die Erde selbst zu ignorieren. Wir anderen sind magisch an sie gebannt, müssen ihre Schmerzen durch Bauch und Herz mitschreien, ihr Weggehen mitwandeln, die Not und das Leid unserer Erdenjahre erdulden, mitleiden und gestalten und unser Durchgemachtes aufbauen zu dem Monument, das, einmal an Schmerzen und Sühnen übergroß geworden, den Weg uns ins Kosmische gestattet. Nicht aus dem Spiel des Geistes kommen wir hinter die Mauer, wo Kometen laufen und Raum und Zeit in schöne Farbdunkeleien eingestürzt sind, sondern vorderhand durch die Streiterei und das Aufunsnehmen der Welt. Wir müssen hindurch uns bohren und können uns nicht, schöne Verantwortungslose, hinübersehnen oder sie bei Seite schieben in einer erstaunten Stunde. Zentaurisch sind wir am Leib der Zeit festgewachsen. Das ist Weg und Ziel der Generationen. Das andere ist ein Spiel von Größe, aber ein Spiel nebenan. Es ist sehr wichtig, weil es uns unerschöpfliche Neuatmungen, Aussichten, Farben, Pollen, Fabeltiere, zeigt und zuträgt. Manchmal sehen wir, die wir uns Tausende von Jahren noch mühen müssen, wichtiger als die anderen, wie Däubler dann, der Genosse der großen Indier und Chinesen, von einem Baum aus Sterne wie Uhren reguliert und überwandert ist von Monden, viel größer geworden wie die Sterne all um ihn, später aufstehend und wie in einem Regen zwischen ihnen urwärts fortwandern.
12. Leonhard Frank
Nun wird die Welt sehr fest und hart. Granit und Basalt werden angespieen von dem Geist. Aus den dicksten und schwersten Kristallen wird die Form gebrochen. Die Situation liegt so, daß hier das Deutsche sich mit den Realitäten auseinandersetzt. Zwischen zwei Polen wird hier geschafft: Dostojewsky plus deutsch. Leonhard Frank ist ein Bauernformat, ein Schlosser, ein Fußballspieler, außen rechts, den beim Goalsprung die ekstatische russische Seelenhölle überfällt. Sie hat ihren Zug durch Deutschland schon vor Lunatscharsky und Lenin begonnen. Eigentlich werden Tolstoi und Dostojewsky jetzt erst aktuell. Ganz vom (gewöhnlich jüdischen) Geist her aufgefaßt und weitergegeben, hat sie mancherlei Gefolgschaft. Kornfeld hat sie in Arien und dramatischen Monologen oft bezaubernder Art gefangen. Mondän und elegant verfuhr mit ihr schon Bruno Frank, doch ist er nicht hier einzuwechseln. Sehr deutlich ward die Angelegenheit, als sie tatsächlich auf rein germanischen Ambos geriet. Sie wurde mit furioser Wucht aufgelegt und mit dem Schreien eines Stieres geschichtet. Die Musik der ganz reinen Wolkengeister ist immer für den Cenakel, den ergriffenen Schwärmer unter der Abendlampe und für abstrakte Kaffern. Geschmetter und Zulauf und Wirkung, Tat, vor allem kommt nur, wenn ihr unterwegs ein gesunder Naturalismus begegnet und sie rasend in ihn fährt. Aus der Reibung, dem bis an alle Himmelsdecken dampfenden Beischlaf fährt erst das elektrische Gewitter der aufziehenden Idee. Zuerst stieß Frank, noch grob und derb, gegen die Erziehung, denn was er seither schrieb, ist filtriert aus seinen schlechten Erfahrungen, und seine Wunden bluten sich ins Buch. Da war noch Jugendliches manchmal, aber es drängte schon Bitternis nach. Dann griff er entschlossen ins Dostojewskyhafte und stellte es auf massive deutsche Beine, das heißt, er ahmte es nicht nach, sondern infizierte sich damit. Aus der Okulierung kam seine Sprache, zuerst noch schleichend wie ein verstörter, im Leben unsicherer riesiger Proletarier, dem aber Ziel und Gewißheit unfehlbar sicher sind. Im Krieg gab er Novellen, die Predigten sind. Man wird einmal finden, sie seien das einzige Dokument der deutschen Dichter gegen den Krieg. Ein paar Exemplare, die dank gesinnungshafter beamteter Wächter durch die Pressezentralen der Generalkommandos aus der Schweiz nach Deutschland sickerten, wühlten Tausende auf. Er hat tatsächlich Furor. Man kann nicht sagen, er habe in die Sprache besondere Akzente getragen, ins Dichterische neuen Schwung gebracht. Er war jedenfalls eine Erscheinung von Breitbrüstigkeit in der Herde der Dünnpinkel und Schleimiers, die auf schmalen Flöten sich ungemein erbosen. Auch hat er eine anfangs sehr naturalistische Sprache in höllische Zucht genommen und in die Sätze Sprengstoff und klotzige Geistdurchwitterung getrieben. Bedenklich ist nur die Intensitätsgrube seiner Kraft. Da seine Stärke der Angriff ist, muß man ihn sich in Güte vorstellen. Das ist unmöglich. Das Menschliche reicht nur zur Klage und Drohung. Das kann ein Anfang sein, kein Ende ist denkbar so aus Unfruchtbarkeit und Zorn allein gehoben. Was Liebe in ihm an Augen aufschlägt, kommt nicht aus Hingebung und nicht direkt aus seinem Blut. Zu innerst steht der Haß nur auf, und über diesen Umweg liebt er erst das, was er nicht haßt. Er liebt Opfer der bürgerlichen Gesellschaft. Aber er liebt nicht das Opfer. Zutiefst ist bei aller Flamme eine tiefe Wut, sonst nichts. Es ist von enormster Wichtigkeit, daß Erscheinungen wie Leonhard Frank existieren, und ihr Mut wird nicht vergessen sein, wenn irrgeleitete Knaben mit neu polierten Phrasen in neue Kriege ziehen werden. Viele Unbestochene werden an seinem Namen einen Halt finden und werden sein Buch dem Wahnsinn vielleicht entgegenhalten. Aber es werden auch heute Menschen da sein, die in die tieferen Gründe sehen wollen und eine unbedingte Angst tragen, dieser Dichter, der Liebe forderte wie wenige, aber nichts tat als Felsen schleudern, würde, in den Stand der Macht gekommen, die Menschen nicht schonen sondern erschießen lassen. Es wäre zum mindesten konsequent. Aber es ist nicht der Wille des Schicksals, daß außenseitige Fallen in das Fleisch der ewig marschierenden Ideen schlagen.
13. Döblin und die Futuristen
Am achten März an der Rampe des Theaters Chiarella war die Schlacht von Turin. Auf hinuntergegebene Ideen folgten ebensoviele Faustschläge. Die Futuristen gaben dreitausend Menschen ihr erstes Manifest. Es war ihre heftige Zustimmung zu dem, womit ein Jahr früher Marinetti im Figaro die dichterischen Programme aufwarf. Am neunundzwanzigsten Mai entwickelte neunzehnhundertelf im Circolo Internazionale Artistico in Rom der Maler Umberto Boccioni die Ideen des malerischen Futurismus auf breiter Basis. Carrà, Russolo, Balla, Severini schlossen sich an. Am fünften Februar Montags neunzehnhundertzwölf stellten sie in Paris bei Bernheim-Jeune aus. Es ist nicht unwichtig, die Daten festzuhalten. Europa war eine große Sensation reicher. Manche behaupten, das Moment der Zersetzung dieses Erdstrichs habe damit begonnen. In Deutschland fand sich erst nach fünf Jahren ein innerlicher Vertreter dieser Richtung, George Grosz, bedeutender scheinbar wie die nationalistischen Italiener. Stichhaltig blieb nicht viel mehr als die Mission der Zerstörung.
Vielleicht war nicht einmal das wichtig, denn im Grunde ward das alles überschätzt. Es war ja nichts anderes als das Mosaik, mit dem die Impressionisten noch einzeln spielten, plötzlich in einen Ventilator zu Dutzenden gebracht und durcheinandergewirbelt. Sieht ein Genie die Welt so, wird sie dermaßen ebenfalls in allen Schönheiten strahlen, das ist sicher. Als rein künstlerisches Schema ist es bedeutungslos. Junge Artisten, die mit Übergehung von Arbeit und Sorge gern in den großen Saal der Öffentlichkeit rasch hinein sich turnen, lassen Artikel, Satzzeichen und Frisur weg und wähnen sich Expressionisten. Es ist dieselbe Betrügerei vor dem Geist. Die Nebenumstände irritieren, diskreditieren. Die Zeit fegt das rasch in ihre Eimer und fährt es auf die Äcker hinaus zu Gemüse, Pul und Baum.
Die Futuristen waren nur ein Wind, der apokalyptisch zu wehen begann. An großen Figuren sollte sich später manches daran erfüllen. Man sagt, der Maler Pascin habe, obwohl gut gekleidet, durch die raubtierhaft aufreizende Freiheit seiner Atmosphäre auf den Boulevards harmlose Spazierer älteren Jahres und guter Herkunft und Pfründe in solche eigentlich grundlose Erregung gebracht, daß sie mit klirrendem Stock und bebenden Favorits vor dem stehen blieben, der sie gar nicht sah. Auch die Futuristen gellten den Bürger auf, wie es kaum eine Revolution vermocht hatte. Denn dieser gegenüber hatte er gerade noch Angst. Die anderen aber reizten wehrlos alle seine Instinkte bis zur reißenden Wut und es mag sein, daß dies symbolische Zeitzeichen ein Gleichnis ihres Sinnes und ihrer Mission gewesen ist. Sie sind mir persönlich trotz allem ungewöhnlich sympathisch gewesen.
Über Ja oder Nein eines Stils zu streiten ist armer Unsinn. Immer wird nur der ihn vertragen, der ihn frißt und verdauen kann. Auch die Starken haben den Appetit nach dem Geist, der sie umgibt, weil sie allein ihn vertragen können. Beredet kann nur werden, ob ein Stil gelegentlich so mächtig und im ethischen Bedürfnis der Zeitgenossen von Rang so gläubig verankert ist, daß er sich zu wölben vermag: oben als Kuppel, unten als Tragfläche der Zeit. Man kann in diesem Sinn nicht von den Futuristen, die verbrecherisch sich von der mütterlichen Erde ins Anarchische begaben, reden, wohl aber von den Expressionisten.