Als Alfred Döblin in Deutschland die futuristischen Prinzipien „voll und ganz“ unterschrieb, war er zweifellos von dem Moment der Bewegung und der Änderung überzeugt, das mit einem Male durch die Welt autote. Allein es ist nicht wichtig, eine Sache zu begreifen, sondern sie zu erleben. Zählen die Hillerschen Aktivisten und andere heute auf Sekunde und Woche fest, wann dieser, wann jener schon aktiver, jener noch ästhetisierender Mensch gewesen ist . . . . wird Sandglas und Stechuhr Kontrolle für den Gehalt dieses oder jenes Revolutionärs, dann beginnt schon die Starre, die Verkalkung wird nicht lange auf sich warten lassen. Ein Hirnschlag steht bevor. Erkenntnisse verpflichten zu keiner letzten Bindung, kommen sie nur aus dem Intellekt. Ich sehe manche, die heute rechnen, erbleicht vor der ungeheuren Stärke des kommenden Schicksals, sehen sie sich plötzlich vor Änderungen und Weltkonstellationen gestellt, die sie nicht erahnen und errechnen konnten. Mathematik in der Weltbetrachtung ist viel niederer als Glaube und Wille. Und wo die Genauigkeit ist, weilt nie die Fülle. Aber die Ehrgeizigen waren stets daran, sich am Ziele zu dünken, wenn sie beweisen konnten, daß sie es erstrebt hatten. Doch schon im Herzählen zeigte es sich, daß sie Angst nur hatten, es möge sie einer überholen, und da sie Kraftfülle nicht in diesem Maße mehr spürten, schrieben sie ihre Daten in Stein und kategorisierten andere Läufer, die aus dem Dunklen kamen, nach Tag und Woche und Jahr. Die aber schauten nicht darauf.

Döblin hatte das Programm nicht probiert, als er es lobte, und wie er es anpaßte, sprengte er es auseinander. Er ist einer der stärksten und bedeutungsvollsten Prosaiker heute, manchmal sogar fast monumental. Doch das gilt nur von dem chinesischen Buch. Er war viel zu breit und zu architektonisch, darum konnte er keine Schnitzeljagd und Konfettibattaillen der Bilder und Ballone um sich wirbeln lassen. Ein futuristisches Wirken ist wohl auch nur in der Lyrik recht denkbar, wo Stramm und Becher es bewiesen. Doch brachte Becher nur eine Leistung, weil er wohl Genialisches besitzt, das allerdings noch nicht zur Rundheit, ja fast noch nicht zum Gedicht geschwollen. Stramm aber, einer der wenigen wahrhaft echten Stotterer, erregte nur das Blut wie javanische Instrumente, wie Bartänze, Niggersongs.

Als die Lappen vor unserem Wagen in Småland sangen, wurden wir auch nach dem Eis und der Einsamkeit sehnsüchtig wie ausgehungerte Wölfe, obwohl ihre Melodie uns nicht einging, aber weil die Erregung ihrer Seelen sich uns mitteilte. So wird aus dem Futuristischen sicher nur ein interessanter dekorativer Stil, aber man wird, wie den Jugendstil, ihn in zehn Jahren nicht mehr ohne Wanken sehen können. Was an überirdischen Spektren und Monden aber abstrakte Maler heute gestalten, wird vielleicht tragbarer sein und länger halten.

Döblin hat riesenhaften Respekt vor der Kunst, ist wie ein Frettchen hinter der Psychologie her, deren man keine Spur in seinem Terrain antrifft, er läßt sich von keinem Schlagwort, keiner Begeisterung vom Kunstduft wegdrängen. Gelobt und bestaunt, der das heute wagt, wo Achselzucken und Denunziation dem Freien folgen. Das macht ihm einen guten Boden. In seinen Novellen probiert er andere Dinge aus als im Roman. Dort ist er zu klug, Experimente zu machen im Grundbau, daß ihm die ganze Geschichte dann das Genick einschlägt. Da hat er kürzere Stellen vor sich, eine Mauer nur oder ein Gestell, gewöhnlich nur ein paar Menschen, die er umfassen kann. Sie sind ihm zu naturalistisch, zu nah, er will sie in allgemeinere Luft stellen. Das strengt ihn sehr an, liebenswürdig kann er es nicht machen. Auch ist er nicht so dumm (weil er etwas an athletischer Statur in seiner Schreiberei hat), den Fehler zu machen, den geisttiefe, aber muskeldünne Juden oft probieren. Die netzen solange mit Säuren an der armen Menschgestalt, bis bloß vom schönen Fleisch nur noch das Gerippe übrigbleibt. Nun, meinen sie, hätten sie den wahren Menschen. Um die Ohren sollte man den Burschen das Geknoche schlagen. Wir wollen das Fleisch, aber in gehobeneren Übersinnslüsten. Döblin macht es nun so, daß er das Fleisch mit Geistinjektionen so fabelhaft durchwühlt und durchschimmert, daß nur das Gespenst (was eine andere Geschichte ist als das Skelett) entsteht. Im Drama hat das ja der Schwede Strindberg auch fertiggebracht. Im Prosastück ist es aber ein anderes Ding. Denn das verlangt eine Kurve, eine Folgerung, einen Abschluß und bedankt sich dafür, plötzlich einfach sich aufzulösen, wie ein Rauchkringel zu verschwinden und infolge einiger Doppelampullen Ewigkeitsspritzen aus einer schönen Handlung sich geschwinde aus der eigenen Existenz herauszudrücken. Schließlich ist Prosa keine Graphik. Was dem mächtigen Radierer Beckmann recht ist, hat mit Herrn Döblin aus Berlin nichts zu tun. Wo junge Literaten nur noch malerisch säuseln und aus der auffallenden Parallele der Künste instinktlos und, vom Malerischen selbst in keiner Weise berührt, lerchenhaft geschwätzige Hymnen über Malerisches anstimmen (auch ich tat es einmal, kreuziget ruhig), muß man polizeihaft darauf schauen, daß Unbefugte und Kindliche die Grenzen der Künste, das heißt ihrer Wirkungsmöglichkeiten, nicht verwischen. Die Misere kommt aber aus einer Kraft, weil Döblin nämlich, wie alle starken Handwerker und Leidende am embarras de richesse, die Sprache nicht nur als Mittel, sondern als Selbstzweck ansehn. Auch die großen Erotischen wollen nicht nur Kinder, sondern spielen nächtelang mit den Frauen, und Zweck allein ist eine Fessel für den Geist, eine Unzucht und eine Ignoranz strafhafter Niedrigkeit vor der Fülle und Tropischkeit der Welt.

Döblin ist ein langer Maurer, er geht immer hin und her mit Steinen, Mörtel tut er keinen dazwischen. Er setzt nur breites, viereckiges, genau bemessenes Stück auf das gleiche. So kommt er zum Roman. Da ist tatsächlich noch Welt wie sie in naturalistischen Büchern auch besteht. Man verführt Euch in kein Geschluchz hinter Tüchern, in keine Askese nackter Dialoge, wo, wie man sagt, zwischen Stoffbespannung der Geist „reiner“ sich entfalte. O Kulissenschieber der unreinen Zeitseele, ist das nicht eine Frage des Polsterers oder des Dekorateurs oder Oskar Wildes, und kann der Geist, wenn er irgendwo ist, schöner sein als im vollen und weiten Menschlichen, man muß ihn doch nicht in die Hirnwüste senden. Döblin beschreibt sogar, wird ganz real und zeichnend, wenn es auch immer Vierecke sind. Sein Geheimnis beim Roman ist, daß er eben einfach das Künstlerische zum Menschlichen hinzutut. Nicht mehr und weniger als Rubens in seine Fleischmassen, Lionardo in seine Gesichte, Grünewald in seine Visionen. Es ist nämlich nichts studiert und wiedergegeben, sondern da fängt er erst an: er denkt, er schaut, er formt es sich zurecht. Aber immer, selbst bei den Novellen, wo die Handlung und der Mensch gern ins Unsichtbare auskneifen, ist eine kontinuierliche Entwicklung da, ein schwerer Bogen, der die Last der Idee nie fahren läßt, sondern sie hoch und unwandelbar bis zum Ende trägt. Da ist von Futurismus keine Spur. Der Körper der schöpferischen Kraft ist viel zu zäh, als daß er sich aufgäbe. Er schafft sich weiter. Einmal erreicht er auch First, Turm und Regentraufe, steckt den Dannebusch mit Bändern an die oberste Gerüststange.

Von weitem sieht das Werk dann aus wie ein riesiger Würfel, drohend in der Unbezwingbarkeit seiner Architektur. In der Nähe ist manches nicht so unbedingt. Schließlich besteht das Wachstum jedes powren Grases aus Zellen, die ein Saft, eine Leidenschaft nach Leben durchzieht. Bei Döblin ist eine Konstruktion enormer Breite und Höhe, aber es ist, sie sei etwa aus einem Stein, der die Eigenschaften des Eises habe. Kein Blut, kein Saft pullt sich empor. Keine Leidenschaft wühlt die Formen auf. Man ist nie abgeneigt, große Bewunderung sehen zu lassen, aber man sehnt sich nach den Skisprüngen, mit denen in Blutsonne und Firnschnee Schickeles eifrige und hautsüße Geistigkeit in die Schußfahrt geht. Selbst Franks Fanatismus hat Hochofenglut und Fackeltempo.

Dies da ist aber wie ein Wachstum schon abgestorbener Kristalle. Es wird mit dem Fernrohr noch originell aussehen, und manches Verblüfftsein wird sehr lange währen. Als wir, Zwanzigjährige, von Paris nach Brüssel fuhren, um, mit allen heimatlichen und familiären Geldquellen verkracht, nach Zeitungsverkäuferzirkulation über die großen Boulevards und Araberstatistereien im Odeon auf der Weltausstellung als Führer unermeßliche Goldmünzen uns zuzuerwerben, waren wir gezwungen, im Speisewagen beim Servieren zu helfen und, da uns die Umstände der größeren Welt nicht unbekannt waren, wurde jene Pause und Passion des Daseins kein Stilverstoß. Wie ein mächtiger Amsterdamer auf der Silberplatte den herrlichsten Zander sah, den ihm mitteleuropäische Speisewagen vor den Blick gespült, erhöhte er einen Augenblick sich vor Erstaunen über die Schönheit des Biestes, aber als Kenner und eingedenk des Kommenden winkte er ab und sprach: Visch laat een mensch als ie is. Er pflegte nur das Fördernde zu sich zu nehmen, auch sprach er ein wenig Dialekt, aber ich möchte nicht mißverstanden sein.

14. Jüdisches (Die Ehrenstein, Lasker-Schüler, Brod, Meyrink)

Wer das jüdische Weib kennt von der Wollust bis in den Todesschrei, hat keine Notwendigkeit, den Geist der Rasse lange zu studieren.

Das klingt im Überlegungsweg wie eine Roheit. Aber es ist eine mächtige Lobpreisung. Es gibt im Schreibtum wie bei den Frauen die zwei Linien, von denen eine das Ghetto durchgemacht hat, von denen die andere stolz und aristokratisch aus Spanien über Saloniki oder Amsterdam ins zentrale Europa kam. Einmal gab es eine national-übernationale Poesie unermeßlichen Flügelschwungs, die Bibel, die Psalmen, das hohe Lied. Im Ghetto ging diese Unmittelbarkeit verloren, da schliffen in den Judengassen die Städte, Feudalen und Bourgois den Asiaten so die Leber, daß ihnen nichts andres übrig blieb als Verteidigungs-Parade wie eine dolchscharfe Kultivierung des Hirns. An dieser Übung zehrt, krankt und jubelt die ganze jüdische Dichtung, die, ob sie deutsch, polnisch, russisch sich coiffiert, im Boulevardrock, in Talmudlocken doch immer international und asiatisch ist. Das ist wie ihre Diaspora wohl auch ihre Mission, so sehr Erwerbs- und Konjunkturbeflissene, sowie einige in den Stand der Bourgeois Übergegangene im Krieg sich germanisch maskierten, keltisch fluchten oder jingoisch die Zähne bleckten. Das ist Rampenkomödie. Im Blut rollt unerbittlich, golden und von den Jahrtausenden gefeiert der Rhythmus des Roten Meeres und des Jordans und der Tempel Jerusalems.