Wohl aber kommt das Beste aus Sternheims leidenschaftlicher Kraft des Ausscheidens. Nicht deshalb sind seine Sätze sehnenhaft, weil sie dünn gedacht wären, sondern weil er gleich Sherlock Holmes seine Produktionszellen bewacht, die mit der Funktion ausgezeichneter Nieren nur das Geschiedene durchlassen. Das Oberflächliche hat er am radikalsten verjagt. Er hat am intensivsten aufs rein Wesentliche den intellektuellen Stil beschränkt, und was kritische Köpfe von der Ovalform Rudolf Presbers ihm als Telegrammstil vor die Füße warfen, war nichts anderes, als das operative Messer, das als Zeitstil die musisch gewellten Leibchen des Kronprinzendichters unkeusch lüftete und in den Boreas hing.

Auch verführte Sternheim sehr zur Sachlichkeit, was nicht unwichtig ist. Begrenzt ist es natürlich, geht er vor gegen das Ekstatische. Man liebt ja seine eigenen Fehler gemeinhin so wenig wie die Tugenden seiner Feinde. Doch gilt es nicht eine subjektive Norm hinzustellen, sondern bloß Klares und Unklares abzuwägen, um zu harmonischem Urteil zu kommen. Es ist etwas infantil, sein Temperament als Maß für die Welt zu projizieren. Das ist vielleicht Politik, aber nicht Urteil. Ist eventuell erklärlich, aber keineswegs gerecht. Vielleicht ist es in manchen Fällen sogar klug, aber es ist nicht das Bestimmende. Darauf aber kommt allein es an. Auch ist wichtig, daß er allzuvielen Ekstatisierern immerhin ein kühl lächelndes Gegengewicht bietet. Auch auf die Balance kommt es an. Eine Sternheimschule als führende Literaturrichtung Deutschlands würde keine menschliche, ja nicht einmal eine literarische Angelegenheit, es würde eine rein stilistische. Wir hätten die ledernste Akademie.

Der Autor ist auch selbst nicht einseitig in dem Werk selbst. Schwingt sein Reck doch selbst zwischen zwei Regionen, der irdischen und der paradiesischen. Allerdings hat er nicht genug Wade und Hüfte, um ganz hinüberzuschwingen. Jedoch ist keinem seine Richtung unklar: daß es ihn aus dem Boshaften und Harten immer ins Weiche und Unendliche verlangt, jenem Georg dem Vierten nicht unähnlich, der nicht allein ein herber König der englischen Menschheit, sondern auch ein Liebling an Gärten und großer Blumenamateur gewesen war.

16. Heinrich Mann

Ein glänzender Blitz fährt durch Europa vom Süden herauf über Venedig, Genf, München, Paris, Stockholm. In den Städten ist grenzenlose Bläue. Landschaft mit schwebenden Gärten. Meer glüht, See oder Fluß bis in uferlose Berauschung. Die Luft ist erregend, im Blut nur zu verstehen und auszutragen. In der deutschen Achse steht Heinrich Mann, nicht umsonst ist die Leopoldstraße die schönste Gerade Deutschlands, nicht umsonst fällt auf die Dächer der Theatinerstraße schon italienischer Himmel. In Frankreich hätten sie Mann gefeiert, die Römer hätten ihm gehuldigt. Bis in sein fünftes Jahrzehnt haben ihn die Deutschen geschmäht. Er hatte Hohn nur auf die Bourgeoisie und empfing die Quittung. Auch haben seine Bücher einen Stil nach konzentrierter einsamer Größe, daß man, allein an Plumpuddings und Gelees gewöhnt, die breite Schärfe nicht begriff. Was an ihm schon ins Europäische wollte, hielten sie für französisch. Sie hatten nicht ganz unrecht. Er war wie eine Brücke aus dem Sumpf in die hellen Orchester einer jungen Generation, aber auch der Schwebebalken, den die absterbende große romanisch-demokratische Kultur tief in die deutsche Ratlosigkeit hinübersenkte.

Als Rembrandt, Poussin, Bernini starben, stand das Spätbarock den großen Meistern schon ohne Verständnis gegenüber. Wieland höhnte, als Bodmer sich an seinen Zöpfen erhing. Auch Heine hatte nicht viel übrig für die Romantik, die wiederum an den Klassikern nur Gefühle der Abneigung empfing. Seltsam, daß aber in der Zeit widerstrebender kleiner Kämpfe die großen Übergangsbegabungen gleichzeitig die Riesen waren und, noch halb verwirrt und oft ziellos nur im Instinkt, schon nach dem griffen, was der kommenden Generation als einzig sicheres, klares Bild vorschwamm. Wedekind, Strindberg, Heinrich Mann wurden plötzlich aus der Einsamkeit der nachnaturalistischen Zeit zu Mittelpunkten erhöht. Man kann ruhig auch Kerr hinzufügen. Es scheint heute, sie hätten die breiteren Achseln gehabt, während die Generation heut sehniger, aber schmäler ist. Bei den Schauspielern ist’s das gleiche. Bassermann, Steinrück, Wegener spielten den Kitsch ihrer Zeit, aber wen setzt die geisthafte junge Schauspielerschaft ihnen an Blutfülle, Erdkraft und Gewalt der Wirkung gegenüber? Heinrich Mann hatte vor drei Jahren die Liebe der Jugend, es ist möglich, daß es sich ändert. Sie erkannte an ihm im Instinkt den Kämpfer gegen Seitheriges und den angestrengten Arbeiter nach gemeißelter Form, den Erhalter des Dichterischen in der Prosa, als vogelweidhaft aufgeputzte Bürger und Beamte diese in ihre niederen Betten führten. Auch war sein Wuchs zu deutlich, sein Oeuvre das einzig Repräsentative in der neuen geistigen Haltung und Politik (wenn auch lange nicht so geschlossen wie das des Grafen Eduard Keyserling, doch um vieles sicher mächtiger im Können). Das Ausmaß dieses lange Alleinigen zog den Respekt an. Er war unter dem Ansturm einer ihn begeifernden Zeit sehr breit geraten. Auch die Griechen liebten die Eckpfeiler der Säulentempel ein Sechzehntel dicker zu nehmen wie die der Kolonnen, da, wie Vitruv sagt, die Ungeheuerlichkeit der Luftmasse sie dauernder attackiere wie die anderen, und sie nicht, wie die inneren Rohre der Sphinx, aneinandergelehnt und gesichert stünden.

So entwickelte sich die Sache, doch ist die historische Form des Anfassens genau wie ihre Wahrheit wahrlich nicht de saison. Wie die Jungen Mann holten, werden sie ihn wieder abstoßen. Die Entwicklungen haben lange gezögert und sich dann überstürzt. Dem deutschen Publikum waren es lange Anaglyphen, was er edel und unentwegt forderte. In absolutistischer Zeit stritt er für Demokratie. Als der Zustand erreicht war und man seine Bedeutung plötzlich erkannte, war die Seele der Jugend weiter gerutscht und versuchte nicht mehr in Parlamenten und der Mehrzahl völkischen Wollens Gottes Finger an unserm Geschick zu erkennen. Die Distanzen werden sich vergrößern, er wird tatsächlich zwischen den Generationen stehen als ein Könner, der einzige Romancier Balzacschen Sinnes, ein großer Diener und Bewältiger der Idee einer imaginären Gerechtigkeit auf der Erde. Wahrscheinlich werden sogar die für Gestaltung unzugänglichen Literaturgeschichten nach uns dies de rigeur annehmen. Ich habe keine Lust, perpendikulär zu kommen. Aber es wäre möglich, daß durch eine Flankenbewegung in noch späterer Zeit Mann wieder Anschluß bekäme.

Denn die ganz ins Linke geflogene jüngere Generation könnte aus dem Versagen der Revolutionen sich zu einem souveränen Skeptizismus erheben, der wohl Bessern aufs Panier setzt, aber an die Verwirklichung nicht glaubt. Denn immer zog nach heftigsten Revolten die Anziehungskraft der Erde das Bestehende noch grausamer zurück. Die Menschheit war selbst in Ruhrepidemien, zur Blüte der Pestbeulen und in dreißigjährigen Kriegen zu träg und zu elend, sich vorbereiten zu lassen auf das irdische Paradies. Sie liebten ihre Peiniger, und je mehr die Dämonen ihnen das nackte Fleisch aus dem Körper fraßen, lobten sie ihren Biß. Als Dom Miguel nach seiner Verbannung am dreißigsten Juni Achtzehnhundertachtundzwanzig den Staatsstreich in Portugal machte und alles tierisch tyrannisierte, war es genau die gleiche Erscheinung und das nämliche Theater, das im gesegneten Jahr Neunzehnhundertundneunzehn in Budapest und München die Generäle der weißen Garden aufführten. Aber es ist vergessen worden. Auch sonstwo trifft sich in jeder Jahrhundertparzelle der Historie dasselbe Spektakel, nur daß Deutschland die raffinierte Würze hat, den Akt durch eine sozialistische Regierung in Szene gesetzt zu sehen. Immerhin glaubt und kämpft die europäische Jugend noch fest an einem Ziel, das über Manns Ideale der Demokratie weit hinausgeht. Selbst wenn es Utopie und Bürgerspaß bleibt, wird der Akkumulator der ethischen Energien es nicht umsonst sammeln und eines Tages zurückgeben aufgespeichert, gespannter und wie alles Gerade und Kühne nicht umsonst getan.

Die Menschen von ganz links sind die besseren, weil sie die ganz anständigen und idealistischen sind. Die von ganz rechts sind die Schlauen, weil sie auf festem Boden stehen und Kilometerstaffeln der Unterstützung durch alle Dummen und Trägen haben. Außerdem riskieren sie nur wenig. Vielleicht wird eine geistige Partei der optimistischen Skeptiker oder der schlauen Idealisten sich ergeben. Sie werden taktischer vorgehen. Vielleicht ist Heinrich Mann dann aber, wenn sie ihn wieder erreichen könnten, schon von Sturzböen der Zeit überschwemmt, und andere unvorhergesehenen Richtungsschwenkungen der Weltwagen machen dieses Problem hinfällig. Auch dies wäre Tragik. Doch darf man über das Ganze sich keiner Täuschung hingeben. Es ist ein komplizierter Vorgang.

Genau wie Werk und Figur des Mannes selber, der als ein glänzendes Bild des Mutes der unentwegten Gesinnung und des fast beispiellosen Könnertums dasteht. Immer schlingen sich aber Verwirrungen hinein. Eigentlich ist er eine Bestätigung von der ungewöhnlichen Prägungskraft der Form, zu der alles letzthin strebt, und die allein uns alles groß Menschlich-Gewagte zurückgibt. Dies starre, die Materie zermalmende Element fraß sich bei Manns Büchern allein durch die Unkultur seiner Jahrzehnte, ohne sie wäre alles ihm auseinandergefallen. In seinen ersten Vorstößen ist soviel Jugendstiliges, Breites, Kitschiges, daß nur die überlegene Gestaltung es hält. Später ist das klassizistische Suchen und Schwärmen in reinen italienischen Linien uns arg lugüber. Die Fäule des oberen Bürgertums zu detaillieren genügt noch nicht; auch wußte er anfangs nichts damit zu machen. Die minervischen Enthaltsamkeiten der Herzogin von Assy führen in einen geschlechtlosen Ästhetizismus. Es hält schwer, sich für diesen Marmor zu begeistern. Es ist interessanter, bei einem Gewitter einer Dame mit roten Seidenstrümpfen Alfred de Musset vorzulesen.