All das damals Geschaffte hält tatsächlich nur die Form. Doch steckt hinter ihr natürlich als Motor der unerbittliche Geist. Irgendwo kommt auch in den satirischen Büchern, wo’s mehr um Unterleib und Bürgerluxustapeten geht, die radikale, durchpfeifende Fanfare der Gerechtigkeit und des siegreichen Feldherrn Geist durch. Auch in der virtuosen Hanswurstiade von der „Kleinen Stadt“ krönt das schließlich. Gewöhnlich findet er für seine Bücher keine Schlüsse, da wird er tastend, unsicher, bricht in ganz neue Themen aus und kneift irgendwie in den anderen Stoff. Das ist natürlich bezeichnend für den Übergang, er ist sich noch nicht klar in der Welt, auch ein Wort wie Gerechtigkeit und Demokratie muß bis in die letzten Konsequenzen des Weltgefühls gestaltet werden können, wie Balzac aus einer Wiese, aus Blumen und Früchten Ursein machte. Bei ihm wird aber noch viel reflektiert und gedacht. Es ist da ein Zwiespalt. In den Essais ist die Lage fest erfaßt, doch geht es da um Denken und nicht um Stadt, Schwanz, Rasse und Gewächs. Das einzurangieren blieb auch dem nicht ganz erfüllt, der zweifellos der größte Geist der Epoche ist. Auch all das Scheitern sagt nichts dagegen.
Seine Novellen werden neben Kleist gesetzt werden, obwohl sie um etwas Hohles herum gemacht sind. Innen ist ein Krampf. Klopft man die Faßrundung ab, klirrt es nach Ungefülltem. Etwas fehlt. Einmal dekouvriert er sich: Er hat gekämpft jahrelang und manches erreicht, den Deutschen ein großes Oeuvre hingesetzt, für das selbst die Jugend hinter ihm her ihn liebt, wie es scheint. Aber er kennt den Spalt in seinem Wollen. Sein romanisches Mischblut vermag es oft glänzend zu überdecken. Er möchte alles tun, muß aber alles denken. Er muß sich entscheiden zwischen Leben und Schreiben. Er wählt das letzte. Er schreibt und krepiert vor Neid um den Tatmensch. Jene Entscheidung, die jedes Künstlers Zwiespalt ist und die der Instinkt eines jeden von selbst reguliert aus der Kraft heraus, die entscheidet bei Mann sich einseitig. Er geht nur auf das Nachschaffen des Lebens. Er asketisiert sich. In ungeheuren Gebilden phantasiert er Leben zurecht, aber er verzichtet selbst. Liberi aut libri! Er ist für die Bücher, aus ihnen soll der Geist hinausgehen, es wird ein entsetzlicher Krampf, wohl mit Ehre, Ruhm, Ansehen und Glück bekränzt. Spöttisch sieht er gegen die Wand, wo ein Condottieri im Rahmen steht, der nur mit Frauen und Raub sich befaßte, nie geistig Geronnenes in unsterbliche Phantasien schmolz.
Als sich die Blicke treffen, senkt sich der des Dichters.
Hier ist vieles verfehlt. Sein Bau zwar ist errichtet, doch in der Mitte ist Unerlebtes, aus Angst Versäumtes, einer Fischleiche nicht unähnlich, die nur die leere Blase aufrecht hebt. Mediziner und Betrachter niedrigen Rangs nannten es Hysterie. Es ist das Sichaufsparen einer nicht ganz genügenden Potenz für eine einzige Richtung. Manchen Tag wird er sagen: Roi ne puis, Duc ne veux, Rohan suis. Aber es wird eine Verlegenheit sein, die der Geist ihn taktisch zwingt zu gestalten. Er wäre wohl gern das eine und das andere und hätte nie wohl das Königliche vermieden, wäre es in Leben und Gestalten, in Fülle und Geist ihm verliehen worden.
Beschränkung und Verdoppelung kam so aus Schwäche. Indem er sich zurückzog in die Empfindlichkeit seiner Nerven, hat er nicht verfehlt, den Kontinent der Abenteuerlichkeit und der geistigen Navigation bis in die exotischsten Häfen anzulaufen. Er wird oft grausam in der Verhaltenheit, aber die tragischen Hügel seiner Wanderung erhalten eine Süße, als seien Madonnen und Ölbäume auf ihre karge Erhebung gepflanzt. Auch speit er und keift aus Haß gegen die Woge der Zeit, die an ihn heranschwemmt, Gründerjahre und Geld, die ihn manchmal verführen zu spielen, statt zu richten. Aber im einzelnen ist der Geist unfehlbar bei ihm.
Den Menschen erreicht er stets und treibt ihn an die Rampe mit wundervollen Triumphen. Die Gebärde des Stolzes ist spät aber byzantinisch im Goldton und demütig in der Verantwortung. Die Enttäuschung bei so breit angelegten Werken hält ihn nie auf. Plus je connais l’homme, j’aime le chien hat Pascal, nie ihn zur Flucht gewendet. Auch Skepsis wird ihn nie überwältigt haben, so sehr die romanischen Nischen seines Bewußtseins ihn dazu führen. Das verwechselt sich leicht mit Gerechtigkeit, die er sich konstruiert. Er wird nie Partei nehmen, auch nahm er sie nie. Etwas Ängstliches kommt dann ins Gesicht der Sätze. Er ist nicht für Tat und Konsequenz, mehr für Aufgabe. Und für den Egoismus, sich ihr zu erhalten. Vergeßt diese Reservatio nicht. Doch bleibt er, schaut nach einem langsamen Jahrhundert man zurück, ein Turm da, wo er stand. Er konnte viel. Vielleicht irrten, die ihm Plätze zuwiesen, an ihm mäkelten. Vielleicht wird man erst in zweien Säkulis das Hohle wieder hören, dann donnert es vielleicht. Die Zeiten trennen sich jedenfalls hier. Manche werden vielleicht von rückwärts aus der Jahrhundertiefe vor uns ihn reklamieren, etwa kann’s auch geschehen, daß er vom Zukünftigen vor und heftig verleugnet wird. Jedenfalls ist hier Küste. Manchmal stürzten Wachttürme ein und man vermißte sie später nicht.
Letzten Endes kann er immer die Lebenskonsequenzen nicht ziehen. Er hat sich faustisch dem Gerechtigkeitskompaß verschrieben. Das führt ihn zu Summen, die er nicht zu addieren, die er nicht zu gebrauchen vermag. Er weiß den Sinn zu predigen. Als er ans Soziale gelangt, zerbricht es ihm in der Hand. Er hat die Renaissance durchschweift, Seelen und Körper sich hingeben lassen an den Glauben und verschwendet wie kein Deutscher vor ihm. Aristokrat auch er und Gemeines hassend wie Pest. Nun soll er, muß er, geführt und geleitet von dem führenden Stern, die proletarische Kaste beschreiben, die er nicht versteht, deren Sinn ihm nebelhaft ist. Er weiß, das will herauf. Er sieht, wie Zola gigantisch sich gemüht. Er hätte vielleicht vermocht, in einer viel späteren Existenz die Seelengröße des Zeitalters, entfernt und voll innerer Kühle, zu geben wie keiner. Das genügt nicht mehr, er soll nun führen, Weg weisen, nicht Tragik der Tribunen geben. Ach, dieses Ufer ist nackt und ohne Farbe. Es bröckelt Sand ihm aus der Hand. Weiter nichts. Es bleibt vielleicht die Schilderung der Zeit, das Herzeigen der Konflikte, nicht ihre Überwältigung. Matt wird das Blut, dünn der Aufstieg. Auch hierin steht er zwischen der Zeit.
Die Jungen nennen voll Ehrfurcht seinen Namen, übergehen Tadel gerne, weil es ihm geschuldet ist aus den tausend Wunden, die er voll Zähigkeit für sie trägt. Doch sehen sie ihn nur noch spielen mit Ideen und Formeln der Gerechtigkeit, nicht mit ihrem blühenden Fleisch. Als der letzte Große aus Rom kam, den Louvre zu bauen, empfing ihn der Hof des vierzehnten Ludwig mit den größten Ehren, die der Geist verlangte. Den Bau hat aber später ein Junger, Perrault, geschafft. Wundervoll die gespannte, innen tief verhaltene und verkrampfte Gebärde, mit der, wie niemand heute, Heinrich Mann, geistig und adlig, sein vielspaltiges und großes Werk zusammenhielt. Ohne diesen Ring bräche es auseinander wie eine aufgeschnittene Garbe. Es war Leuchte und Kraft in ödester Zeit. Man wird nicht aufhören, sich der Herzogin von Assy zu verneigen, die Süßigkeiten und Trauermärsche stolzen Seelenbewußtseins schwingend zu verspüren. Einer hat die Zeit wütend da gegeißelt, voll Distanz, und beherrscht, und ihr doch das Schöne gewiesen der Inseln der Schiffe, der Tapferkeit tief aus den Rinnen der Historie herauf. Ausschweifungen des Geistes fanden keinen strahlenderen Heros. Süden, Macht des gerechten Kampfes und Blutes sind um ihn. Seine Jacht ist um den Tierkreis und die Erde weit herumgelaufen, während er träumte, auch hat er gebaut, an manches gedacht und kolonisiert. Fahnen senken sich, Häupter sind entblößt vor der Leistung.
Manchmal wird nur gedacht, wo es hohl klinge in der Wölbung des Werks, sei vielleicht falsch gehört. Kein künstlerisches Vakuum sei im Zentrum, auch nicht allein das Versagen. Er habe vielmehr, indem er sich der einen Richtung des Geistes verschrieb, gegen das Menschliche versündigt und mehr gegeben, als er dafür nahm. Ruhm wohl empfangen auf dem Weg des Geistes, aber es sei ein dürrer Kranz. Wo er gegeizt habe wie ein Wucherer, wo er gespart und gefeilscht habe, vom Leben und der Tat immer wegnehmend und es ins Imaginäre der Idee setzend, um Kraft aus der Schwäche zu ziehen, da sei ein Fehler in das Zentrum gefahren, er habe das Wichtigste versäumt und mit schiefer Einstellung nur noch gesehen. Wo blutig das Herz schlüge, sei blaues Eis.
Er habe die Menschen nicht geliebt, sondern ihre Ideen.