Vermeiden Sie das schmerzlichste, daß die geistigen Führer wieder ausgeschaltet, wieder voll Anklage neben der neuen Macht stehen müßten, wie neben der alten. Schaffen Sie sich Fanfaren ins Herz des Volkes. Lassen Sie die Literatur, die Ihre Macht vorbereitet hat, eingreifen und feuern. Noch haben Sie nur Maschinengewehre, die in Ihren Händen auf die Dauer ein Witz sind. Wie könnten Sie sich halten mit den Waffen, die selbst den Bayernrupprecht, den Ludendorff nicht schützten. Machen Sie das Wort zur Waffe statt den Säbel. Entfernen Sie die alte Kulturspielerei, die Schamlosigkeit der Volksbildungsbestrebungen. Fort mit dem Rummel, der Ahnungslosigkeit, dem Gespiel, Getu, Geschwätz. Sprengen Sie Schulen und Universitäten vor allem in die Luft. Es ist Zeit, daß Sauerstoff in diese Gelb- und Kreuzgasschwaden kommt. Schmeißen Sie die Hebel zurück, die der Intelligenz den Zugang sperren und nur privilegiertem Geldbeutel ihn öffnen.
Vielleicht wird eine neue Rasse des Führertums entstehen statt Querköpfen und Têtes melons, deren akademische Graduierungen das Gespött der fortgeschrittenen Tiere sind. Es kämen die Ideale unserer Zeit in die Brennpunkte der Kulturwirbel und es würden nicht weiterhin (wie früher Schlachtrosse der Helden und gute Muttersäue) die Fahnenschwünge von Achtzehnhundertzwanzig dort in Übung und Gnadenfutter gehalten. Endlich einmal muß doch der Kontakt zwischen der Intelligenz und dem Volk überspringen. Noch fließt er hinter Zement irgendwo vorbei. Ein Skandal, daß nicht am neunten November schon Deutschland unter Geistflut gesetzt wurde. Es hätte noch erfolgreicher den reaktionären Barbaren widerstanden als das ypernsche Gelände, mit dessen Überschwemmung die Belgier unseren Generälen das Tor des Sieges donnernd gegen die Stirne schmissen.
Zwei Lager seh ich allerwege. Ein Volk, das aufbraust und eine Kunst und Ideologie, die zutiefst mit politischen Idealen sich trifft. Ein Wink, und Dichter werden wie in Zeiten großer hellenischer Vergangenheit öffentlich lesen. Auf zur Hebung der Schichten, die im Dunklen schaffen, zur Macht der Weisheit. Machen Sie aus den Theatern eine Säule, auf der Gesinnungshaftes gespielt wird. Haben Sie nicht Museen, Bildungsstätten, Akademien? Nivellieren Sie sie, machen Sie sie wieder auf, damit sie nicht Gebirgswinkel der Reaktion, damit sie lesbare Symbole unserer Zeit sind. In geistigen Dingen noch wichtiger als in formal-politischen ist die Kapitulation des seitherigen Systems. Schon der früheren Regierung war ihre Kunstpolitik diskreditierend. Und Sie schleifen den toten Bären mit.
Einmal, öfter, in Renaissance, Barock, Rom, Byzanz, waren Geist und Päpste und Fürsten Schmelzpunkte von einer Klarheit, daß es uns heute noch blendet und uns Geständnisse unserer Dürftigkeit entpreßt. Heute muß zwischen freiem Volk und Geist die gleiche Annäherung kommen, oder Ihr seid verloren. Hier wird nicht gearbeitet für den Tag, sondern für die Generation. Nieder mit der Kunst der Gesinnungslosigkeit, dem unhumanitären Geplärre der Aufpäppelung der Kitschiers mit der Ruhmesglorie, dem Mangel an Richtung, Profil, Gesicht. Nehmen Sie das, was auf den Straßen Ihnen bereit liegt, riesige Arme zur Ertastung des Volksbluts, der Sicherung des Zustands.
Versichern Sie sich der Jugend vor allem. Halten Sie ihr die Größe der zukünftigen Ideen vor, damit nicht ihr Rausch abgelenkt werde und nationalistische Piraten sie mit den Leuchtfeuern der Kaisermythen und der Schlachtlenker-Legenden in ihre Häfen täuschen. Gehn Sie an die Wurzel, entfernen Sie unbedingt an den Schulen Minderwertiges, Verfaultes, Konträres. Es sollte wie bei den Peripathetikern der Stand des Lehrenden der erste und nicht wie seither bei uns der geschmähteste zu Trommler und Pauker entehrte sein, dessen Verachtung die weltmännisch sich gebärdenden hohen steifen Kragen irgendwelcher Juristen kaum eine Sekunde zu unterdrücken geneigt sind.
Hier wächst Ihnen entweder ein Geschlecht oder der Abgrund.
Entfernen Sie den Schund der Lesebücher, geben Sie ihnen eine andere Kursstellung. Geschichts- und Geographieunterricht nach internationalen Richtungen. Seien Sie unerbittlich aber auch loyal. Lassen Sie die Staatsmaschine einmal Glühendes statt Papier speien. Lassen Sie Staatszeitschriften hinausgehn, jedes Haus erreichen, werben, erklären. Eifern Sie den Katholischen nach, deren Organisation für ein geistiges Ideal ihnen jede Macht gibt und selbst die amerikanischen Trusts weit übersteigt an Disziplin. Machen Sie Riesenbibliotheken für das Volk. Kontrollieren Sie die Öffnungen, aus denen öffentliche Meinung gemacht wird. Legen Sie den Arbeiterzünften Redner zu, die nicht das taube Korn der Partei vormahlen, sondern ihnen „Moulins Rouges“ der neuen Zeit vor die Stirnen stellen. Stellen Sie an hervorragende Posten Männer, die keinen Verdienst haben als in der Idee dem Volke gedient zu haben. Wer im Krieg wagte, dem schneidigen Regime zu widerstehen und es in seinen Büchern und Handlungen zu verklagen, hat mehr Recht auf der Spitze des sichtbaren Kreuzes zu stehen, als einer, den die Maschine der Fraktion oder des Zufalls hinaufgekartet oder gewürfelt hat. Auch wird es gewaltig über die Grenzpfähle wirken, erst gering und klein (wie bei uns auch) aber später wie ein Prairiebrand. Ersticken Sie ihn nicht. Es geht endlich einmal, so sehr ich Zweckliches als Feldgeschrei ablehne, endlich einmal nicht um Artistisches, um Ästhetisches, um Schlagsahne, Samt und Geld, kurz nicht um Literatur, sondern um eine moralische Sache. Es ist ein Widersinn und eine blanke Dummheit, sollten die, welche in der Schwarmlinie einer ganzen Generation nach Gerechtigkeit und sozialen Ideen rufend, vor ihnen her die Revolution gefordert, nicht auch Träger der Idee nach innen hinein werden. Es wäre der erhabenste Stumpfsinn.
Denn bald würden Sie einer Phalanx von Einfältigkeit und Machtgier der Seitherigen gegenüberstehen, und manche, die Ihnen heut zunicken, werden drüben sein. Et facti sunt amici in illo die Herodes et Pilatus. Ich weiß, daß das Schicksal die sozialistische Welle weiterrollen lassen wird, aber ich kenne nicht die Formen, unter der wie das Christentum der Zusammenstoß von Idee und Sachen sie vielleicht zum Gegenteil umschweißt.
Aber ich zöge es, da ich an napoleonische Tage nicht glaube, und unter Rupprecht und Lettow-Vorbeck kaum eine Atmensmöglichkeit erblicke, indessen einen tapferen und guten Absolutismus aber diesem Düngerhaufen des Geistes dennoch voranstellte, ich zöge es vor, unter dem dritten Otto, dem vierzehnten Louis oder dem achten Urban gelebt zu haben. Womit ich in der Tat selbst aber mich keiner Konsequenz der Zeit, auf der mit festen und in keiner Übung ungewohnten Schenkeln ich sicher zu stehen glaube, entziehen möchte.
Ich sage eindeutiger, einseitiger und erregter Ihnen das in diesen Novembertagen des Jahres Neunzehnhundertachtzehn schon, da Sie es wissen wollen. Sie haben zweieinhalb Mal solange das Leben gesehen wie ich und die Berechtigung, die Augen manchmal zu schließen und die Dinge nicht so ernst zu nehmen, da Sie vieles gesehen und meistens überlebten. Ich weiß, daß die Skepsis zur Ekstase gesellt erst jene kühle Tatsicherheit gibt, die gebraucht wird. Ich entziehe mich dem nicht. Doch ich möchte, der Krach eines panischen Entsetzens möge einmal wenige Sekunden lang in Ihr Bewußtsein schlagen. Dann hätten Sie, mit Falten der Klugheit um Stirn und Auge plötzlich vielleicht weiter gesehen, als die Vorrechte Ihrer Erfahrung Ihnen gestatten. Denn diese sind nur wertvoll als Ergänzung des Willens, nicht als sein Gehalt.