Da es darauf ankommt, die Menschen mit ihren Ideen zu erneuern, nicht nur ein paar Räder der Verwaltung auszutauschen, müssen Sie Konsequenzen sich hingeben, die tiefer stehen, als Ihre parteipolitische Navigation Ihnen zeigt. Machen Sie die Bahn dazu frei. Revolution heißt Verpflichtung an ihrem Geist. Es wäre eine Niederlage sondergleichen, ja des menschlichen Gedankens überhaupt, wenn Sie es versäumten. Denn vergessen Sie nicht, daß, was Sie an einem kleinen Volk tun, den Ewigkeitswert jeder ersten Tat, jeder erstmaligen Erkenntnis hat und daß Sie es nicht in partikulärem, sondern in ganz großen Maßstäben zu verantworten haben werden.
Damit man nicht sage, Sie hätten das Schlimme getan, das Gift geträufelt, den Vogel fliegen lassen und die Revolution so quittiert wie jener Ingenieur Megret, der, als er Karl den Zwölften tot in der Trenche fand (womit der schwedische Imperialismus krepierte), sagte: „Nun hat die Komödie ein Ende. Wir wollen zum Nachtessen gehen“.
19. Bilanz
Kurz . . . um eine Addition zu machen . . .
Vor einigen Jahren rollte die Welle der Stoßtrupps neuer Gesinnung und neuer Form vor, steckten die Grenzlinien ab, verteilten die Terrains, gewannen die Anfangsschlachten, überschritten die Marne. Ihr Sinn ist näher bei Tolstoi als bei Gustav Freytag, ihre Art mehr zu Grünewald und Bosch gewandt als zu den Nazarenern und Symbolisten. Es ist ihnen nicht viel nachgekommen, einiges, was ergänzte, ein paar Farbflecke neu, aber keine überstrahlende Figur. Genau wie in der Malerei. Es gibt keinen Nachwuchs. Lehmbruck, Marc sind tot. Barlach, Feininger, Rohlfs, Klee, Purrmann, Pechstein, Nolde sind nicht mehr jung. Es bleiben die sieben oder acht zwischen Heckel und Kirchner und Beckmann, die die ersten Eruptionen warfen und nun ins Oeuvre hineinwachsen. Hinter ihnen wie den dichtenden Musen ist nichts wie Krampf, Getös, Radau und jene widerliche verfluchte revolutionäre Geste, die den dicken Wilhelm des radikalsten Expressionismus mimend nicht andeutet: Durchbruch oder ich verrecke . . . sondern: wie schiebe ich mich am verdrehtesten und auffallendsten in eine meschuggene Pose. Junge Leute, Ihr werdet schwer verknüppelt, wenn Ihr es, was wahrscheinlich, nicht vorziehen solltet, der nächsten kleinen Wendung mit gesteigertem Gebrüll zu folgen. Aber man hält das Gähnen nicht vor solcher Steeplechase. Die Eselsohren erscheinen, die mangelnde Lende wächst durch die Tunika, während die Offiziere und Echten und Elementaren der revolutionären Bewegung in die eroberten Städte einziehn.
Kann man auch mit dem Zirkel schon einen Kreis um das Vorliegende schlagen, tangentieren und nach Laune mathematische Erörterungen springen lassen, so gibt es doch noch nicht die leiseste Ahnung, ob wir im Anfang sind der neuen Prosaentwicklung, ob mitten drin, ob vielleicht schon am Ende. Es scheint, als ob die Geschichte, die verzweifelte Dirne sich wiederholender Handlungen, lehre, die Exploiteure und Buschmänner neuer Weltgefühle und Stile seien auch ihre wesentlichsten Träger. Es ist dutzendfach zu beweisen. Doch kann das Wesentliche auch erst im Schatten dieser Anstrengungen heraufwachsen. Die Spannung, die zwischen Geist und Stoff heut liegt, ist zweifellos feindlich, da es immer auf Vergewaltigungen herauskommt. Das wird nach legitimeren Formen und ehelicheren Annäherungen leiten. Zuerst geht es mit den radikalen Lagern, ganz links oder ins Tief-Katholische. Nicht jene offizielle Religion wird geliebt, die der Krieg kompromittierte. Einmal hat sie der Belgier Masereel, der Daumier unserer Zeit (wenn auch ohne seinen Bizeps) gezeichnet, aus der Bibel lesend, das Feuerkommando gehend. Es wird das Übernationale der katholischen Gläubigkeit gesucht werden wie das Internationale der sozialistischen Ideen, ein humanitärer menschenliebender und vereinender Passat streicht über die Erde. Vorderhand marschiert man tapfer auf eine Mauer zu, die irgendwie wo steht. Das ist überhaupt die Art der Lebensroute. Von Schickele bis Däubler und Mann ist man von der Partie. Erst in dem Augenblick, wo man dicht die Steine berührt, wird ein Teil einfallen, ein ungeahnt großer, neuer Horizont wird da sein. Und Ihr werdet sehr erstaunt sein. Das Neue kommt von einer Seite und Richtung, an die Ihr gerade am wenigstens dachtet.
Es wird wohl nicht ins Uferlose der Form hineinziehn und Geistkonstruktionen werden der neuen Landschaft sehr fern sein, es wäre blamabel, an solche Starre zu denken in sicher melodischerem Vogelgesang der ersten Sekunden. Wirft Flake mir herüber, meine Temperamentsnovellen liefen Gefahr, die große Oper des Heroischen zu werden, freut sich alles in mir, ihm zu sagen, ich habe es vorgezogen, statt ein Gehirnzwitter immerhin ein Kerl gewesen zu sein. Wie ich es mehr liebe, in der Mitte des Mahls Beefsteaks vom Rost mit Blut und Kruste zu speisen als Zirbeldrüsen, in denen, wenn ich nicht irre, der Sitz des Verstandes sein soll, und durch deren Genuß wohl der Sinn für die Konjunkturen des literarischen Betriebes geschärft wird, und sei es selbst in dem regenbogenhaften Ritt durch alle geistigen Phasen und Stile, an dessen Ende der Elsässer Flake keineswegs als der Pol der Epoche landet, sondern als die bewegliche und nicht ganz stilreine Kuriosität eines „Kleists des Feuilletons“, der er immer schon war. Hat die Zeit einmal im Abstrakten sich ausgeschweift und gesehen, daß nur Hirnräuschlein aber keine durch Tod und Hölle sausenden Erschütterungen zu holen sind, wird sie sehr bald in sanftere und geregeltere Beziehungen zum Naturalistischen gehen. Sie werden dann nicht mehr unerhörte Abenteuer erleben, nicht wie reißende Wölfe das Feminine im Vorwurf und Reiz erstreben, sondern dem Seienden die Größe der Seele und die Souveränität des Geistes wohl als milde Ausstrahlung hinzufügen. Ich zweifle nicht, daß es so gehen wird. Vielleicht bleibt man aber auch wieder im Nazarenertum stecken. Wer heut Kraft hat, wird auch weiter eine Sache sein, die man zuerst behandelt, wie die Hunde mit Denkmalen tun und dann gewaltig respektiert. Ob Ihr in Zukunft Kunst wie Erbsen au sucre oder à l’anglaise anmacht, das Resultat wird letzten Endes dasselbe sein. Zeit fragt nicht, wie die Schar der Gourmets nach den Mayonnaisen, sondern nach dem Fleisch. Das ist ihr unbestreitbarer und unerschütterlicher Vorzug. Das alles liegt noch in weiter Sicht und wird nur wie die äußersten Saiten birmanischer Instrumente sozusagen als Untermelodie und pizzicato mit überspielt. Denn vorderhand scheinen wir noch mitten in der Melodie zu sein, und noch hat kein Abgesang begonnen einzufallen. Was Dadaisten heulen, ist nur Geschrei der Unvorsichtigen und nicht aus Geist, sondern aus Dummheit Überkühnen, die an den äußersten Rändern unseres Weltbildes sich die Finger verbrannten. Anarchie ist nicht möglich in dieser Form und Zeit. Das Mißverständnis und die Desavouierung kamen aus dem Erfolg und der modisch gewordenen Haltung, als das Pendel durch die öffentliche Anerkennung durchschwang, die im Grunde belanglos ist und in der Konsequenz gefährlich.
O Ihr Jungfrauen von Kötzschenbroda, Ulm und Gnesen, die Ihr statt Schlummerrollen und Holzschnitzereien Eure unverstandene deutsche Schwermut nun in abstrakten Landschaften und gedreieckten Visionen dem erschreckten und ahnungslosen Publikum Eurer Heimat vorweist, wie sehr habt Ihr (wie die meisten alle) mißverstanden, daß die Wölfe allein imstande sind, die schlanke Geistesbeute zu fassen und zu zerreißen, und daß die Tauben und die idyllischen Hühner, selbst wenn sie die tragischen Masken tragen, unerbittlich an Girren und Scharren gebunden sind. Wer wähnte, die neue Kunst sei modern und es sei nötig und guten Tones gewiß, sich mit zeitgemäßem Badekostüm, Teekleid und Fingergestus auch dem Geistigen bestimmt nun modisch anzuschließen, hat schlechte Börsentips des Geschmacks getan. Modern ist bei Gott hier nicht die Spur — was hier erstrebt ward, war uralt. Modern ist allein und undeutsch auch nebenbei der Kitsch, den die guten Schulen unseres Mittelalters und aller anständigen Vergangenheit nicht kannten.
Eins jedenfalls ist sicher: die Generation ist ausgekernt. Überraschung wird nur noch aus der Leistung kommen, nicht aus dem Affront. Die Redner, Maler, Dichter, Regisseure, Plastiker dieser Jugend stehen in der Arbeit, es ist wohl abgeschlossen, was hinter ihnen kommt.
Das Formale ist als Frage und Problem wohl erledigt. Nun kommt die stille Arbeit. Ich bin für die Leistung. Aber ich bin gegen Expressionimus, der heute Pfarrerstöchter und Fabrikantenfrauen zu Erbauung umkitzelt. Es hat mich nie gereizt, eine Schar zu führen, die in geometrischen Orgien und stilistischen Wettrennen auch nur erstrebenswerte Stationen der Kunst erblickte. Ich erschauere über die nachgeplapperte Gebärde, deren Sinnlosigkeit Brechreiz erregt. Ich bin dagegen, daß die siebentklassigen Leute sich verdrehen, schöne Mädchen und zu anderen Hoffnungen durchaus berechtigende Knaben sich ereifern, die Welt mit kosmischen Tapeten und hysterischen Gedichten zu erfüllen, statt ein bescheideneres und menschlicheres Dasein sich zu erwählen. Ich bin dagegen, daß die Programme der Theater und der Kunstgewerbeschulen und der öffentlichen Vergnügungshäuser schon allgemach beginnen, sich „steil ins Visionäre aufzurecken“, und das die alternden Damen bereits nicht weit davon entfernt scheinen, ägyptische Coiffuren den schlichten und sicher in ihrer Unreizbarlichkeit gelasseneren aufgeklebten Teetassen vorzuziehen. Ich bin voll Gram und Übelkeit über diese Dürre, diese Trockenheit, dieses Mißverständnis eines Nachwuchses, der keiner ist, sondern ein Ameisenhaufen von Ehrgeizigen, Affen und Modischen und Harlekins. Wahrlich, so setzt ein Stil sich nicht durch, nie geschieht durch die kritiklose Aufnahme der Idioten die Wandlung in schöpferische Breite. Glaubte ich nicht, daß, nachdem (Lob, wenn es bald sich ereignet) die Allzuraschen das Geraffte wieder treulos verworfen haben, glaubte ich nicht, daß gegen die Programme, gegen die sie hilflos sind, die Sicheren und Aufrechten, dennoch, sich wandelnd mit der Zeit und dem aufsteigenden Saft ihrer eigenen Reife, diese Mischung von Glauben, Einfachheit und Stärke des Ausdrucks zum guten Ziel breiten werden . . . ., müßte ich wirklich denken, dies Gewimmel von Nichtsen und Nachbetern sei die „moderne Schule“, ich wüßte keinen anderen Wunsch, als daß ich sekündlich bei aller meiner antimilitaristischen Überzeugung bäte, irgend ein deutscher oder gallischer oder tonkinesischer Kriegsgott mit aufgesteiltem Schnurrbart möge dies alles sporenklirrend in die Welt-Latrinen tragen.