Jedenfalls hat das Volk wie das Blut den Bauchtanz der Stilaffereien satt. Als ein Schiff namens Titanic auf einer Rekordfahrt im Frieden von Neunzehnhundertzwölf oder Dreizehn sich an einem Eisberg zerschlug, damit eine englische Linie schneller sei wie eine deutsche, hallte die Sensation noch Monate in den Völkern Europas nach und die Konjunkturgerüsteten verarbeiteten es, wie später den Krieg, zu Novelle, Film und Drama. So begann es, aber niemand dachte bis zu den Wurzeln hinunter und fühlte, hier steige der Riß auf im gottverdammten zivilisierten Jahrhundert, der bald alles zerschmeiße. Man strafte nur Kapitän und vorgeschobene Laffen. Lloyd strich die Versicherung ein. Niemand holte den Zeitgeist vor die Assisen und strafte ihn mit dem Bann. Man hätte ihm damals schon das E. K. I und die Légion d’honneur verleihen sollen, man wäre dann allgemein gefaßter auf das Kommende gewesen. Es sind dann zuviel Schiffe gesunken, Städte zerschossen, Millionen verreckt, Kaiser gewandert, Revolutionen aufgeflackt, als daß irgendeine Sensation außer der des Messers direkt vor der eigenen Kehle die Menschen noch erschütterte. Man will Ruhe. Vorderhand betäubt man noch die Resignation. Auch der Expressionismus ist kein Stachel mehr oder tiefer wie eine rothaarige Barmaid oder die erste englische nach dem Kriege importierte Kokotte mit den neuesten Plissees am Nachtpyjama und famosen Lastern in den Fingerspitzen. Ich fürchte, man wird sehr katholisch werden oder sich süßgefälligem Klassizismus in die Hände werfen, hat man erst an Tanzbarrikaden, Aufklärungsfilms, Bac . . . bac und Homosexualem genug. Sie werden dann vielleicht auf nackten Sohlen zu Traktätchen schliddern und nachts ihre Bonnen auf Filzsohlen besuchen oder ästhetisch werden mit jenem Oberflächenschleim, der alle Unkultur zudeckt. Sie haben dann vielleicht Krausen um die Hälse und Filetmanschetten und mehr Zeit, die Nägel zu polieren als auch in das Gekröse der Zeit zu schauen und Blutdampf der Schlächtereien zu ertragen. Ihnen wird ein Weltbild pastelliert wie eine gebügelte Omelette serviert. Wahrscheinlich wird ihr Anzug auch farbiger sein wie der unsere, wahrscheinlich phantastischer und nicht so idiotisch beschränkt. Das wird ihr wesentliches Plus sein. Uns werden sie als Drecksäcke bestaunen, weil sie sich in Parfümwolken geflüchtet haben. Die Armen werden nicht wissen, daß, neben anderem, wir auch das kannten und, hols der Teufel, die Höhen des Daseins abgelaufen haben wie irgendeiner. Sie haben seinerzeit unter Paul Heyse auch Büchner und Shakespeare wie zusammengeschossene Kuriositäten sich lachend und fröstelnd vorgesetzt, als sie in einer dünnen und lächerlichen Lyrikwolke saßen und, wie immer dieselben, glaubten, ein barbarisches Erdgelächter und die Dicke und Fülle seien Ungeschmack. Ich hoffe, diese Perspektive wird unter den vielen Perspektiven die des falschen Traums gewesen sein. Es wäre zu lächerlich und beschämender als ein Bankerott. Auch ist es wurscht. Man tut das seinige. Mehr ist uns nicht zugeschrieben in dieser übel begrenzten Welt.

Irgendwie hat Kunst eine tiefere Aufgabe als nur ihrer augenblicklichen Zuhörerschaft etwas zu kitzeln. Sie bedeutet heut ein klein wenig Niveau. Endlich eine Anschwemmung von Festland im Morast. So und nicht anders beginnt der Weg zur Kultur und zu den menschheitlichen Aufgaben. Etwas neues ist in unseren Tagen in die Welt getreten und zum ersten Mal zeigen sich Bodensätze, auf denen nach anderen Grundrissen als seither das Gebäude der Erdbewohner gemacht werden kann. Die Dichtung hat diesem oft und früh Ausdruck gegeben, vieles präpariert, manches schon geschaffen. Aber es ist noch ein Molekül. Es fehlt noch das Zusammen- und Ineinanderschweifen der Stile, Geister, Kunst, Gefühle zu einer Zeitharmonie, die tatsächlich von Haus bis Bordell, Glück, Ehe, Krieg, sozialen Gleichheiten einen Raum wie eine Glaskugel so glatt und selbstverständlich baute. Wichtiger als das Drama scheint in der Dichtung Prosa und Lyrik. Ohne Strindberg, Wedekind, Claudel ist die heutige Schaubühne undenkbar, ja fast alles heutige ist in ihnen schon erfüllt. Merkwürdigerweise haben sie die Prosa gar nicht beeinflußt im Kern. In einer absolut neuen und vornehmen Formgebung scheint sich in ihr die Vereinigung slawischen und romanischen Geistes zu vollziehen. Dies ist eine große und praktische europäische Aufgabe. Alles Große ist ja von Urgrund an verbunden, die Themen jeder bedeutenden Kunst sind die gleichen, nie siegte die Gewalt, durch Leid erklomm Mensch und Kreatur erst sich selbst und Seligkeit. Das Europäische steht sich noch näher, denn, so sehr wir natürlich modern sind, sind wir doch Kinder Flauberts und Jammes und Voltaires, und auf der anderen Seite waren die Russen auch vor uns da. Nirgends scheint mir das so gesammelt wie in unseren Prosabüchern. Die letzten Resultate stehen noch aus. Vorderhand ist alles noch zerrissen. Schlössen sich die Kulturansätze dichter zum Kern hin und ginge ein überlegenes Gouvernement vor und plättete die Ansammlungen um einige Kulturzentren besser auseinander, käme es auch mehr ins Breite. Da der Krieg die ethische Seite zum Zerplatzen anzog, kam gute Dichtung ziemlich in die Massen. Tatsächlich brauchts aber Nivellierung, denn die großen Außenseiter machen das Niveau nicht, sondern machen nur die Distanz zu den kleinen deutlicher und die Zerrissenheit größer. Vorderhand vollzieht sich der Blutausguß immer noch in zwei bis drei Zentren, und die Theater, sehr überholte und, Parlamenten gleich, nachhinkende Instrumente sind doch ganz einem Kreis von Kapitalisten, Snobs, Begeisterten und Modisten ausgelieferte Tribünen. Die Masse, das Proletariat zumal, wird überhaupt nicht erreicht. Nicht so wichtig ist, daß eine der Zeit entsprechende Kunst da ist, als daß die Menschen davon erreicht werden. Noch sitzt nicht in jedem Nest ein aufs Gute kontrollierter Buchladen, marschieren Gemäldeausstellungen in die Gebirgstäler, spielen die Kinosterne Hella Moja und Fern Andra wichtige und menschliche Stücke auf jener Flimmerleinwand, die heute der fabelhafteste Schuß ins Volksherz ist, surren gute Vorstellungen durch Vorstadt und Bergwerk. Die Sache ist schiefgewickelt. Was auf dem Großen Bären passiert, ist mir an Europa und vorderhand durch die Valuta an Deutschland geschmiedeten, ganz pulde. Für den Marburger ist München gleich Mond, Berlin dem Rosenheimer schon Sirius. In Roßdorf und Pöcking ist selbst der Name dieses Gestirns noch unbekannt.

Es gibt Architekten, aber kein Baugeld. Für Plastiker keine Säle. Für die Ergriffenen nichts, was statt der gotischen Kirche aus dem Boden wüchse und unsere Zeit als Denkmal über den Erdrücken hin in die Unsterblichkeit trüge. Einheit ist noch sehr fern. Das Expressionistische scheint in der Vielheit seiner Aufgaben und der Flamme, die es aus dem Bündel holte, ein entschiedener und entschlossener Ansatz, vielleicht nur eine Vorbereitung, damit es dazu komme, daß Seele, Raum, Umgebung, Leben zusammenfließe zur Einheit. Als der Akademiker Annibale Carracci die Galerie Farnese anfing, malte er die Decke, komponierte die Gewölbe und entwarf sogar, dieses cervello grande, wie der Cavaliere Bernini ihn nannte, Hermen und Ornamente nach den Gesichtspunkten originaler Perspektiven. Und dies war nur das Barock. Daniele da Volterra (mag er heutigen tausendmal ein Troddel scheinen) fragte Michelangelo um Rat wegen Architektur, und der große Bildhauer machte bedeutende Verse. Es gab in bedeutenden Höheerscheinungen der seitherigen Welt manchmal wunderbare Durchdringungen des Geistsaftes aus allen Lagern und Poren.

Dazu muß beim Menschen angefangen werden. Das Politische muß sich auslavieren. Die Revolution ist nicht tief in die Stollen vorgedrungen, hat aber immerhin eine Anzahl Bollwerke erobert und halten können. Die Reaktion ist kühn auf dem Marsch, die Parlamente begannen ihr ausgequietschtes Scharnierspiel wieder zu schaukeln. In Spanien folgte eine Zeit lang in Monatsabständen ein konservatives immer auf ein liberales Kabinett. So annullierten sie stets das vorher Verfügte. Ähnlich wird man sich wieder die Wage halten, ein unfruchtbares Schaffen wird demokratisch genannt werden. So ließen immer die Völker ihre Rücken biegen und solange sich zu Exerzierfeldern benutzen, bis zu übermütige Belastungsproben ihren Unwillen erregten. Dann ließen sie die Minen springen. Der geheime Zündstoff ist nie verloren gegangen. Ihn heißt es hüten als gutes Feuer und Signal, man muß ihn zum ersten Mal verständnisvoll anlegen lassen, damit eine künftige Revolution endlich einmal zur rechten Stunde und nicht als Ente kracht, daß sie am rechten Platz und nicht aus zufälligen Vesuven steigt und daß vor allem Menschen da sind, die nicht von ihr bleich gegen die Wände gefeuert, sondern grüßend dastehn und sie heimholen als die große Meerentstiegene. Einmal muß der wilde Bulle einen endgültigen und vorzüglichen Sprung tun.

Man soll heftig dabei bleiben und vor allem, was an Tradition da war, nicht vergessen. Das ist Besitz und nicht Belastung, wie die Futuristen meinten, man muß eben nur zu entwickeln verstehen. Das Miese auf den Mist. Das Erhaltene aber in den Humus. Gibt es zwischen Kerr und Fontane noch keine Bindung, muß man sie erkennen und von dort aus Enterhaken ins Zukünftige werfen. So ist schon eine Kette da, Stationen warten, sind hergerichtet, es ist vorbereitet dies und das. So kommt man immer aufs Wesentliche. Das andere muß liegen bleiben bei Seite oder als Dung, wie es sich eignet. Talente genügen nicht mehr. Verantwortungen müssen da sein. Auch der Hecht ist wichtig, als Raubtier hat er Adel und Aufgabe. Auch unerbittliche Verneinung ist Liebe in diesem Sinn. Aber im Guten auch muß die Absicht moralisch sein, nicht nur bon sens. Standhaftigkeit und Urbanität. Kein Krähwinkel der Eitelkeiten. So kommt Höherzüchten, Besinnung, Sachlichkeit. Kommt zwischen Peitschenknall der Hirten und hörnerblasenden Engeln ein neues Tagen. Ein Novum ist in die Welt getreten, viele haben es verspürt, die meisten vergessen. Der Wille zur Einheitlichkeit der Handlung und des Zueinanderwollens hat sich in die Seelen der Völker festgesetzt immerhin. Man soll die Zahl der Entschlossenen nicht überschätzen. Aber das Buch ist eine adlige und gute Angriffstruppe. Zwar haben sie auch Voltaire und Platon gelesen, aber sie haben es auch nicht vergessen. Vorderhand ist unsere Zeit noch barock. Eine Rampe ist nicht vorhanden, nur für wenige, die es hören können, hat das große Schauspiel auf einer geheimen Bühne angefangen, und die unsichtbaren Schlachten und Donner und Verschwiegenheiten der Dialoge und Handlung haben begonnen. Die anderen aber sind auf ihren Stühlen geblieben und haben nichts vernommen. Orbis pictus nannten die Guten früher, was an Welt sie schilderten. Welttheater. Sie sind heute mit unendlicher Dummheit geschlagen, weil sie nicht zur Bühne hinschauen, aber auch nicht spüren, daß statt dort in allen Logen von ihnen selbst ein irres Drama gespielt wird. Nirgends spiegelt sich die Welt wie in uns.

O Deutschland.

Vor vier Jahren, als es begann, Euch kratzig zu gehen, besannet Ihr Euch auf Euren Chauvinismus und nanntet uralt lothringische Nester in Eure Zunge zurück: Mein Metzer Weinnest Siy zu Sigach, Flaucourt zu Flodoaldshofen. Selbst Jouy-aux-Arches, statt seine bochische Herbheit zu lieben, machten sie zu Gaudach, indem sie der römischen Silbe den ersten Wehruf ihrer Verderbnis folgen ließen. Heut machen sie drüben aus Bismarckstraßen die Avenue Foch und aus der Vogesenstraße Straßburgs den Boulevard Clemenceau. Ludendorff begibt sich in die Versammlungen deutscher Burschenschafter und ernennt sie zu Trägern des Vermittlungsgedankens zwischen Arbeitern und Fettbäuchen und nimmt das irrsinnige Jubelgeheul als Honorierung für die Einheizung des monarchischen Gedankens. Die Flieger waren im Krieg Feuilletonisten geworden, ich hatte es nicht geahnt, als ich Lambert auf dem Marsfeld als einer der ersten Passagiere begleitete. Sie rochen damals noch nach Benzin und waren zwar herrlicher aber fast so ungeistig wie die Reporter des Matin, die sie interviewten. Aber gefallene Generäle haben von Würde so wenig Ahnung wie die Bankerts aus Pudel und Dachs. In Garmisch segnet Henny Porten die Loisacher und Werdenfelser, die ausmarschieren, München von den Räten zu befreien. In Tegernsee dürfen Damen und Herren selbst in keuschesten Anzügen nicht zusammen am Seestrand baden. Fährt meine Jolle zwei Meter weiter im Bodensee, René Schickele auf der anderen Seeseite zu sehen, erschießen mich schweizerische Bleie, da das Wasser hier schnell und deutlich andere Territorialität annimmt, ohne im mindesten an Nässe und Grün und chemischer Substanz zu verlieren. In München zeigt man Cook-Reisenden verrostete Stacheldrähte an der Vier-Jahreszeiten-Bar aus den Apriltagen Neunzehnhundertneunzehn, und während den Lemberger und Darmstädter Spießer es im Fette gruselt, erschießen sie Leviné an der Gefängnismauer im Auftrag einer sozialistischen Regierung. In Passau ist ein Markt von elfenbeinernen Rokokoöfen, der Ausverkauf der Schlösser beginnt. Flieger schaffen Perlen nach Trelleborg, und Luzern überfüttern sie mit Gold und Banknoten. In Mainz ist das Fest des vierzehnten Juli prächtig verlaufen, in Galauniform hat General Mangin eine Rede auf der illuminierten Mainbrücke gehalten. Es sei besser, man mauschle und schiele mit den Füßen, schöbe und habe Geld, statt zu versuchen, geistreich zu sein und keines zu haben, denkt einer im steifen Hut im Wartesaal, wo Dichter schwärmen zwischen zwei Zügen. Ebert spricht von Schiller und Goethe in Weimar, während die eigentlichen politischen Leidenschaften des Volkes die Schienen um ihn und seine Nationalversammlung aufreißen. Man schraubt Preise und Geist. Einen millionenschweren Dichter verhaften die Weißen Garden in München, weil er (Gelächter der Literaten) im Besitz der zahmsten Zeitschrift, Bies Neuer Rundschau, war. In Darmstadt ist aus dem weltberühmten Exerzierplatz ein Negerdorf für Kinoaufnahmen geworden, Noske schrie beim Besuch die Minister an, weil keine Generäle da waren. Doch sind die Hessen Pazifisten, blind und kriegerisch nur in der Etappe. Später veröffentlichte man das Menu in den Zeitungen, es fand sich, daß es nicht karg war, und die Konservativen feixten. Die Sozis waren aber böse, weil das Ernährungsportefeuille ihnen von den Agrariern wie eine Gipsstukkatur abgerannt wurde. In Moskau hält man aber die Bauern für die Stützen der bolschewistischen Idee. Die Bürger schreiben in ihren Gazetten, taucht irgendein neuer Revolutionär auf, sofort, er sei lungenkrank und geistesgestört, eh sie seinen Namen wissen. Später fügen sie hinzu, er habe siebenjährig sein Wasser ins Bett abgeschlagen und vierzehnlenzig auf Karneval vor Generälen gescheut, was Anomalie sei. Die im Land irrenden gehetzten Kommunisten wollen die Bürgergarde zum Äckerdung. Die im November Neunzehn kalkig und kindsfromm verschwanden, pauken wieder auf Bauch und Blasbalg die nationalistische Phrase. Von Fähnrichs werden nicht grüßende Matrosen erschossen. Bald wird es so kommen wie in Wien, wo achtzehnhundertvier, wie Benjamin Constant nebenbei anmerkt, ein fünfundzwanzigjähriger Mann gehängt wurde, weil er ein Gedicht zum Lobe der Revolution geschrieben habe. Otto Flake biegt seinen Kriegsnovellen die Knospen ab, schraffiert sie, läßt Kommas und Artikel beiseite und schreibt damit einen pazifistischen (klugen) Roman und nennt ihn Revolution der Prosa. Als mein Freund Colin als erster Franzose und europäischer Generalsekretär der „Clarté“ zuerst in Deutschland als mein Gast in Darmstadt sprach nach dem Kriege, sangen draußen zum Protest gegen die Menschlichkeit die Helden des „Mückebundes“, Gymnasiasten und kassierte Leutnants mit entblößten Häuptern im strömenden Regen die Wacht am Rhein, bis die Sturmtrupps der U. S. P. und der S. P. D. sie gemeinsam in unsterbliche Prügel zogen. Ich werde paßkontrolliert, wenn ich von Darmstadt nach Frankfurt fahre, und als gesinnungstüchtige Besitzer von Lastautos die wachstehenden Franzosen dreiviertel Jahr nach der Beendigung des Krieges mit herausgestreckter Zunge im Vorbeifahren grüßten, schloß Herr Foch wegen dieser Beleidigung seiner Armee die Bahnen, und die Fahrten gingen gegen unendlichen Wucher in den Autokähnen der Arrangeure durch internationale Staubwolken aufs feurigste vor sich. Aus dem Festungsgefängnis Eichstädt schrieb der Führer der roten Münchener Armee, Ernst Toller: „Ich habe Ihren Prinz gelesen, es durchfuhr mich so vor Lust nach dem Dasein und der Fülle des Lebens, daß ich mit den Fäusten gegen die Wand trommelte, und mein Gefängnisnachbar, der mein Blut fühlte, trommelte wieder. Wir erinnerten uns und bewiesen uns unser Dasein.“ Die Glasbilder und Bauernmöbel im bayrischen Gebirge sind ausverkauft. Einmal wird man auch energisch der Wohnungsnot steuern. In Fiume sitzt d’Annunzio, während hinter seinen annexionistischen Freischaren hundertzwanzig Sozialisten ins Parlament gewählt werden. In Japan war, wie „Nieuwe Rotterdamske Courant“ schreibt, ein Zyklon. In Brüssel verliert der Direktor des Blattes „L’Art libre“ seine Museumsposten, da er, um ein wenig Belgien vor der Gerechtigkeit zu schützen, gegen den Versailler Vertrag protestierte, und die „Ligue du Souvenir“ schwärmt in der Ablösung der deutschen Kriegervereine. Warum ist Hindenburg nicht in einem friedlichen Zeitalter Schalterbeamter in Oberau geworden? Tirpitz als Reichskanzler verfolgt als Traum das Hirn und die Nacht eines Dragonerrittmeisters. Immer wühlen, trotzdem wir kaum japsen können, junge Offiziersknaben für frisch-fröhlichen Krieg. Die Adlerwerke arbeiten nur noch zwei Stunden. Die Wirtschaft ächzt in verstopfte Ohren. Bald wird die Kriegsanleihe auf 25 gesetzt werden. Treffen Bekannte sich, reden sie zuerst, wie sie Steuern defraudieren. Die Katastrophenhausse in Wertpapieren hat begonnen. Es ist wenig Holz, keine Kohle vorhanden. Die Bergwerke sind nicht verstaatlicht. Die Lokomotiven durch die Kriegsrekorde ruiniert, Es wird ein kalter Winter werden.

Deutschland.

Deine wenigen Getreuen in dir selbst haben dich nie verlassen und sind nicht mutlos genug, trotz aller Katastrophen und aller Unzucht an deinem schönen Leib die Größe deiner Wälder und Sagen und die Berge mit den guten Namen, die weiten Kornfelder und die Flüsse mit wandelndem blauen Wasser und über ihnen deine große und schöne Mission zu vergessen. Deine Menschen haben aus der Revolution noch weniger gelernt wie aus dem Krieg, und die Pleite einer geistigen Verwüstung sondergleichen an dich herangetragen. Ihr Pazifismus ist nur eine Taktik, mit der sie losgerissene und früher geraubte Stücke des Besitzes deines Landes wieder erluchsen wollen. Als man Schlagworte in die Volksmasse streute, fachte die Dummheit der chauvinistischen Leidenschaft dich wieder zu so tragikomischer Größe, daß man verzweifeln könnte, hätte man es nicht lange verlernt. Wer die Verschickung belgischer Arbeiter mit tausendfachem Menschenmassaker freudig lobte und gern dafür sprach, russische Kriegsgefangene jahrelang nach Friedensschluß ihre Güter bewirtschaften zu lassen, heult nun mit ethisch-roten hektischen Köpfen gegen die Zurückhaltung der deutschen Gefangenen, was eine Schweinerei, aber nach dem Paragraphen der Abmachungen präzisestes Recht ist. Und die Krüppel der Zeit, die kaum Überzeugten gegen das Regime seither, heulen, schreien mit. Die Revolution haben sie zu Lohnschrauben verhandelt, auf den Straßen liegt sie wie eine alte Sau. Die Idee hat sich auf einige Köpfe zurückgezogen. In Wirklichkeit blieb nichts, was wir hofften. Die Schulen hängen Kaiserbilder auf. Die Universitäten sind Fischkästen der Reaktion. Die ganze Jugend haben sie nicht gewonnen, ist verloren. Alles aus der Hand gleiten lassen, das das Volk für ihre Idee gewinnen konnte. Ein Unteroffiziersverstand grenzenloser Nachlässigkeit hat die Macht an sich gerissen, aber die Instinkte waren zu hündisch, als daß er die Fülle und Größe der Aufgabe nur in ihrer Ahnung begriffe. Die Musen lieben zu scherzen und tragen manchmal statt des marmornen Ernstes der erfrorenen Züge kleine Larven und Tamburine. Der Geist steht abseits, enttäuscht, diesem Staat zorniger noch gegenüber wie dem vorherigen. Die Methoden sind nur verschärft und vergröbert herübergerutscht. Verbote, Erschießungen, Mord, Zensur bläken mit vergällterer Grimasse. Die Jugend wendet sich langsam ab, verläßt die Feuer und geht mit Wandermienen und schlankem Schritt in die Wälder und die langentbehrten Berge, die mit entschlossenem und Irdischem abgewendeten Gesicht ihre ewigere Mission tragen. Es mußte ein royalistischer Aristokrat der französischen Armee sein, der lächelnd sagte, dies sei wohl ein Plunder, eine Farce, die Tat eines Coviello, vom Geist eines Molièreschen Dieners entzündet, was sie in Deutschland als Revolution entfachten. Wir verstanden uns sehr gut. Hätte er das Wort Cambronnes hinzugefügt, was er vermied, ich hätte ihm nichts entgegnen können. Er hatte den Mut und die Überzeugung, so zu reden, da er wußte, daß in Paris zur Stunde des Petardeschlages andere innere Gewalt und andere Abrechnung und Konsequenz gegen seine Schicht aufschlagen werde, und kein Chiaroscuro, sondern nackte fleischhelle Klarheit streng und vorbereitet in die Zukunft falle.

Die Menschen versagten.