Man wird eine lächerlich phantastische Angelegenheit hinzunehmen haben, die vielleicht nicht einmal gut erzählt ist, weil sie des Nachts statt in einem Eisenbahnabteil in einer abscheulichen Landkutsche erzählt wurde, die zu heftig nach Apfelsinen und Zigaretten roch, um nicht Kopfschmerzen zu machen. Ich klage den Chef der Bahnen nicht an, daß unser Jahrhundert zerrüttet ist, vielmehr versuche ich für den Leser die Verbindung zu einer Zeit herzustellen, wo die Launen der Menschen noch stichhaltigere Werte waren wie heute ihre Verzweiflung. Man wird gewiß heute einen Mord ebenso zu kaufen bekommen wie eine verbotene Banknote, aber der Hunger und die Geschäfte der Börse werden die Erinnerung daran zerstört haben, daß es Zeiten gab, die so unmenschlich vollendet schienen, daß es Genies bedurfte, um sich jene Anregungen der Herzen zu verschaffen, die man Leidenschaften heißt.

Sie sind billig wie die Äpfel geworden und nichts erscheint heute im neunten Jahr des Dreißigjährigen Krieges, den die Herren Creusot und Stinnes, oder wie ihre Nachfolger heißen werden, sich liefern, um die lothringischen Erze zum Ruhrkoks oder den Ruhrkoks zu den lothringischen Erzen zu bringen, nichts scheint bewunderswerter als ein kaltes Herz.

Diese Geschichte in der Tat, welche aus der mathematischen Sicherheit eines Zeitalters hinausführt, von dem uns erst zehn Jahre zu trennen scheinen, das uns aber legendär wie ein Roman Jules Vernes erscheinen will, hat die fatale Absicht, sich in Gegenden zu verirren, die heute an der Tagesordnung, früher kaum in Romanen sichtbar waren. Ich fürchte, man wird mit phantastischen Darstellungen langweilen oder sich stets dann lächerlich machen, wenn die Gegenwart die unglaubhafteste Phantasie selbst ist.

Ohne Zweifel wäre es richtiger, nur engelhafte Wesen in dieser Zeit darzustellen, wo Frauen uns dadurch entwürdigt werden, daß wir sie bei allen jenen abscheulichen Maschinen an die Arbeit geschmiedet finden, die das letzte Jahrhundert zu erfinden die Bosheit hatte, und daß wir kaum erschrecken, wenn wir sie mit den Wahlzetteln in der Hand auf dem Weg finden, unsere Schicksale, den Staat, ja sogar die Führung der Kriege und Grausamkeiten zu beeinflussen.

Einer derart barbarisch verwilderten Zeit gehörten Frauenbilder, die wie in Walter-Scott-Romanen jene Anmut hätten, deren Anblick allein vergöttlichte Gedanken hervorruft. Die wahre Literatur hat immer nur Frauen dargestellt, die uns beglücken und die Herzen wie beim Anblick einer hinreißend süßen Natur erheben sollen oder solche, die sich durch das Böse, das sich in ihrer Schönheit, wenn es einmal in sie eingedrungen ist, nur um so verhängnisvoller auswirkt, zu unserer Vernichtung verschworen haben.

Die Sitten der Nationen waren immer von solcher Haltung, daß sie, sofern sie die Frauen nicht die Äcker bebauen ließen, ihnen jedenfalls die Freiheit nahmen, in jenem Sinne frei zu sein, der für eine Frau den Untergang bedeuten muß. Eine Frau darf nicht über jene Schwelle treten, wo sie das Geheimnis ihrer erhabensten Wirkung verlieren muß.

Eine Frau, die einer tragischen Schuld unterliegt, und jene Mädchen, welche mit den herrlichsten Gedanken der Sehnsucht auf den Lippen sterben, sind immer von dem verehrungsvollen Zauber verhüllt, den die männliche Gesellschaft bei den Frauen als ein Erbteil des Rittertums anbetet, welches seine Stärke demütig zu machen suchte, wo es jene wundervolle Schwäche fand, welche Frauen so unermeßlich erhebt. Die Literatur täte gut daran, wo heute die einen Frauen leiden, weil sie ihre Angehörigen auf den Schlachtfeldern getötet sehen oder die anderen in den Fabriken sie um die Sonne geschunden oder die meisten sie am Hunger zu Grunde gehen sehen, nur Frauen von einer unermeßlichen Lichtkraft darzustellen, deren Anblick allein erhebt.

Allein, wo die Furien der sozialen Aufklärung oder die Agentinnen der kriegerischen Verhetzung durch die Straßen jagen und dafür noch sich bezahlen lassen, scheint es nicht weniger für die Entdeckung der Geographie des menschlichen Herzens bedeutsam, einen Heroismus in der Literatur wieder darzustellen, der aus Spielerei und Spleen sich entfaltete und dabei keineswegs geringer an Freude und Schmerzen zugeteilt bekam als andere. Die Zeiten jener unbeschreiblichen Leidenschaft, welche Nonnen und Krieger, oder Arme und Adlige, sich verbluten ließ, sind verschwunden in dem Augenblick, wo man der Frau als sichtbarsten Fortschritt die Erlaubnis gab, sich der Freiheit des Mannes zu bedienen, und damit die Frauen vernichtete. Die Frauen mußten in einer Freiheit zerstört werden, die sie zu albernen Karrikaturen der Männer erniedrigte oder ihnen jenen zarten Reiz nahm, der sie manchmal himmlisch wirken ließ und der in ihrer Unfähigkeit, auf sich selbst gestellt zu leben, bestand.

Indem man den Frauen die Brutalität gab, sich Eisenbahnplätze vor dem Mann zu erobern oder ihn auf dem Motorrad zu überholen, tat man das gleiche, wie wenn man den Engeln Grünewalds Revolver oder den Jungfrauen Holbeins Strümpfe in die Hand gegeben hätte, man tötete sie. Man vernichtete die Leidenschaften und gab unruhvollen Herzen auf, sich Rebusse zu erfinden, um die Welt in ihren Widersprüchen bis zu jener Tollheit zu erleben, die manchmal mit dem Tod bezahlt wurde aber unvergeßlich war.

Es ist selbstverständlich, daß man derartige Launen heute leicht wie Capricen auffaßt und darin eher eine dumme Koketterie als eine Leidenschaft erblicken will. Ohne Zweifel war vor einem Dezennium, als die kriegerischen Wölfe noch in den Höhlen Europas schliefen, jene Laune einer Frau nur ihr unbewußter Drang zu einer Übertreibung des Gefühls, durch die es erst unsterblich wird. Es ist aber genau so ungeheuer offensichtlich, daß diejenige Frau, die sich soweit gegen die Gesetze ihres Schicksals und der Zeit stellte, vernichtet werden mußte.