Die Literatur kennt viele Beispiele, daß ein Dichter Vorwürfe wählt, die aus einem Leben von Höhepunkten in eine grauenhafte Kriminalistik münden, oder die in Absonderlichkeiten enden, die wahnsinnig sind. Die Pole gesicherten Lebens scheinen die mystische Anziehungskraft der umstürmten Pole schicksalhaft zu spüren. Es ist bekannt, daß Balzac sich der Listen der Gerichte bediente, um edle Menschen in ihren abscheulichsten Paragraphen aufzuhenken. Die Romane Dostojewskis sind in der Regel Scheußlichkeiten des täglichen Lebens, die ein Genie mit einem bewundernswerten Grad von Reichtum beschenkte, der sie über das Menschliche erhob. Stendhal mußte in der Kartause von Parma zeigen, daß in den erhabensten Seelen Mörderbanden steckten, die sich entfalteten, wenn die geringste Leidenschaft ihnen die Besinnung nahm, und welch unbeschreiblich edle Herzen hat er geschildert! Stiege man in die Jahrhunderte hinunter, wäre von Iweins Fahrten bis zu den Jünglingen im Feuerofen, von Muspilli bis zum Kastellan von Coucy, von Rabelais bis zu den beispiellosen Epen Krestien von Troies der Gleichklang von Adeligkeit und Verbrechen in einem Maße auffindbar, der sich fast über die gesamte Literatur erstreckte. Erinnert man sich nicht jener Prinzessin, die in der siebenjährigen Gefangenschaft ihres Turmes ihre Gefährtinnen verspeiste, um endlich erlöst zu werden, mit einem Lächeln, das die Unschuld der ganzen Welt auf ihre Stirne trieb?

Diese junge Frau, die mir gegenüber in einer nach Lysol und Zigaretten riechenden Arztkutsche saß, die, wie vom Teufel gejagt, über aufgepflügte Äcker sauste, weil durch irgendeine der Verwicklungen der ehrgeizigen östlichen Staaten die Bahnen eingestellt waren, hatte keinen anderen Wunsch, als von mir eine Erklärung gerade über diese Angelegenheiten des Herzens zu erfahren, nachdem sie die Torheit begangen hatte, mich in ihr Schicksal hineinschauen zu lassen. Man wird verstehen, warum ich, statt abzukürzen, so lange mich mit den Launen der Frauen beschäftige, weil dies in jener Zeit der Achtzehnjährigen, in der die Keime zu den Schicksalen der Menschheit von Dreißig heute gelegt wurden, tatsächlich die einzigen Möglichkeiten waren, Schicksale, die töten, zu erleben.

Die junge Frau war einer Puppe ähnlicher wie einer Dreißigjährigen und hatte, soweit man bei der unmöglichen Beleuchtung sehen konnte, die eigentlich nur aus der Gewöhnung des Auges an eine klassische Dunkelheit bestand, eine tiefe Melancholie über ihr Gesicht gleiten lassen, hinter der man die Spuren von Tränen zu sehen glaubte, die zu oft geflossen waren, um sich wiederholen zu können. Der Schmerz schien diese Figur, die auch unter dem fürchterlichen Tempo eines Wagens, der keine Federung besaß und querfeldein sprang, eine bemerkenswerte Elastizität zeigte, förmlich verstrickt zu haben.

Das Leben dieser jungen Frau war in einem Maße von ihm infiziert, daß sie gar nicht daran dachte, aufzuhören, über ihr Schicksal nachzudenken. Sie hatte sich ihm nicht ergeben, obwohl der Schmerz in einer fürchterlichen Form Gewalt über sie erlangt hatte. Die Art, wie sie von ihrem Leben sprach, bewies die Glut, mit der sie es erhofft hatte und die Enttäuschung, die sie mit gleicher Größe überrumpelt hatte und mit der sie sich noch auseinandersetzte.

Sie hatte, kurz, in einem wahnsinnigen Schicksal noch die Kraft, es abzuleugnen oder vielmehr nach seinem Sinn zu suchen, weil, wenn sie es anerkennen und sich die Schuld zuschreiben müßte, sie sofort daran zu Grunde gehen würde.

Das gab ihrer Haltung eine merkwürdige Eleganz, eine Süßigkeit der Bewegungen, die vom Tod gelähmt aber von einer wundervollen Energie noch gehalten wurden. Ihr Körper hatte eine Lässigkeit, die Frauen oft besitzen, denen der Sport einmal eine Beherrschung aller Muskeln geschenkt hat, die sie nun besitzen, aber nicht mehr auszuüben vermögen. Es war nicht möglich, ihren Kopf, der mit dem matten Schein einer fremden Blume aus dem Pelz herauskam, in der Beleuchtung zu sehen, man vermochte ihn aber mit seinen blassen Lippen, den etwas schrägen aber mandelgroßen hellblauen Augen und der Stirn, die an den Schläfen eigensinnig nach vorn gewölbt war, irgendwo zu vermuten, obgleich man, wenn sie sprach, bemerkte, daß man ihn vorher an einem falschen Platz geglaubt hatte. Der Kopf besaß also die Einprägsamkeit, daß man ihn deutlich körperlich wahrnahm, selbst, wenn er unsichtbar war, was für seinen Reiz sprach. Der Charme des Kopfes lag wohl mehr in jenem Teil, wo die Stirnwurzeln über dem Nasenbogen sitzen und wo die Erlebnisse dem Kopf die Charakternoten geben, als in dem Mund, der von Entsagungen nichts zu wissen schien, ja einen fast leblosen Eindruck machte. Die Glut, die diesen Kopf hinter den Augen bewohnte, war die des Untergangs und nicht der Reiz der Zukunft.

Es war offensichtlich, daß diese Frau nach etwas nur hungerte und das war, daß man sie tröstete, indem man ihr Leben bejahte.

Für den Mann, der das Leben jeder Frau nur mit seinem eigenen vergleichen und nur nach dem Weg seines eigenen beurteilen kann, wenn es wie der Mond dieses begleitet und ihm daher untertan war, ist nicht in der Lage, dies zu tun. Eine Frau wird kein Glück haben, wenn sie die Lebenskurve einen Mann prüfen läßt, der darin nichts erkennt als seine eigenen Bewegungen, seine eigene Freiheit, alle jene Torheiten, aber Bestimmungen seiner Männlichkeit, die nun einmal zu einer Frau nicht gehören.

Er kann den harten Stahl, die scharfe Linie, die Exponiertheit eines weiblichen Daseins nicht ertragen, das ihm verwildert, entzaubert, geschändet vorkommt; er kann es nicht anders sehen wie eine Frau, die ihm in seinen eigenen Kleidern entgegentritt. Der Mann hat ein tiefes und unerschütterliches Gefühl der Zuneigung zu jedem weiblichen Schicksal, das sich im Glanz der weiblichen Schwäche, die er als Stärke verehrt, vollzieht. Er will die Frau anbeten, aber sie nicht als Konkurrentin erblicken. Er vermag den Schein an ihr nur zu verstehen, der ihm in seinen dunklen Minuten von seiner eigenen Flamme entfacht von ihrer Stirn zurückscheint.