Er wird ein auf den Spuren der männlichen Energie abenteuerndes Frauenschicksal nur verehren, wenn es Spuren des schöpferischen Genius an sich trägt wie das der Dido, der Sappho, der Jeanne d’Arc, der Cortey, der Bettina, der Rahel, der Sand. Er wird diesen Frauen jenen äußersten Respekt der Verehrung in seinem Herzen einräumen, den er den großen Ausnahmen der Natur: Gewittern, Lawinen, Erdbeben, Vulkanen entgegenbringt. Er wird wissen, daß die Erscheinung dieser Frauen diesen wunderlichen Entladungen der Natur ähnlich und tödlich, jedenfalls unberechenbar aber toll aus Größe ist. Er wird sie anerkennen, aber als Frauen nicht begehren. Er wird ihnen ausweichen und sich vorlügen, daß ihr Leben ihn nichts angehe, wenn ihre Produkte nur das Siegel des Genius tragen, und wird versuchen, sich an die Werke zu halten, wobei er bei letzter Ehrlichkeit sogar hier noch widerstrebt.

Es gehört die Schwäche eines romantischen Zeitalters, die Melancholie Mussets, die Verzweiflung Constants dazu, sich herrischen Naturen wie der Sand und der Tochter Neckers in einer Liebe hinzugeben, die eine Tyrannei werden mußte und in unfruchtbarer Verzweiflung endete.

Frühere Epochen, die sich durch die Tugend einer Männlichkeit auszeichneten, die, sicher auf der Erdkugel stehend, das Gesicht selbstbewußt nach allen Seiten zu kehren wußte, haben einen Schlag Frauen verehrt, der ihnen wohl mit der Üppigkeit eines Rubens, mit der süßen Erscheinung der Lady Alice in schottischen Balladen, mit den visionären Überirdischkeiten eines Grünewald, den sanften Traumfiguren des Botticelli, den verstrickten zarten Klarheiten des Holbein als die wahrhaftigen Erfüllerinnen der tiefen Sehnsuchtsträume des Mannes erscheinen, und die, so verschieden sie kamen, mit schicksalstreuer Gewalt irgendwo mädchenhaft blieben. Sie hatten einen Hintergrund der Demut, die wohl eine Abart des Stolzes sein konnte, aber dann sicher immer nur der süße Trotz der Schwäche war.

Diese Hilflosigkeit kann der Mann verehren, sie kann ihm als das wundervollste aller begnadeten Dinge erscheinen, er kann sich in diesem unwahrscheinlichen, ja himmlischen Mysterium der Schwäche als der notwendige Ergänzer vorkommen, den die Vorsehung dazu bestimmte. Die Griechen, die in ihren Anfängen wohl Männer gewesen zu sein scheinen, haben vermutlich gewußt, warum, wer Diana sah, dem Tod verfallen, wer aber Aphrodite sah, gesegnet war.

Diese junge Frau, die mir gegenüber die Stöße des Wagens mit einer bemerkenswerten Ruhe ertrug, hatte die unverzeihliche Sünde begangen, die die Natur nie verzeiht, sich auf die Pfade des Mannes zu begeben und seine Freiheiten zu ihren zu machen, eine Sünde, die nur dadurch entschuldigt wird, daß sie die einzige Kühnheit einer Zeit war, die den Namen Hindenburg noch nicht kannte, nicht wußte, daß mit dem Namen eines Amerikaners, Wilson, sich die größten Enttäuschungen, mit denen des General Foch vollständige Änderungen in der Geographie der Nationen Europas einstellen würden. Aus den Klammern der Feiertage und Eisenbahnzeiten, der narrenhaften Versteifung der Gesellschaft, in der nur die Ränge, aber nicht die Bedeutungen entschieden, in einer Zeit, die cäsarisch angelegt aber mit den Methoden eines Warenhauses verwaltet war, aus dieser Zeit vermochten nur Capricen jener furchtbaren Art zu erlösen, die die Frau aus ihren gesellschaftlichen Banden heraus in Abenteuer gegen die erstarrte Gesellschaft trieb. Es war ein aufregendes Spiel, weil der gesellschaftliche Untergang stets das Atout war, mit dem gespielt wurde, und das dann Sieger bleiben mußte, wenn einen Herzschlag lang die Haltung nicht größer war als die Gefahr.

Ich will die Frauen nicht verteidigen, indem ich sie entschuldige, ich will sie zeigen. Man muß dem Elend einer Zeit, das seine Frauen zu Wölfen und Maschinen, statt zu Müttern und zarten Geliebten erzieht, das sie aufklärt über Geheimnisse, die eine Frau nie ausgesprochen hören darf, die sie mit Männern zusammen in den Universitäten belehrt über Angelegenheiten, von denen eine Frau keine Ahnung haben dürfte, man muß dem Elend einer solchen gegenwärtigen Zeit nicht ein falsch und herrlich gemaltes Bild der vorangegangenen Zeit entgegensetzen, um sie zu belehren. Die Frauen in der Tat, welche freudig bereit ihre Söhne in den Tod eines Krieges entließen, dessen Sinn sie nicht verstanden, die aber später in dem Ruin der Revolutionen und Friedensschlüsse fast zu Hyänen erniedrigt wurden, die fast an nichts als die Befriedigung ihres Hungers denken durften, waren ohne Zweifel ein Übergang. Sie waren im Besitz einer Freiheit, deren Anwendung man ihnen nicht erlaubte. Sie waren bereits Halbemanzipierte dem Mann gegenüber, sie lagen nicht mehr tief gebettet im Schoß der Familie, die sie vor den harten Forderungen des Lebens behütet, sondern sie klammerten sich gerade noch an die Türen der Familie, deren Schein sie noch umschwebte, aber den sie abzustreifen begannen. Trotzdem aber war es damals möglich, oft Frauen zu sehen, die jene Scham kannten, die unter Blicken errötet und die sich bewußt waren, daß es Sünde gibt, obwohl sie nicht wußten, daß sie unschuldig waren. Es gehört die Kühnheit eines Looping the Loop-Fahrers dazu, sich aus diesem durch tödliche Strafen gerade noch gehaltenen Zersetzungszustandes der Familie hinauszustürzen, aber diese Kühnheit war der Mut des Frevels und nicht jener der Entdeckung und der Opferungsbereiten.

Die junge Frau, die nun unter den verrückten Stößen des Wagens zu seufzen begann, hatte diesen Sprung getan, sie war nun der Ruin aller Vorzüge, die sie einst hatten vergöttern lassen, und sie hatte jetzt nur die eine Hoffnung im Herzen, während sie zu dem Sterbelager ihres letzten Kindes fuhr, daß ich ihrem Leben recht gab, das ich verabscheute. Ich hatte diese Gestalt, die aus der Ferne in ihrem gestreiften zusammengesetzten Pelz, wie ihn die Engländerinnen um diese Zeit trugen, mitten in den Äckern vor zwei Tagen angetroffen, wo sie mehr einem Tier aus der Entfernung als einer Frau glich, die im Zusammenbrechen noch die Kraft hatte, nach ihrem Kinde zu rufen.

Dieser Ruf, der mich, als sie zu sich kam, in ihr Leben mit einzuziehen schien, war der Grund, daß sie ihr Schicksal vor mir öffnete, ohne daß ich es gewünscht hätte. Wir hatten zwei Tage, beide abgeschnitten durch den Streik der Bahnen und die sich daran schließenden kriegerischen Unternehmungen irregulärer Banden, die uns eines Nachts mit Kugeln verpfefferten, als ob sie auf unsere Pelzen sich einschießen wollten, den Fluß nach einer Überfahrt abgesucht, die mich den dritten Teil meiner Barschaft kostete. Ihre Sehnsucht, selbst auf die tollste Weise nach Deutschland zu kommen, hatte mich gerührt, obwohl ich keineswegs eilte und mit Vergnügen die Entwicklung dieses Bauernkrieges aus Kowno durch die Zeitungen verfolgt hätte.

Dieser Wagen kostete mich das zweite Drittel meiner Barschaft, das letzte Drittel würde denjenigen das Leben kosten, der es begehrte, da ich entschlossen war, es an der Grenze der Dame einzuhändigen, um sie nicht schutzlos zu lassen. Ich gestehe, daß ich unter ihren Geständnissen ebenso litt wie ich erstaunt war, daß sie hingegen über sich selbst und ihren Namen ein tiefes Geheimnis breitete. Sie hatte mich mit einem unwiderstehlichen Blick gebeten, sie an der Grenze allein zu lassen. Man hörte zwischen den Windstößen, die den Regen auf den Boden schlugen, den Kutscher abgerissen die Pferde anfeuern, plötzlich sank der linke Teil des Wagens auf die Seite. Der Sturz hatte die Unbekannte auf meine Kniee geschleudert.