„Vertrauen Sie mir,“ flüsterte ich ihr zu, da ich fürchtete, daß der Wagen umstürzen werde. Im gleichen Augenblick rissen ihn die Pferde aus der Mulde und jagten weiter. Die junge Frau hatte die Nervosität abgelegt, die Frauen an den Tag legen, die ihr Leben selbst zu bestimmen gedenken und sich der Führung des Mannes anzugliedern nicht entschließen können. Der Druck ihres mädchenhaften Körpers hatte eine bezaubernde Vertrauenswilligkeit gezeigt. Sie war so zerschmettert vom Leben und so in Eile, einem furchtbaren Verhängnis vorzugreifen, daß sie weich genug war, zu glauben.

Dieser Moment, wenn ein Herz sich bezwingt, hat etwas von überwältigender Größe, und ich hätte ihr die Hände geküßt, wenn ich nicht gefürchtet hätte, sie in ihrem Schmerz zu verletzen. Ich stand ohne Zweifel als Verteidiger vor einem Schicksal, das ich ablehnte und war entflammt für eine Frau, der ich es nicht zeigen durfte und deren Leben davon abhalten mußte, daß sie mir gefiel. Dazu waren wir in Lebensgefahr. Ich fürchtete, daß sie unter den grotesken Sprüngen, die der Wagen immer öfter vornahm, vor Schmerzen ohnmächtig werden müßte.

Man mußte eine belebte Gegend erreicht haben, obwohl es noch weit zur Grenze sein durfte, denn man hörte von Zeit zu Zeit das Rufen von Stimmen, denen unser litauischer Kutscher antwortete. Plötzlich wurde an den Zügeln gerissen. Diesem schlug der Kutscher die Peitsche quer durch das Gesicht, das wie ein Gespenst am Fenster vorbeifiel. Jedesmal in solchen Augenblicken fühlte ich, daß mein Gegenüber zitterte wie nur eine Frau zittern kann, deren letzte Zuflucht, deren Glaube an die Güte der Welt und ihres Schöpfers auf dem Spiel stand und die zu dem Lager ihres Kindes wie eine Wahnsinnige, die sich kalt stellt, floh.

Ich vermutete ihre Augen zu sehen, obwohl das Dunkel fast undurchdringlich war, und ich hatte den Eindruck, daß ihr Licht etwas Verklärtes habe, trotzdem es verwirrt war, als habe der Tod hineingeschienen und in die Süßigkeit dieses Lächelns den Zauber gebracht, der es erst unübertrefflich macht. „Glauben Sie, daß wir es erreichen?“ murmelte sie. „Vertrauen Sie,“ sagte ich und begriff, wie sehr sie litt, denn diese Fahrt entschied über ihr Leben.

Sie war sich als Kind eines Luxus bewußt gewesen, der ihr fast alle Neigungen gestattete, und sie hatte nicht mehr als den unbewußten Gebrauch gemacht, der ihr als selbstverständlich erschien und von dem sie annahm, daß alle Menschen über ihn verfügten. Das Gold hat genug Kraft, die edelsten Menschen, die in seiner Umgebung aufgewachsen, in einer wunderbaren Weise über die Leiden der Welt im ungewissen zu lassen.

Die Kinder des Luxus leben wie die der Armut in einer gleichen Unklarheit, die einen über die Tiefen, die anderen über die Höhen des Daseins. Das Bewußtwerden erst dieser furchtbaren Kluft schafft in diesen Kreisen die Emporkömmlinge, die krepieren werden oder die Macht zwischen den Schenkeln haben wollen, und jene Messiasse, die im Dunkeln ein Selbstgenügen predigen, das in dem Munde dessen eine Lüge sein muß, der aus dem Reichtum kommt. Es wird nur eine Vermischung, aber keine Versöhnung der Klassen möglich sein, indem die Elenden sich bereichern und die Begüterten etwas verarmen und zwischen ihnen die Schranken fallen, denn es ist offenbar, daß die Armen die Notwendigkeit des Luxus und die Reichen die Entsetzlichkeit des Elends gegenseitig immer weniger verstehen, als ein Chinese einen Marabu, oder ein vollblütiger Franzose einen deutschen General verstehen kann.

Diese Blindheit unter den einzelnen Völkern ist das Schicksal unseres Jahrhunderts, das bestimmt scheint, diese Mißverständnisse als das hinzunehmen, was sie keineswegs sind: nämlich als die furchtbarsten Bürgerkriege.

Die unbekannte junge Frau, die mit mir durch ein in Flammen des Hasses aufgehendes Land in einer um ein Vermögen gekauften Kutsche unserer Großeltern jagte, war die Tochter eines Vaters, dessen Liebe ihr zum Verhängnis ward, mehr fast als seine Strenge. Dieser aus Deutschland eingewanderte und später in England naturalisierte Mann (der seine Nationalität nach der Sitte damalig freier Männer nicht aus Schwäche, sondern aus ausdrücklichem Bekenntnis zur neu gewählten Heimat änderte) war mit der fast kindischen Sorgfalt bestrebt, das Häßliche von seiner Tochter fernzuhalten und das Schöne und Vortreffliche um sie zu versammeln. Er hatte die Schwäche der Männer, die ihre Frau überirdisch geliebt haben und in der Tochter ihr Bild weiter verehren wollen.

Sie überhäufen ihre Kinder mit einem Maß von Güte, die jene nicht zu ertragen vermögen, und züchten den Geist eines Widerstandes, der um so mehr aus dem schlummernden Bösen kommt, je höher man die liebenswerten Seiten ihres Gefühles belastet. Ein Haus in London und das Sterbehaus der Mutter in Kairo standen ihr zur Verfügung, ihr Vermögen war in Holland angelegt, was so gut war, als sei es Gott in die Hand gegeben. Ihr Vater hatte geschworen, daß sie ihr Glück machen werde, und darum hatte vielleicht, weil dies ein Frevel ist, der Teufel sich bemüht, in ihr Herz die Widerstände zu säen, die das unmöglich machen sollten.

Je mehr der Vater sich versteifte, sie mit Geschenken, Aufmerksamkeiten, Überraschungen zu überhäufen, um so erbitterter sann dieses schöne und edle Mädchen darauf, sich dem entgegenzusetzen, wobei sie sich ihrer Handlung kaum mehr als eines fast schelmischen Trotzes bewußt ward. Diese Situation war furchtbar, denn sie liebte ihren Vater, der, wiederum aus Liebe, sie vor der Welt abschloß. Der alte Starrkopf, der seine Tochter vortrefflich machen wollte, sperrte das Kind vor jeder Gefahr ab. Er war ebenso eifersüchtig auf sie, für die er sich auf die Stelle die Hand hätte abschlagen lassen, wie voll ständiger Ängstlichkeit, so daß er sie unter anderem jeden Monat zu allen Spezialisten schleifte, um von allen die Versicherung ihrer Gesundheit zu erhalten.