Der Alte war bereit, ein Vermögen für jede ihrer lächerlichsten Wünsche auszugeben. Das junge Mädchen zeigte sich bedürfnislos. Es hätte keine noch so phantastische Angelegenheit gegeben, die der Alte ihr nicht zu Füßen gelegt hätte. Sie hätte den Eifelturm abreißen und eine eigene Bahnlinie nach Dover verlangen können, es wäre ihr ebenso sicher gewesen, wie daß sie keine Sekunde allein an diesen Genüssen hätte teilhaben können. Ihr Vater ließ sie keinen Schritt ohne Begleitung tun, nicht weil er mißtraute, sondern weil er um sie bangte, und gerade dies ist es, was junge Mädchen mit entzündlicher Phantasie zu Dämonen verwandeln kann. Es machte seine Güte so nutzlos wie einen verwilderten Garten. Das Mädchen begann diese Aufmerksamkeit zu hassen und sich vor der Liebe zurückzuziehen, die ihr Herz mit Entzückungen erwidert hätte, wenn sie weniger pendantisch sich gezeigt hätte.
Dieser Kampf zwischen der elterlichen Liebe, die bevormundete, und der Liebe des Kindes, die sich ihr entzog, und damit der Teuflischkeit zuwandte, dauerte bis zum achtzehnten Jahr dieses noblen Herzens, an welchem Tag sie verschwand.
Sie reiste ein Jahr, doch das genügte, sie völlig zu verderben. Sie reiste ein Jahr, ohne das geringste zu erleben. Ihr Vater, den die Entfernung der Tochter wie ein Schlag traf, ließ sie nicht im Stich, sondern bemühte sich erst recht, sie auf die Entfernung zu beeinflussen. Das trieb das merkwürdige Geschöpf, das selbst in dieser furchtbaren Nacht, halb dem Tod überliefert und von so vielen Leiden zusammengeschlagen, noch einen unbegreiflichen Schein von Reinheit um sich hatte, in einen entsetzlichen Widerstand. Die Briefe ihres Vaters, der sie mit Beweisen seiner Sorge in Gestalt von Detektiven, Auskunfteien, vorausbestellten Schiffen, Hotels und Zügen, ja mit Menschen, die plötzlich auftraten und ihr Geschick zu beeinflussen wagten, überschwemmte, bewirkten in ihr eine Anzahl launenhafter Widerstände, die verrückt bezeichnet werden müssen.
Die Geschichte ihrer Erlebnisse, mit denen ihr Vater sie ins Verderben jagte, hat hier keinen Sinn. Seine Güte ermangelte der Strenge, ohne die Liebe keinen Zweck hat. Statt sie arretieren zu lassen und sie an einen Mann von Vermögen, Sicherheit, Stellung und nicht zuviel Geist zu verheiraten, dessen männliche Nüchternheit ihr die versteifte Romantik abgenommen hätte, benutzte er ihr Entweichen zu verdoppelten Beweisen seiner Zärtlichkeit. Ein Jahr lang hatte sie alle Angriffe abgewiesen, ja sich eine Frau für ihre Toilette und eine zur Wahrung ihres Rufes gehalten, währenddem sie ihren Vater aus Trotz im Glauben ließ, sie reise allein und sei eine Emanzipierte, die sie in keiner Weise war, ein Jahr lang hatte sie über die Männer lachen können, bis allzuviele Warnungen sie ihnen in die Hände trieb.
Ihr Spleen trieb dieses im Grunde sanftmütige Mädchen in die Hände eines Mannes, den sie offensichtlich nicht liebte, als sie sich ihm gab, der sie nicht einmal reizte, in dem sie nach wenigen Wochen aber einen Verbrecher fand. Diese Erkenntnis, die sie fast zum Wahnsinn brachte, vermochte, daß sie sich entschloß, ihren Mann zu lieben.
Die Tyrannei des Verbrechens hatte die wunderbare Kraft, dieses edle Geschöpf anzuziehen und zu einer Hingebung zu bringen, welche die Liebe, vor der sie sich auf der Flucht befand, nie erreicht hatte. Diese furchtbaren Umstände sind bei leidenschaftlichen Menschen deshalb bis zur Unerschütterlichkeit bestimmend, weil die ersten Schritte, die sie von der Familie und den der Frau vorgeschriebenen Gesetzen abseits tun, bereits die Tragödie mit der unendlichen Kraft des Untergangs herbeigerufen haben.
Das Mädchen hielt mit einer Treue zu dem Mann, der weder ihren Geist noch ihre Vornehmheit des Charakters besaß, die einer beispielhaften Ehe jede Ehre gegeben hätte. An dem ungelösten Körper dieser Frau, deren Mädchenhaftigkeit durch ihren Kummer nicht vertrieben worden war, konnte man heute noch sehen, daß sie eine wahre befreiende Liebe nie gekannt hatte. Sie hatte sich aus Laune in eine Verliebtheit hineingestürzt, die von der glühenden Zartheit einer mädchenhaften Neigung unendlich entfernt war. Sie liebte einfach ihr Schicksal wie alle starken Naturen, die auch zu ihren Fehlern und Niederlagen stehen.
Die Spannkraft, die ein menschliches Herz für soviel Leiden hinzugeben hat, besitzt eine Grenze, und sie schien es mit dem Zittern, das sie hin und wieder grundlos überlief, zu ahnen.
Ihr Vater, der sie dem Mann entreißen wollte, hatte den Fehler begangen, es nicht mit jener Brutalität zu tun, die Halunken dieser Art allein einschüchtert, nämlich nach ihrer Entlarvung ihnen den Prozeß zu machen und sie henken zu lassen. Die Möglichkeit hierzu war gegeben, von einem Skandal spricht man einen Monat und in bewegten Zeiten eine Woche, und wenn es sich um ein vornehmes Herz mit großem Vermögen und einer gewissen Schönheit handelt, drei Tage. Er fürchtete, seine Tochter zu verletzen und gab ihr nach, er kaufte sie dem Mann ab, der mit einer großen Summe Geld verschwand. Er ließ eine Frau zurück, die ein zweijähriges Kind in der Wiege und eines unter dem Herzen trug und ihrem Vater diesen Streich nie verzieh.
Sie holte ihren Mann ein, der sich nicht weigern konnte, sie aufzunehmen, vielmehr die Waffe umdrehte und auf Grund seiner tatsächlichen Schandtaten ihren Vater erpreßte, dessen Angst vor Skandal größer war als sein Zorn. Dieser Balte, dessen Name keine Erwähnung fand, verpraßte einen Teil des väterlichen Vermögens auf eine schwachsinnige Weise. Er liebte diese Frau nicht, weil sie ihm ergeben war, und suchte Anregungen in Angelegenheiten, die er seinem damaligen Vermögensstand nach nicht gebraucht hätte. Er war ein Spieler, der auf jeden Zufall versessen war und den der Krieg, der erbarmungsvoll hauste, staatenlos und also zu den verrücktesten Unternehmungen geeignet fand. Sein Vermögen nahm in einer beängstigenden Weise ab, worauf er, bei der Unmöglichkeit, für einige Monate aus England Geld zu beziehen, da die Konten der ehemaligen Deutschen gesperrt waren, seine Frau kurzerhand verkaufte.