Man wird fragen, wie eine Frau, die jede Freiheit hatte und über eine Familie und Vermögen verfügte, dazu der übermenschlichen Liebe eines Vaters sicher war, diese Ungeheuerlichkeit ertragen konnte, zumal von der Seite eines Mannes, den sie nur in der Einbildung lieben konnte. Sie ertrug es, und diese Heldentat ist eines jener tiefen Mysterien der weiblichen Seelen, die, wenn sie von der Natur zur Reinheit bestimmt sind, alle Höllen des Lasters und der Erniedrigung durchlaufen können, ohne daß ihr Wesen auch nur im geringsten leidet.
Zu spät ließ ihr Vater den Mann verhaften, er setzte seine Ehre aufs Spiel, die er verlor, und erreichte, daß seine Tochter ihn haßte und das Jahr, bis ihr Mann aus dem Gefängnis entfloh, diesem glühende Briefe in seine Verlassenheit schrieb. Dieser Elende behandelte sie mit einer Kälte und Brutalität, die mit ihrer Liebe wuchs. Entflohen, verbot er ihr zu folgen. Sie folgte ihm. Ihr Vater hatte England, gebeugt, verlassen müssen, der Skandal seines Schwiegersohns hatte ihn zertrümmert. Die Kälte seiner Tochter brachte ihn zur Verzweiflung. Innerhalb zweier Jahre war der Alte um dreißig Jahre gealtert. Die drei Menschen lebten jahrelang in einer furchtbaren Verfolgung. Der Gatte diente seinen dunklen und abenteuerlichen Neigungen, die ihn jeden Tag in Gefahr brachten, mit den Gesetzen sich zu verwickeln. Seine Frau suchte seinen Aufenthalt auszukundschaften und bei ihm zu leben, wovon sie keine Erniedrigung abhielt. Ihr Vater bemühte sich, ihr Herz zu erweichen, mit ihm in sichere Verhältnisse zurückzukehren, Europa zu verlassen und ein Glück zu suchen, das ihr nach soviel Schmerzen vorbehalten sein mußte ... aber was er erreichte, war, daß sein Vermögen zerfiel. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, wie früher seine Tochter, so ihren Mann zu bespitzeln, und, um ihr Herz zu gewinnen, ihrem Mann ein Leben zu verschaffen, das ihn sorglos machen mußte.
Diese Geschichte der Liebe ist furchtbar, weil sie sinnlos bis zum Äußersten ist, denn jeder dieser Liebenden beging Verbrechen gegen die Liebe. Sie zerstörten sich in einer grauenerregenden Weise, während sie sich zu nutzen suchten.
Der Alte, der durch den Untergang Deutschlands zu einer rührenden Liebe zu seinem Heimatland gebracht wurde, legte sein Vermögen in Deutschland an, was seinen Schwiegersohn bald zur Raserei brachte, und als er es ablösen wollte, war es bereits ruiniert. Der Schlag, den Deutschland empfing, war auch mit derselben Teufelei in den Nackenwirbel des Alten gehauen. Er hatte sich mit der Freiheit seiner großzügigen Denkungsart von seinem Vaterland geschieden, als dessen unfeiner Reichtum ihm mißfiel. Als er es elend und am Boden fand, sah er die Möglichkeit, es wieder zu lieben, und kam in eine Begeisterung, die ebenso großartig und bewundernswert wie vernichtend war.
Er starb an dieser letzten Leidenschaft, die ihn unfähig gemacht hatte, vernünftig zu denken, was ein Lebensalter lang seine Stärke gewesen war. Er fiel mit dem Stolz seiner Heimat und begrub sein Vermögen im Sturz der deutschen Mark, deren wahnsinniges ungeheuerliches Vernichten sein letzter Seufzer war. Es war ihm nicht gelungen, seine Tochter wiederzugewinnen.
Als sie seinen Tod erfuhr, stand sie am Sarg ihrer zweiten Tochter, ohne zu wissen, wo ihr Mann sich befand, der ein Vergnügen darin suchte, sie mit einer Öffentlichkeit zu betrügen, deren nur ein Neger fähig ist. Die rohste Natur hat vor einem Grad des Leides jene Ehrfurcht, die der Zauber der Frau auch bei Kannibalen auszulösen vermag. Dieser Balte, dessen slawisches Blut seine deutsche Güte, dessen deutsche Rohheit seine slawische Weichheit vertrieben hatte, dieser Verbrecher, den die verfluchten Fehler zweier Nationen gezeugt hatten, ohne eine einzige Tugend außer einer schwachköpfigen Kühnheit ihm zu verleihen, fand einen beispiellosen Genuß daran, seine Frau zu demütigen. Es gibt wohl keine Schande, in die er sie nicht verwickelt hatte.
Wäre die junge Frau nicht mit einem so ungeheuren Stolz von der Natur versehen worden, so wäre sie ohne Zweifel durch das Übermaß der Erniedrigung dazu gebracht worden, diesen Mann zu vernichten. Sie hielt ihrem Schicksal eine beispiellose Treue, sie überwand das Verbrechen sogar, indem sie sich nicht wehrte. Es gelangte nicht bis in ihre Seele.
Als sie ihren Mann erreichte, fand sie ihn in Fesseln. Ihr wohltrainierter Körper war durch die Kinder und die Sorgen mitgenommen, unterhöhlt, aber nicht aufgerieben. Sie sah ihren Mann, den es, nachdem er die Familie seiner Frau zerstört hatte, wie alle Abenteurer nach dem Osten trieb, dessen wildes Chaos ihnen voll wunderbarer Reize scheint, an einer Mauer stehen. Sie lief aus dem Wagen in eine Umzäunung, ein Tuch in der Hand, als von der anderen Seite einmal die Trommel gerührt wurde. Darauf erschollen Schüsse, ihr Mann fiel vor ihren Augen langsam um, ohne sie anzublicken. Die Soldaten, die aus Bewunderung über den Mut des Mannes, der mit keiner Wimper gezuckt hatte, in die Hände klatschten, fanden sie auf dem Rücken liegen. Sie war am Abend bereits wieder bei Sinnen.
Eine Sekunde hatte genügt, sie ihre tiefe Schuld begreifen zu lassen. Eine geheimnisvolle Stimme hatte im Augenblick der Salve, als ihr Mann, der von Wuchs und Aussehen von vollkommener Schönheit war, fiel, gesagt, daß vom Augenblick ihrer Entfernung von ihrem Hause alle Schuld und alles Elend, das in ihrem Kreis geschehen sei, auf ihr liege, sie empfand unwiderleglich auch die Erschießung ihres Mannes als einen bewundernswerten Heldentod.