Sie fühlte mit einer Klarheit, die fast erhebend war, die Last dreier vernichteter Leben auf ihrer Seele und war einsichtig genug, daran nicht zu sterben, sondern ihren Glauben mit jener Tapferkeit, die schon überirdisch wirkte, auf ihr Kind zu setzen.
In diesem Kind und seiner Zukunft schien ihrer mütterlichen Seele der Sinn ihres Lebens und die Frage ihrer Schuld sich zu lösen oder zu knüpfen, und sie hatte ein Maß der Gläubigkeit darüber, das keinen Zweifel gestattete. Doch hat die Natur der Spannkraft eines Herzens Grenzen gesetzt, die nicht übertreten werden dürfen, ohne zu vernichten. Sie erfuhr die Erkrankung dieses Kindes, das sich in Dresden befand. Gleichzeitig brachen die Bahnen ab. Sie schien zurückgestoßen von einem Schicksal, das sie nach Jahren des Leidens zur Klarheit hatte erwachen lassen. Das Leben dieses Kindes ward das Ziel eines grauenhaften Wettlaufs, den sie mit dem Schicksal unternahm. Sie wäre ohne Schuhe bis an das Ende der Welt gelaufen, um dieses Kind wieder in die Arme zu nehmen und den Erfolg ihres vernichteten Lebens in jener Erkenntnis dem Kinde zuzuführen, das in einer Erziehung sich geäußert hätte, die die Fehler der ihren vermied und die Liebe so aus der Hand gab, daß sie genommen werden konnte, ohne in die Schuld hinauszutreiben.
Diese Frau konnte nur ein ganz ungeheures Glück retten, konnte nur ein sie dauernd in Sicherheit hüllendes Ereignis am Leben erhalten.
Sie hatte die Grenze des Lebens fast schon überschritten, und jede Enttäuschung war ihr sofortiger Tod. Ihre Seele war an das Leben ihres Kindes angebunden wie ein Flügel an den anderen bei einem Falter, sie würde sich mit diesem Kind in das Leben wieder retten oder mit ihm zusammen zerfallen müssen. Sie befand sich in dem Zustand einer gewissen Übererhöhtheit des Lebens, wie es in Augenblicken eintritt, an denen die Qual und das Leid so übertrieben sind, daß sie überirdisch scheinen. Die Frau schien von einer Zartheit der Seele zu sein, daß man nicht gewagt hätte, ihren Körper ohne Not zu berühren, aus Angst, er könne im Zustand dieser Verklärtheit zusammenbrechen. Man mußte diese Seele in eine Behandlung nehmen wie einen Lichtschein, den man nicht mit dem Schatten der Hand verderben möchte.
Diese Seele war nur in der Lage, die Welt in einer Verschleierung aufzunehmen, die sie ermunterte. Jeder Zweifel war schon der Tod für dieses Wesen, das nur einer Medizin, nämlich der Bejahung und des Trostes und der Zuversicht bedürftig war.
Man mußte diesem Körper, auch wenn man die Unwahrheit verabscheute, Lügen zuführen, die allein ihr die Kraft geben konnten, die nächsten Stunden zu überleben, kurz, ich war gezwungen, wenn auch ohne Begeisterung, so mit der Leidenschaft, die sie in mir entflammte, zu lügen.
Da sie eine Frau von Geist war, konnte man die Literatur zu Hilfe ziehen, die ähnliche Schicksale wie die ihren bejaht hat, ihnen sogar eine bestimmte Größe des Ruhmes zugewiesen hat, aber man mußte die fast tödlich verzogene Frage auf ihrem Munde lesen, welches denn die Gründe seien, die große Schriftsteller veranlassen konnten, ihre Wesen in Verbrechen zu führen, statt die ausgezeichneten Bahnen einer Literatur einzuschlagen, welche jenseits des Kriminellen genug Maße für höchste Leidenschaften findet. Der Abbé Prevost hat seinem Desgrieux, der ohne Zweifel ein Halunke aus Liebe war, ein großes Monument errichtet. Zwischen dem Rolla des Alfred de Musset und Karl Moor besteht nur der Unterschied, daß der Franzose Vernunft, der Deutsche nur Verzweiflung kennt, daß aber ein Schicksal beide mit einem Fangarm erreicht, dessen Rumpf eine verzweiflungsöde Epoche ist. Der Marquis de Sade hat die Verbrechen offenbar der Wollust unterlegt, während Shakespeares Halunken das Böse so genial verkörpern, daß ihre verwandtschaftliche Nähe zu den Engeln deutlich ist. Es bedarf nur einer kleinen Wendung des Charakters, um sie zu unsäglichen Heilbringern zu verwandeln. Die Antike, ähnlich dem britischen Genie, kannte nur Verstöße gegen heilige Institutionen der Götter, deren Verstoß aber ungeheuerlicher Frevel war. Zwischen Verbrechen und Heldentaten machten sie so wenig Unterschied wie alle Stämme, denen mit der Kriegerischkeit ein Sinn für große Ideen verliehen war.
Die Natur scheint die Gesetze des Blutes und der Familie mit einem ungeheuren Schutz umgeben zu haben, der in ihrer Reinhaltung die beste Auslese unter der menschlichen Rasse bewirken zu wollen schien. Die ungeheuerlichen Strafen für den Frevel an der Familie sind mit einem anderen Sinn nicht erklärbar. Es gibt Geheimnisse, in die alle Nationen einbezogen sind, und in denen die Reinheit der Frau als wundervollste Säule der Familie und des gewaltigen Bauwerks eines stolzen Staates mit nicht beweisbarer aber beispielloser Gesetzlichkeit verwoben sind.
Man mußte dieser in ihrem Elend bezaubernden Frau eine dünne Limonade der Ewigkeit brauen, wenn man ihr diese Gesetze verschwieg und aus der Literatur einen Saft zog, der vielleicht von großen Dichtern, aber schlechten Kennern des Schicksals stammte. Es hieß ihr die Welt mit wohlwollender, aber zitternder Hand verschleiern und erbeben unter der Hast und dem Glück, mit dem sie diese schwache Weisheit in sich sog.