Man konnte ihr auf die Frage, die am Anfang dieser Geschichte angeschnitten steht, schließlich sagen, daß die Dichter den Weg ins Verbrechen deshalb immer wieder suchten, weil in den närrischsten und grundlosesten Leidenschaften sie den unendlichen Goldgrund der besten Herzenstugenden am schönsten schimmern sehen, aber man konnte diese akademische Phrase nur loswerden, weil man das Geschöpf, an das sie gerichtet war, liebte. Das Bangen der jungen Frau hatte etwas von jener Gläubigkeit und Unberührtheit, deren Nähe niemand verlassen kann, ohne einer tiefen Rührung zu verfallen. Ich hätte meinen Kopf gegeben, wenn ich in diesem Augenblick die Hände der jungen Frau hätte an mich ziehen und ihr zuflüstern können, daß diese Neugeburt zur Mädchenhaftigkeit, die das Schicksal mit einer kurzen, vielleicht in Stunden schon beendeten aber jetzt in unvergleichlichem Glanz erstrahlenden Frist ihr verliehen hatte, mich in meiner tiefsten Seele getroffen habe.
Ich war in der verdammten Lage, sie ohne Pause belügen zu müssen. „Was hätten Sie gehabt,“ rief ich wohl etwas zu prahlerisch, „wenn Sie ohne das Erlebnis so gewaltiger Schmerzen Ihr Leben verbracht hätten? Die Literatur zeigt, daß die Unschuld, wenn sie mit dem Verbrechen zusammentrifft, die wundervollsten Menschenblumen hervorbringt. Sie hätten ohne Zweifel einen Gatten und Kinder besessen, aber Sie wären sich nicht mehr der Welt bewußt gewesen, als daß Sie die wirtschaftlichen Mächte, unter denen wir stehen, mit einem geringen Stolz gespürt hätten. Das heißt, Sie hätten reich gewohnt, den sozialen Aufstieg Ihres Gatten bewundert, Ihre Kinder gekleidet, die Menüpläne Ihrer Köchinnen berichtigt und mit Verehrung oder Verachtung auf die Gesellschaft um Ihr Leben herumgeblickt, je nachdem sie im Rang über oder unter Ihnen gestanden wäre. Was wäre aus Ihrem Herzen geworden? Soviel an Großmut und soviel an spätem ungeheurem Glück, wie Sie es heute zu verlangen haben, vermag ein durchschnittliches Leben nie zu geben, und die Tugend, die nie an den Abgrund geschleppt ward, hat keinen Anspruch, ein Herz zu besitzen, das durch den Tod wie durch die Liebe mit derselben Kühnheit hindurchgeschritten ist.“ Man wird mir zugestehen, daß ich mit Feuer log, obwohl mein Gefühl offenbar geneigt war, in Tränen auszubrechen, denn je mehr ich mich begeisterte, um so furchtbarer empfand ich, welch verabscheuenswerten Unsinn ich sprach.
Sie seufzte, als ob sie alle Liebe der Welt einsauge, und das brachte mich fast von Sinnen. Nur als ich mit der falschen Kühnheit, die Verliebten eigen ist, fragte: „Was hätten Sie gehabt?“ schien sie wie ohnmächtig zurückzufallen. Ein Blick, den ich durch ein Licht, das aufglomm, auf ihrem Gesicht mit göttlicher Ergebung aufgeschlagen sah, belehrte mich, daß sie an ihren Vater dachte. In diesem Augenblick schienen wir umzingelt zu sein.
Um uns herum erschollen Stimmen. Der Kutscher hielt den Wagen an und gab sichtlich Auskunft. Ich öffnete die Wagentür nach der einen Seite und schloß sie im gleichen Augenblick. Offenbar hatte man sich an der Stelle zusammengeknäuelt, um eine Auskunft einzuziehen. Ich riß den anderen Schlag auf, zog die junge Frau heraus, und wir liefen über die Wiese. Als wir hinter Buschwerk kamen, zitterte sie so, daß ich sie tragen mußte. Als wir den Wald erreichten, fing eine sinnlose Schießerei an, überall loszuknallen. Wir standen hinter Bäumen, um nicht getroffen zu werden. In diesem Augenblick war ihr Herz auf der Höhe der Gefahr. Eine Verwundung hätte sie niedergeworfen und getötet. Denn dieses wundgelaufene Herz hatte nur noch eine kurze Frist, die die Natur ihr verliehen hatte, zu leben oder auszusetzen, und diese Frist langte noch bis zum Lager ihres Kindes, aber litt keine Minute Verzögerung.
Es gibt eine Zärtlichkeit bei Männern, die in Augenblicken der Gefahr für das geliebte Wesen sich in nichts von der Liebe unterscheidet, die das schönste Recht der Mütter ist. Ich hätte diese Frau, deren Schmerz und deren Schicksal ich offenbar wie ein Wahnsinniger liebte, mit meinem Körper zudecken mögen, um sie vor den Kugeln zu schützen, wenn diese Bewegung nicht eine Narrheit gewesen wäre und die Soldaten auf uns gelenkt hätte. Sie war im Augenblick der Gefahr von einer fast übermenschlichen Kühle. Als wir eine halbe Stunde durch den Niederwald gerannt waren, kamen wir auf eine Straße. Wir hatten die Vorposten hinter uns und waren in Sicherheit.
Nach einer halben Stunde fanden wir unseren Wagen. Zwei Stunden später erreichten wir die Station. Hatte ich unrecht, daß ich ihr, als wir mit einer gewissen Heiterkeit die letzten Wagenstunden machten, eine Geschichte nicht vorenthielt, die ihr Herz stärken konnte? Da sie aus dem Leben stammte und mit ihren bekannten Figuren aus der Wahrheit wie aus einem Bilderbogen geschnitten war, hatte sie mehr Überzeugungskraft als die Literatur, die nur beweist, aber nicht atmet.
Ich wagte kaum zu zittern, als wir uns der Station näherten, ich war besinnungslos von einer Leidenschaft, die ich nicht zeigen durfte, und ich war genötigt, ihren Befehl zu respektieren, der mich zurückstieß. „Zeichnen Sie diese Geschichte auf,“ sagte sie mit einem so verheißungsvollen Lächeln, daß mir die Tränen kamen, „und senden Sie es mir morgen nach als einen Beweis, der mich stärken wird.“ Sie hatte eine wundervolle Zartheit im Klang, daß ich fürchtete, ich würde sie nicht wiedersehen. An der Grenze empfingen uns Soldaten. Plötzlich sahen wir uns an, von Fackelschein übergossen.
Dieses Gesicht, das lange nicht geweint hatte und auf dem Spuren unzähliger Schmerzen wie ein Verhängnis schwebten, trug die Spuren von Tränen. Ich reichte ihr die Hand, um auszusteigen, und bemerkte an dem Druck ihrer Hand, daß es Tränen der Freude, ja der Erlösung waren. In diesem Augenblick trat ihre ganze Seele, die noch nie gelebt hatte, auf ihr Gesicht, und ich wurde eines so himmlischen Glanzes ansichtig, daß mich die Besinnung verließ.
„Ich danke Ihnen mit aller Herzlichkeit, die soviel Unglück übrig gelassen hat,“ flüsterte die Unbekannte mit hinreißender Anmut und gab mir eine Adresse, unter der ich ihr schreiben konnte. Sie empfing mit dem Nicken einer Vertrautheit, die nicht mehr menschlich war, mein Portefeuille.