Man fand mich auf dem Platz hingestreckt wie einen Toten. In der Nacht schrieb ich die Geschichte eines Frevels auf, dem ein Glück, das der Sühne, abzugewinnen ich meine Natur in unerhörter Weise zwang. Denn um das Glück der Sühne zu ertragen, bedarf es eines kalten Herzens. Das Kind mußte leben, oder sie starb. Ich blieb nach diesem Wettlauf mit der Wahrheit, der mein Innerstes zerriß, drei Tage besinnungslos in meinem Zimmer liegen. Ich war gezwungen, mich zur Herstellung meiner Natur ins Gebirge zu begeben, da mein Körper gewohnt war, alles zu ertragen, die härtesten Strapazen und die irrsinnigsten Enttäuschungen, aber nicht den Kampf gegen die Gesetze der Seele, die ihn regieren.

Es gibt vielleicht eine einzige Möglichkeit, ihn diesen Streit ertragen zu lernen, das ist, ihn zum Siege zu führen. Man hatte mir versichert, daß am Abend ein Zug gehe, der ihr als ein Herold meinen Brief senden sollte, der eigentlich mein Schicksal war, auf dessen Echo ich wie ein Verrückter warten mußte. Ich verbrachte diesen Tag mit einer so unheimlichen Getrenntheit meines Wesens, daß ich mit den Kerzen plötzlich vor den Spiegel sprang.

Ich reiste an diesem Tag in dem furchtbaren Hotelzimmer, während ich gleichzeitig Bogen auf Bogen hinter verschlossenen Läden füllte, an der Erinnerung der Nacht jede Minute zurück und badete mich, füllte meine Seele mit jeder Bewegung und jeder Silbe, welche die Unbekannte von sich gegeben. Gleichzeitig wußte ich, daß bei jedem Buchstaben, den ich für sie schrieb, sie der Ungewißheit entgegenfuhr, ob dieses Kind sie verflucht hatte, ehe es starb, oder ob es mit einem Lächeln sie ansehen würde, das der Anfang eines unfaßbaren Glückes war. Die Frist war kurz, in der dieses bewundernswerte Herz lieben durfte, und ich hätte nicht Gott sein mögen, in dessen Hand es lag, und der es vielleicht zertrümmern mußte.

Man wird mich nach der Geschichte, die ich aufzeichnete, fragen, ich verheimliche sie nicht. Sie besitzt jene Kostbarkeit, die Erlebnisse erst adelt, wenn sie ein Herz enthüllt oder getröstet haben. Man darf der Literatur nur dann jene Liebe, die sie zu Beweiszwecken benutzt, zuwenden, wenn die Literatur jenes geheimnisvolle Herz besitzt, das mit den wahren Leidenschaften der Menschen gefüllt ist. Dieses Herz kann sich plötzlich öffnen, und die Menschen sind in der phantastischen Stunde dieses Zufalls in der Lage, darin ihre Seele zu sehen. Eine vortreffliche Literatur wird ihre Bewunderer durch dieses Mysterium unbeschreiblich entzücken, eine erbärmliche wird sich in den Sekunden, wo man ihrer bedarf, als das akademische Geplapper entlarven, das nur sich selber liebt. Das Herz des Menschen ist der Ort, wo die Gegenstände, die Ereignisse und die Sitten der Welt gemessen werden und ihren Rang erhalten. Ausgezeichnet wird lediglich, was die Größe hat, dem Herzen gleich zu sein oder den Ehrgeiz besitzt, es zu übertreffen.

Es gibt in der Literatur einen Opfermut und eine Kühnheit von Gefühlen, die weit über das hinaus wollen, was menschlichem Ertragen und menschlicher Spannkraft möglich ist. Diese Literatur ist ohne Zweifel die höchste in den verschiedenen Klassen des Schrifttums, in dem der Zynismus die niedrigste, die Weisheit die erhabendste ist. Es ist unmöglich für ein gleichzeitig kluges wie feuriges Temperament, eine Literatur anzuerkennen, die ihr Wesen nur durch sich selbst erhält und wie Narziß sich von den Menschen und ihren Beispielen fernhält. Die Dichtkunst, meint Balzac, sei die Einleitung zum Staatsmann. Napoleon, Julius Cäsar, der große Friedrich, der erste Franz von Frankreich, Machiavell, ja selbst Goethe, Richelieu, der Kardinal Retz, Disraeli, Bulwer und Constant haben dieser These recht gegeben, indem sie ihren Geist, der das Schöne zu formen wußte, derart disziplinierten, daß er das Gebäude des Staates unter den letzten Gesetzmäßigkeiten der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Harmonie erblickte.

Der Staat ist aber jene wundervolle Handschrift der Vorsehung, welche die Leidenschaften der Menschen auf den Rücken der Ewigkeit gezeichnet hat und in dem alle Linien des menschlichen Herzens enthalten sind. Wer diesen Kreis, den das Gebet eines unschuldigen Mädchens bis zur Grenzenlosigkeit der himmlischen Satzungen durchläuft, verläßt, begeht einen Frevel, den nur ein Opferwille sühnen kann, welcher stärker ist als die Natur. Wer kann die Erde aufhalten? Wer vermag die Sonne zu verdunkeln? Zur Sühne ist dem menschlichen Herzen die Kraft, zum Verzeihen die Größe gegeben. Zum Widerstand gegen die Gesetze der Natur besitzt es nur das Dulden, welches die Trotzigen und seit Prometheus ewig Zerschmetterten manchmal bis zu himmlischem Licht erhebt. Hier ist die Geschichte:

Im Jahre neunzehnhundertelf ereigneten sich drei Dinge, die an verschiedenen Stellen der Welt einen geheimnisvollen Zusammenhang schafften. Es war das Jahr, wo, drei Jahre vor den Schüssen von Serajewo, die Mitteleuropas Vernichtung und unsere Armut veranlaßten, einige Menschen anfingen, sich in die Luft zu schwingen, andere das Meer einige hundert Meter unter der Oberfläche mit Tauchbooten zu durchfliegen und jenen Kampf begannen, den ein ehrgeiziges Geschlecht mit seinen Maschinen der Natur ansagte. In einem zarten Vorspiel, das vier Jahre lang die grandiosen Schlachten ankündigte, die unsere Nachfolger mit Stumpf und Stiel hinwegrotten werden, hat sich gezeigt, daß die Natur diese Provokationen auf ihre Urheber zurückwirft.

Wenn in einem Landhaus in York Lady Grace ihr Leben in einer auffallenden Weise verließ, von einem Tag auf den anderen aus der behütetsten Dame in einer Reihe von Verbrechen sprang, bedarf es nur der einen Erklärung, daß sie von jener Krankheit erfaßt war, welche alle leidenschaftlichen Naturen in dieser Zeit erfaßt hatte: daß sie dieser Welt kein Interesse abzugewinnen vermochte. Besonders glänzende Figuren wußten damals sich allerdings in ihrem Innern zu beruhigen und für die Zeit aufzusparen, wo die künstliche Sicherheit dieses Jahrzehntes in Flammen aufging, und die Menschheit sich in die grauenhaftesten Kämpfe stürzen mußte, die diese Erde gesehen hat. Andere, welche mit der Kühnheit eine Unsicherheit des Glaubens vereinten, begannen jene furchtbaren Herausforderungen, welche die Natur nicht unbeantwortet ließ, indem sie die Versucher mit einem Lächeln abschüttelte, das die Welt mit Blut überschwemmte. Andere, zu denen Lady Grace offensichtlich gehörte, wechselten plötzlich ihre Seele aus.

Diese Menschen, die damals nicht zahlreich waren, scheinen unter ihrer Seele eine andere zu besitzen, die plötzlich die erste völlig verdrängt. Diese Annahme ist aber ohne Zweifel ein Irrtum, denn eine Seele kann nur durch den Tod den Menschen verlassen. Wenn ein erhabener Mensch sich plötzlich in furchtbarer Weise verändert, so beweist das nur, daß er den Weg, welchen das Schicksal ihm vorgeschlagen hat, völlig verläßt, und daß die Keime des Bösen, die in ihm lagen, tief in ihn eingedrungen sind. Es bedarf nur der Rückkehr mit gläubigem Herzen, um eine solche Figur wieder zum schönsten Licht zu entfachen.

Die Entschlüsse, die einen Menschen von großer Leidenschaft wie dieses kühle Mädchen, von ihrer klaren Bahn und aus der Familie wegtreiben, liegen oft mit der Kraft eines Abgrundes da in Momenten, wo sie am wenigsten erwartet werden. Der Übergang kann sich mit einer Plötzlichkeit vollziehen, der alle ratlos macht, welche die Zusammenhänge nicht erkennen, welche die Gesetze der Natur selbst mitten durch die Seele eines reinen Mädchens gelegt haben. Sie passieren zehnmal am Tage jene Stelle, wo ihr Leben furchtbar bedroht ist, ohne es zu wissen, und gehen in jenem Augenblick mit nachtwandlerischer Kraft in das Böse hinein, wo ihre Leidenschaft eine Laune gebiert, die jenseits ihres Gemütes liegt.