Diese Übergänge sind nicht weiter mit der Vernunft erklärbar, sie müssen nur bestimmt und von denen, die sie vornehmen, ausgetragen und erduldet werden. Das Schicksal ist gewaltig genug in jener gewitterhaften Güte, die es selbst über die Schuldigsten verteilt, auch an das Ende dieses Frevels ein Licht zu stellen.

Man kann nach Belieben bei Lady Grace alle jene Vorzüge voraussetzen, die eine Schilderung abkürzen werden, ihren Geist, ihre Erziehung, die Stellung ihres Vaters, ihre Lieblichkeit in gewissen Augenblicken, ihre körperlichen Fähigkeiten. Ihr Alter beträgt sechsundzwanzig Jahre, was erstaunlich ist, da ihr Vermögen auch das Leben ihres bevorzugten Bewerbers hätte ändern können. Ihre Nase, über jener schon sprichwörtlichen Verlängerung der Oberlippe hatte von der Seite einen leicht geschwungenen Bogen, sah von vorn aber fast etwas gesträubt und trotzig aus. Das gab ihr zwei Gesichter, ein durchgängig kühnes und ein romantisches, was sich sehr apart mischte. Ihre Figur, mehr groß als mittel, ward von jenem Dunkel der Augenfarben beherrscht, von denen man in gewissen Momenten erschrocken feststellt, daß sie hell wie das Meer und fast blau wie Perlmutt sind. Sie gehörte zu jenen Mädchen, die in den Mondnächten die Nachtigallen um ihren Gesang beneiden, in ihre Kissen weinen und selbst erstaunt sind, am Tag diese rätselhaften Spannungen aus sich gewichen zu sehen. Sie sind dabei von einer Verstandesschärfe, die nur jene Unerwecktheit ist, mit welcher die Mädchen in unbegreiflichem Instinkt unter den Erfahrungen her die Welt durchschauen und wohin sie erst durch die Weisheit der Leidenszeit wieder gelangen werden, ein Zustand, vor dem junge Männer zurückweichen, weil sie Überlegenheit und Stolz dahinter fürchten. Sie besaß dabei neben dem Weltblick, den ihre Erziehung ihr mitgegeben, eine Kameradschaftlichkeit, die jene Distanz der Männer zu ihr noch vergrößerte, weil sie so traumhaft sicher hingegeben ward.

Diese Sicherheit war es, die sie wie einen Diamant aufleuchten ließ, wenn sie im Abendkleid und phantastischem Schmuck in der Halle erschien. Es war ein unbeschreiblich siegreicher Schmelz in dem mit der Plötzlichkeit eines Schusses aufglühenden Lächeln, daß man, obwohl man sie haßte, ihr eine unvergleichliche Karriere voraussagte. Den Zorn der Frauen, die sich die Männer neideten, erregte sie erst durch ihre völlige Teilnahmlosigkeit für Bewerber. Man hielt sie für wählerisch und berechnend und nahm an, daß sie sich für den Besten aufhebe und vor Hochmut bis zum sechsundzwanzigsten Jahre noch keinen so Vortrefflichen gefunden habe, der ihren Träumen entsprach, während sie in Wahrheit ihre Seele noch nicht gefunden hatte und eigentlich eine Romantische war.

Diese Mädchen scheinen kalt, weil ihre Herzen glühender als die Möglichkeiten sind, die ihnen zu Gebot stehen, diese Herzen daran zu erproben. Man muß bedenken, daß das Fest, welches auf der Terrasse des Landhauses stattgefunden hatte, eigentlich eines der romaneskesten war, das die damalige englische Gesellschaft kannte, und daß Lady Grace bis zum Tod bleich und gelangweilt davon schien. Es war in den zarten und traumhaften Kostümen Gainsbroughs getanzt worden, dann hatte es geregnet, und nun gingen in der roten Dämmerung die Fenster alle auf und es roch nach dem Boden des Parks. In diesem Augenblick erregte es das Erstaunen eines jungen Mannes, daß ihr Auge sich auf ihn richtete.

Der junge Mann, der den Vorzug hatte, in Indien gekämpft zu haben, was seine Blässe und Melancholie mit einem dicken Kontrast unterstrich, war vor Schreck darüber fast erstarrt, in welcher Weise sich ihr Blick, während er auf ihm ruhte, veränderte. Ihm schwindelte ein wenig und er fühlte sich halb umstrickt, halb durchbohrt. Er folgte ihr, als sie das Auge zur Tür gleiten ließ: „Kann ich auf Sie vertrauen?“ frug sie mit grauenhafter Kälte. „Vergessen Sie nicht, daß ich das Leben von fünfhundert Menschen, die mir dienten, monatelang in Händen hatte,“ rief er. „Wollen Sie mir dienen, Charley?“ sagte sie mit einer Stimme, die ihn erzittern machte. „Diese Frage,“ sagte er ergriffen, „beleidigt das Herz, das nie etwas anderes tat.“ „Sie werden mich verlassen, wenn ich es wünsche?“ sagte sie ruhig. Er nickte betroffen. „Sorgen Sie für zwei Wagen. Vergessen Sie Ritch nicht abzuholen. Sie wohnt im Gartenhaus. Ich brauche einen älteren Begleiter. Nehmen Sie Davis und geben Sie ihm Geld, daß er einen Kammerdiener mitnimmt. Zweihundert Meter von der Parktür warten Sie auf mich in einer Stunde.“ Sie nickte und zog sich zurück. Zwei Stunden später fuhr das Mädchen nach Dover, ohne sich die Mühe zu nehmen, ihr Kleid zu wechseln, das sie unter einem Staubmantel verbarg.

Ritch war ein schwarzes Faktotum, das ihren Vater aus den Kolonien begleitet hatte und auf das sie sich blindlings verließ. Diese Negerin war eigentlich javanischen Blutes, fast schön, nur zu dunkel, stark wie ein Tier und von der Wachsamkeit eines Hundes. Was im zweiten Auto folgte, war ein Greis mit Kammerdiener und einer alten Gouvernante. Sir Davis war von der senilen Schwäche eines Lebemanns, der nicht genügend Mittel hatte, seine Leidenschaften in der Jugend zu befriedigen, in diese Hörigkeit zu jungen Damen angekommen, die nichts begehrt, als ihnen zu Diensten zu sein. Sie opfern sich auf für den Beruf einer Attrappe und würden ihr Leben hingeben dafür, daß sie in der Nähe dieser Wesen trotz des Zustandes ihrer Zähne noch bleiben dürfen. Sie werden nicht beachtet, auch nicht bedankt und erfüllen die Dienste des Hofmarschalls mit größerer Leidenschaft, als diejenigen des Liebhabers, als sie noch Wünsche hatten.

In der Nacht fuhren sie noch über und setzen die Autos auf die Strecke Paris, Dijon, Valence, Montélimar, Avignon.

Ehe sie Calais verließen, frug Lady Grace, als sie den Fuß auf die Dampfbarkasse setzte: „Ist das Telegramm abgegangen?“ „Es ist durch meinen Bruder vom Foreign Office aufgeliefert worden,“ antwortete Charley mit dem Ton eines Menschen, der etwas unerhört Schweres erledigt hat. „Dann kehren Sie zu Gaby zurück,“ rief sie mit jener Härte, die nur unverbrauchte Herzen über sich gewinnen, weil sie nicht wissen, wie unendlich sie damit schmerzen. Man muß wissen, daß sich bei ihrer Abreise eine Szene abspielte, deren Helden ihre Windspiele waren. Diese Tiere, die sie auf allen Einladungen, so auch nach York begleiteten, von denen einige noch von ihrem Vater kurz vor seinem Tod eingestellt waren, wollten sie nicht verlassen, holten die Autos ein und rannten eine Weile neben ihnen her. Sie hörten die Locktöne ihrer Herrin und wußten nicht, daß diese sie zum erstenmal zurücktrieb. Plötzlich begann ihr Lieblingstier Gaby etwas Unerwartetes, Ungeheures, es sprang über das hinrasende Auto. Diese Sprünge wiederholten sich, bis Lady Grace halten ließ. Man mußte die Tiere anbinden. Nun kommandierte sie den jungen Mann zum Schutz ihrer Tiere, ohne zu bedenken, ob er gemerkt habe, daß sie innerlich weinte, als Gaby ihre unglaublichen Sätze begann. Er konnte denken, daß sie ihn zu ihren Liebsten sandte, aber er vermochte sich dabei nicht voll Bitterkeit zu verschweigen, daß sie die Hunde mehr liebte als ihn. Ein englischer Junge dieser Kreise hat zum Glück genug Einfältigkeit, die Launen einer Frau zu prüfen. Er war tödlich gekränkt, aber, da er liebte, machte er sich ohne Umstände an den Anfang.

Das zweite Ereignis, das in jenem seltsamen Zusammenhang mit dieser Abreise stand, war der General-Appell des Mégroz-Clubs in New York, von dessen Bestand Lady Grace ebensowenig ahnte wie dieser Club von der Tatsache, daß eine glänzend schöne Frau sich anschickt, ein tödliches Wettrennen mit seinen besten Mitgliedern zu beginnen. Dieser Club, der sich nach einem der berühmtesten Eiskünstler nannte, vereinigte seine Mitglieder zum Curling. Das ist ein Spiel, welches, dem italienischen Bocca ähnlich, auf der Eisfläche geschossen wird und Kraft mit Gewandtheit verbindet. Man hielt sich jahrüber eine eigene geschlossene Eisbahn, was gewisses Aufsehen erregte, da dieser Sport in Amerika fast unbekannt war. Der Club hatte sehr strenge sportliche Satzungen, spielte Inter-League-Games und unterstand dem Olympischen Komitee. Man wird nicht vermuten, daß diese ernste Angelegenheit, die jeder Prüfung standhielt (denn keine menschliche Fähigkeit wird so genau kontrolliert wie das grausamste Spiel der modernen Zeit, der Sport) eine Lächerlichkeit sei.