„Kehren wir zur Literatur zurück, die“ und sie lächelte das Lächeln einer Madonna, „eine gewisse Logik verlangt, der sie nicht entbehren darf. Ich zweifle nicht, daß vor den Gesetzen der Literatur dieser Schluß Ihrer Geschichte ebensowenig standhalten kann wie vor denen Ihres Herzens. Sie haben einen Frevel verdammt, den Sie dann verklärt haben, Sie haben einem Glauben, der Sie auszeichnet, die Schärfe der Waffe genommen, die ihn glaubhaft machen kann. Wenn Fehler in der Architektur einer Geschichte liegen, müssen sie aus dem Herzen kommen, das seine Erlebnisse selbst über die Kunst zu stellen die Angst oder die Kühnheit hat.“
Diese Frau war nicht nur schön, sie besaß einen gefährlichen Geist. Selbst Lionardo wäre über die Gespaltenheit dieses Gesichtes erschrocken, dessen Schönheit unter roten Haaren fast schmerzhaft des Heiligenscheines entbehrte, deren Augen mit der Milde Maria Magdalenas schauten, deren Mund nichts zu wissen schien von den Verzückungen, die ihr Gatte auf schlechte Manier gepriesen hatte, und die eben dieser Gatte fast ebenso kompromittierte, als er sie auszeichnete, weil niemand zu sagen wagte, es gehöre mehr Verworfenheit oder mehr Demut dazu, diese Hyäne von einem Mann zu ertragen.
Der Lebenswandel dieser Frau war von dem denkbarsten Anstand. Man hätte jedermann, der sie verleumdete, niederschlagen können und hätte für ihre Unschuld garantieren dürfen. Und dennoch trug dieses Gesicht, das wie die Inthronisierung des Adels wirkte, den Zug eines Verhängnisses, den Anfang vom Hauch einer ungeheuren teuflischen Verderblichkeit, den Schleier unerhörter Verbrechen um sich, daß ihr Anblick auf die seltsamste Weise erschütterte.
In diesem Gesicht lagen das Engelhafte und die Glut der Messaline mit einer grandiosen Schönheit auf der Lauer, und dies Gesicht trug, wie von der Vorsehung berufen, die sonst im Inneren vergrabenen Leidenschaften mit einer schamlosen Sicherheit auf der Stirn. Dieses Gesicht ruhte noch in der Huld der Klarheit und seine Gedanken waren noch zart. Nur dem, den das Unheil einmal tödlich in diese Falle verstrickt hatte, war es möglich, auf ihm jene noch verdeckten Ungeheuerlichkeiten zu sehen, die sich darüber stürzen konnten. Die Geographie dieses madonnenhaften Gesichtes zeigte eine Lust-Welt noch ungesehener, oder entdeckter Frevel bereit, in die Kontinente der Reinheit hineinbrechen.
Die Augen dieser Frau waren schleierlos, sie waren groß wie die Augen pompejanischer Frauen, die die Hälfte ihres Gesichtes und dreiviertel ihres Gefühles damit bedeckten. Sie waren dunkel, fast achatdunkel, oval und klarer, als das Schwarz hergibt. Diese Frau durchschaute mich völlig. Ich konnte nichts großmütigeres tun, als es zuzugeben.
Die Frau hatte die Sensibilität eines Herzens, das bei einer Geschichte genau versteht, ob sie erfunden oder ob sie an eine Adresse gerichtet ist, die nicht mehr der Kunst unterliegt, sondern nur dem Herz. Frauen haben immer die unheimliche Witterung der Zusammenhänge, weil sie anders wie die Männer begabt sind, die Zwischentöne wichtiger als die Komposition zu nehmen. Dieser Mangel an Konzentration macht sie aus demselben Grund zu Menschenkennern, der die Männer zu Pedanten und Starrköpfen verbildet. Wo die Frau versteht, macht der Mann ein Gesetz. Wo die Männer aber versagen, nämlich die Gesetzmäßigkeit der Gefühle anzuerkennen, weil sie zu dumm sind, ihnen folgen zu können, da verlangen die Frauen mit einer Grausamkeit nach der Logik, die der furchtbaren Idee der Amazonen gleich ist, welche für die Hingabe an einen Mann den Tod verlangten.
Diese Frau, die einen Lionardo erschreckt hätte mit den Wegweisern unausgesprochener Träume über dem hermelinhaften Gesicht, wollte mir erpressen, daß ich endlich gestand, daß Frevel gegen die Natur von der Natur unerbittlich gerichtet werden. Man konnte sehen, daß die engelhafte Frau vor Heißhunger bebte, diese Gewißheit zu erhalten, und wenn ihr Mund nicht vor den Qualen einer geahnten Grausamkeit lebte, war es nur, weil dieser Mund der verschwiegenste war, den eine Frau besaß. Niemand konnte sich rühmen, ein Wort gehört zu haben, das die Seele der Sprecherin betraf.
In dieser Zeit waren alle Frauen, da sie den Weg der Familie und damit der Zurückhaltung verlassen hatten, bereit, mit einem schändlichen Zynismus Dinge auszusprechen, die einer Frau die Weiblichkeit nehmen und verächtlich machen. Eine Frau, die sich preisgibt, hat ihre wundervollste Begnadung, schweigend zu verstehen und ohne Enthüllung verehrt zu werden, eingebüßt.
Die Frau wollte mich durchbohren: „In der Tat,“ erwiderte ich und warf ihr ebenfalls einen kalten Blick zu, „diese Geschichte nahm ein anderes Ende, da das Leben oft grausamer ist als die Literatur. Das Leben hätte in einer Zeit, wo die tolle Kühnheit die Ausnahme und die Tugend eine schöne Gewohnheit waren, ohne Zweifel nicht das Maß von Entsetzen aufgebracht, mit der Gier eines Panters zu vernichten, sondern hätte jenes Maß an Sühne zugelassen, das der Tod in seiner schönen Größe immer bereit hält. Diese Geschichte hätte ihren Beweis in einer vollendeten und klaren Epoche gefunden, wo die Frauen wirklich das Zeichen ihrer himmlischen Abkunft wie einen unsichtbaren Schein getragen haben. Diese Zeit des Verruchten aber macht das Schicksal, das den Sieg will, (das heißt, die Durchsetzung der echten Liebe, die Anerkennung der Größe der Gesittung), unerbittlich wie einen Feldherrn, der Tausende opfert, um das Schlachtfeld zu behaupten. Die Frauen, die mit einer Reinheit im Herzen untergehen, sind die Marksteine einer wunderbaren Generation von Frauen, die hinter diesen Märtyrerinnen herkommen werden. Die Natur macht aus ihrem Blut jene Sühne, an die Sie nicht glauben wollen, weil das Leben es nicht in diesem einen Fall bejaht hat. Zeiten der Gesetzlosigkeit zwingen zu töten, wo man in Jahren der Harmonie vor Liebe gebebt hätte.
Dieser Capt. Pound hätte es in der Hand gehabt, Ritch zu erschießen, aber er war in der Hand des Schicksals und dieses ließ ihn den Schuß nicht tun, der die Tugend gerettet hätte. Er entdeckte die Puppe nach zwei Stunden, warf Ritch aus dem Auto und fuhr zurück. In diesen zwei Stunden war Grace hinter George Good hergeschlichen und hinter ihm in die Wohnung geschlüpft. Der Kampf, der sich zwischen ihr und dem ehemaligen Matrosen des „Leviathan“ abspielte, war der Kampf des Spleen gegen besinnungslose Anbetung. Der junge Mann flehte sie auf den Knieen an, sich die Kette schenken zu lassen. Der Trotz des Mädchens, das den Mann in ihm völlig übersah, lechzte danach, ihn zu rauben.