Davis lachte in sich hinein. „Ich freue mich auf Gaby,“ sagte Grace. „Das,“ sagte Sir Davis, „tut man mit sechzehn Jahren. Glückliche Windspiele, die herrlich sein müssen, auch mit sechsundzwanzig das Gleiche noch zu erregen. Warum soll man es mit einundziebzig nicht tun?“ Der Alte, der ein Glück darin sah, der ewige Sklave der Launen schöner Frauen zu sein, und sein Alter zum erstenmal gestand, reichte ihr mit großartiger Bewegung den Schirm, damit die Sonne keine Wolke über diese Stirn ziehen ließe ... – – –
Fünf Jahre später las ich diese Geschichte, die hier abschließt, zwei Leuten vor, die in verschiedener Weise damit sich zu beschäftigen hatten. „Sie haben,“ sagte der Mann, der im Kreis einer Lampe sich auf einen der breiten Stühle gelegt hatte, wie ein Hund darin Platz nimmt, „im wesentlichen hier Angriffe gegen eine Zeit gerichtet, welche ich ehre. Ich verstehe nichts von Literatur.“ Dieses Scheusal hustete auf eine heimtückische Weise, indem er sich mit der Koketterie einer wohlgewachsenen Frau ausdehnte. Die Natur hatte ihm seine schlechte Seele in die linke Schulter gezogen, die wie ein zweiter Kopf ohne Augen neben seinem Scheitel in die Luft ragte. Er war eine der gefürchtetsten Hyänen der Börse und voll Launen, die einem Journalisten Ehre gemacht hätten. Dieser Kopf schien Milliarden aus der Börse ziehen zu können, Straßenzüge mit einem Gedanken zu schlucken, zu verdauen und mit einem märchenhaften Gewinst auszuspeien. Seine Agenten reisten, mit seinen Gedanken belastet, als Herolde der Vernichtung durch jene Staaten, deren Währungen sie bald vernichteten, bald nahe an eine unglaubliche Hoffnung auf Besserung kommen ließen. Der Kopf des Mannes, dessen Atem roch wie Vernichtung, und dessen Augen den spitzen Glanz hatten, der Totengräbern eigen ist, war der Kopf eines Götzen, dessen verbrecherische Größe von jenen Schlachtplänen der Leere und den Bilanzen des Umsturzes herkommt, die aus Europa ein Leichenfeld der Gesittung und eine Wüste der Schönheit gemacht hatten.
Dieser Mann glänzte förmlich wie eine häßliche Gottheit aus Kupfer, die sich an dem Elend von Millionen gemästet hat. Die Siege, die nicht mit dem Herzen errungen werden, sind zwecklos, wenn sie gewogen werden, aber von den Siegen der Macht sind die ohne Zweifel die erbärmlichsten, die ohne den Ruhm der Traditionen und mit der Gier der Häßlichkeit gestempelt sind.
Diese Hyäne, die anfing, ein Loblied ihrer Zeit zu singen, hatte eine Schwäche, seine Frau. Er war der Besitzer einer Frau von so überwältigender Schönheit, daß die Sicherheit seines Geldes ihn nicht von der Eifersucht freihielt, die jeden Zwerg selbst mit der furchtbarsten Macht im Gefühl seiner Niedrigkeit von der Schönheit entfernen mußte. Auch Schönheit allein ist nicht vollkommen und daher käuflich, aber immer nur mit der Menge Goldes, die eine Spanne, nicht eine Ewigkeit aufwiegt. Das Scheusal, dessen Erfolge seine Klugheit beweisen, war nicht blind, und wo andere ihn nachts auf seine Tagerfolgen ausruhen dachten, glühte es vor der Größe seiner Zweifel.
Da diese Leute Bescheidenheit nicht kennen dürfen, weil sie an Kümmerlichkeit, der niederen Schwester der Einfachheit, übermäßig bedacht sind, trug er die Maske der Herausforderung. Er, der zitterte um jeden Blick seiner Frau, konnte nicht anders als den Libertinismus im weitesten Sinne verteidigen, ja rühmen. Dieser Enterbte der Natur, welcher mit guten Beinen und sportlicher Figur an den Gesetzen des Lebens gehangen hätte wie ein Priester, gab sich einer schrankenlosen Bewunderung der Ausschweifung hin. Zwischen der Angst und den Großmäulern hat schon Rabelais die verbindende Kurve gezogen. Die Macht, wenn sie in die Hände der Zwerge fällt, ist die schauerlichste Komödie des Heldentums. „Zum Teufel mit einem Jahrhundert, das uns Daumenschrauben anlegt,“ sagte er höhnisch. „Sie reden, als seien Sie ein Mitglied der Inquisition. Ihre Vorzüge der Tugend sind Schrullen gegen die Vorzüge der Industriepapiere. Eine Frau ist eine alberne Gans, wenn sie nicht weiß, inwieweit ‚Canada Pacific‘ von ‚Garelly‘ unterschieden wird und wenn sie sich mit ihrer Keuschheit mehr beschäftigt als mit dem Mann, der ihr die Möglichkeit eines großen Lebens bietet, das, gestehen Sie es, heute eine Seltenheit ist. Ich bin nicht gebildet aber auch nicht dumm genug, um dem bloßen Genuß das Wort zu reden, oder Ihnen an Hand der Geschichte zu beweisen, daß jede Zeit ihre wirtschaftlichen Notwendigkeiten und danach ihre Ziele hat. Die Schätzung der Tugend würde eine Frau heute verhungern lassen. Es gibt einen Krieg, dessen Heldentypen Sie unterschätzen, das ist der Kampf um das Gold. Die Notwendigkeit der Zeit erfordert den Zynismus. Wer heute Greenbacks besitzt, ist morgen vielleicht bankerott, weil er verschiedentlich nicht à la baisse die polnische Mark gekauft oder den Dinar gestützt hat. Ich werfe in acht Tagen die Mark in Krakau auf Fünfzigtausend pro Dollar und senke sie in Berlin um die Hälfte von Vierzigtausend. Wenn ich morgen in New York Mark kaufen lasse und verteile die Schatzanweisungen an alle Großbanken und ziehe sie auf drei Tage Distanz mit einem Ruck ein, mache ich eine Knappheit des Geldes, gegen das die Heuschreckenschwärme und Hungernöte einer Zeit Bagatellen waren, wo man vielleicht den Import der Keuschheit als Sport betrieb. In dieser Zeit, wo ich die Hälfte Mitteleuropas vernichten kann, wenn ich die Kohlenkuxe senke oder Creusot und Krupp zusammenbringe, in einer Zeit, wo die Männer mit dem Degen in der Faust aus der Hand der jüdischen Bankiers wie die Tauben fressen, wo die Fürsten ihre alten Wappensprüche verhüllen, um in unsere Geschäfte mithineingenommen zu werden, damit sie nicht verhungern, in einer Epoche, wo die Kunst einfach überritten, die geistigen Berufe niedergemacht, wo die Seelen der Menschen wie Fische aufs Maul geschmissen und zertreten werden, und wo der Zusammenschluß der lothringer, der schlesischen und der Ruhrerze tausendmal größere Revolutionen bedeutet als etwa die Figur Napoleons oder die erste Völkerwanderung, in einer Zeit also, kurz gesagt, wo das Gold allein seine Generale ausschickt und die seitherige Welt in Armeen gegliedert ist, die von einem Tag bis zum anderen unter den Kanonen der Wirtschaft und Börse stehen und bluten, da gibt es nur eine einzige und mögliche Bewegung: die Zerreißung aller Rücksichten, den Krieg der Leidenschaften, die unbedingte Freiheit der Frau, die sich in ein Wesen von solcher Gefährlichkeit gewandelt hat, daß nur die wahre Macht, das Gold, sie zu halten imstande ist. Das ist mein Standpunkt.“ Das Scheusal leckte sich die Zunge und warf einen glühenden Blick in die Ecke. Diese Frau aber wußte zu schweigen.
„In einer Zeit,“ sagte ich, „wo die Seelen zerschmettert werden durch das Gold, wo das Laster eine Mode ist, wo die verruchtesten Erfindungen uns überschwemmen, in einer Zeit, wo die Mörder fast noch Heilige und die Heerführer Engel scheinen, in einer Zeit, wo die Kokotten Ehen eingehen, weil man sie ihrer Übung halber vorzieht und nicht die Zeit hat, Frauen anzulernen, eine Ehe zu führen, in einer Zeit, wo der Adel seine Töchter verkaufen muß und das Bürgertum verhungert, wo die Arbeiterinnen ihre Eingeweide zerstören, um in den Fabriken ihre Weiblichkeit an die Maschinen zu hängen und mit falschen Ringen durch die Sonntage zu spazieren, in einer Zeit, wo die Güte mit den Engeln auf den Mars ausgewandert ist und die Börsenmakler die fetten Heroen eines verabscheuenswerten Jahrhunderts geworden sind, in einer Zeit, wo jede Frau käuflich, aber jeder Mann ein Schelm geworden scheint, in einer Zeit, die, gestehen Sie, wie selten eine Zeit gemein ohne Größe und verdorben ohne Geist ist, gibt es nur eine Majestät der Haltung: die Tugend. Im Chaos der Moralbegriffe, die von der Hand des Hungers ausgejätet werden, im Zusammenbruch der Gebäude, die seit alters her den Staat mit wundervoller Kraft an unseren Horizont zeichneten, im Wanken der Gesetze, die seit Jahrhunderten Recht und Unrecht mit gewissermaßen ehernen Stirnen schieden, gibt es nur eine Säule: die Familie. Unter den Tugenden, an welche die Menschheit glaubte, und die von Konfutse bis Hartmann die Welt besang, die von den indischen Künstlern der Jahreszeiten bis zu Holbein und Fran Angelico die Welt gemalt und geheiligt hat, ist nur eine stark genug, die Welt in ihrem Brechen aufzuhalten: die Reinheit. Diese Tugend ist unzerschmetterbar, weil sie wahrlich vollendet ist. Sie besitzt die Weichheit des Himmels, und den Stahl, der die Körper der Helden wie ihre Seelen unsterblich machte. Diese Reinheit darzustellen, heißt die Liebe aufrechterhalten, die das einzige ist, was zu leben verlohnt. Die Laster, die Sie preisen und die Ungebundenheiten, von denen Sie schwärmen, sind Verirrungen, die von erbärmlicher Leichtigkeit sind. Einem Menschen, den eine gewisse Haltung gegen seine Zeit einzunehmen reizt, sollte es immer nur als eines Mannes würdig scheinen, sich nicht in dem Schmutz der allgemeinen Phrasen zu wälzen, sondern das schwierigste Ziel mutig anzuerkennen, das in der Regel das edelste ist. Ich weiß mich des Verdachtes, den Asketen ins Ohr zu reden, in dem Ausmaß erhaben, in dem ich das Leben mit aller Glut, deren ich fähig bin, angebetet habe, wo ich es traf. Aber ich sage Ihnen: wenn ich die Wahl zwischen einer schönen unberührten, einfachen aber großen Seele und der mit allem Glanz auftretenden Macht einer Kurtisane hätte, die meinetwegen die ersten Stellen des Staates mit ihrem Namen deckt, ich würde mich mit der letzten Bestimmtheit für das Kind entscheiden, dessen Einfalt mit ein Beweis der sittlichen Größe unserer Zukunft ist.“
Das Scheusal rekelte sich auf seinem Stuhl, als sei er ein Lotterbett. Ein Blick der Frau mußte ihn getroffen haben, er zog sein Kinn durch die Hand, als wolle er es bis zu seinem Magen herunterziehen:
„Sie haben Ihr Herz uns nicht vorenthalten. Die Geschmäcker der Menschen sind verschieden. In Mexiko macht man mit Revolvern Jagd auf Rosen, in Bukarest gibt es Flöhe so groß wie eine Hand, die wieder Läuse haben, die Söhne der amerikanischen Finanz heiraten nur noch Damen vom Film, in Partenkirchen ist ein General Ackerbauer geworden, hat eine Türkin zum Weib genommen und fährt in einem Wagen, den eine Kuh und eine Ziege gemeinsam ziehen. Der Bischof von Speyer, der im Schloß von Bruchsal gemalt ist, rühmte sich mehr geschrieben zu haben, als vierundzwanzig Ochsen transportieren konnten. In Ungarn lernt man die Kinder: es gibt zwei Reiche, Ungarreich und Himmelreich. Was wollen Sie, die Ideale sind immer persönlich. Sie ziehen dies vor, ich jenes. Das Resultat hat immer entschieden. Sie spekulieren in belgischen Francs, an denen Sie verlieren werden, da ich dagegen bin. Sie vertrauen mir an, daß Sie für unberührte Frauen schwärmen. Vertrauen gegen Vertrauen: ich habe einen Puckel.“ Diese letzte Rohheit, die zu zynisch war, um verstanden zu werden, veranlaßte die Frau, ihn zu unterbrechen.