Diese Fahrt war eine abscheuliche Quälerei. Pound schien das zu bedenken: „He,“ brüllte er plötzlich, „Lady, ich bin dafür, daß Sie meinen Platz tauschen.“ Sie beachtete ihn wie einen alten Schuh. Der Soldat war diese Rache einer Feindin gewohnt und schwieg. Nach einer Weile versuchte er einfach die Lady herüberzusetzen. Er sprang auf und schrie so toll, daß der Chauffeur ihn gehört haben mußte. Er hielt eine Puppe in der Hand. Sie war Grace mit bewundernswerter Kunst nachgebildet.
Capt. Pound mußte den Verstand verlieren oder sich befreien. Er verlor den Verstand eine Sekunde, das Blut verließ seine Schläfen und er zitterte, weiß wie Wachs, mit geschlossenen Augen. Dann sagte er kalt: „Ich werde mich überzeugen, ob du aus derselben Wolle gemacht bist“ und schoß viermal in Ritchs Körper, wo dieser dem Kapitän des „Leviathan“ am köstlichsten erschienen war. Diese Schüsse waren nicht tödlich, aber sie verunstalteten, was schlimmer ist. Es gibt Schüsse, die das Herz oder die Lunge durchbohren und die ein unglaublicher Wille überwindet. Manche geringfügige Blessuren haben den Tod sofort hinter sich her. Capt. Pound begab sich in das andere Auto. Das seine drehte, mit Hilfe der Leute, die er bezahlte, ward Ritch in das Landhaus getragen und starb in Graces Armen, als sie zurückkam.
Der Tod hat eine lösende Kraft für junge Menschen. Er befreit sie von jenen Ängsten, die ihre Klarheit verbittern, er bringt sie zurück bis an die Schwelle ihrer Jugend, die die reinste Zeit eines Lebens ist, er hat die Ungeheuerlichkeit einer sühnenden Kraft, die beispiellos ist, weil sie blind ist. Nur das Leben ist ängstlich, weil es verwirrt ist. Der Tod ist von einer Reinheit und Größe, deren Horizont sich unvergeßlich aufschlägt und ordnet. Das Furchtbare des Todes empfinden nur die Verstockten, der Anblick des Todes ist für die Verirrten das erhabenste Erlebnis. Es ist der Freude ebenso nahe, wie der Schmerz ein Bruder der Liebe ist. Am Lager eines Toten herrscht die Harmonie, welche mit der Majestät der Liebe gesegnet ist.
Als Grace von dem Lager Ritchs zurücktrat, die für sie gestorben war, trat George Good herein. Er ging fast gebückt aber mit der Heiterkeit der Leute, die wissen, daß die Kugel für sie geladen ist. Er schreckte zusammen, als er eine Frau sah, die er kaum kannte. Sie trat ihm wie eine Fürstin entgegen, die beleidigt ist, aber so verziehen hat, daß alles an ihr schäumt vor einer kalten Güte, deren Entscheidungen ihn verdammen mußten, auch wenn sie segnen.
Er trug die Kette auf beiden Händen, für die sie keinen Blick hatte. Sie winkte ihm. In diesem Augenblick strömten ihm die Tränen aus den Augen. Das Glück dieses Augenblicks war das größte seines Lebens. Sie winkte noch einmal, er ging langsam zurück. An der Tür steckte er die Kette ein. Es rettete sein Leben, aber an dieser Wunde ging er zugrunde wie jener Prinz, dem ein Affe ein Stück aus der Brust gebissen, und der kein Fleisch hatte, die Wunde damit zu nähren. Dieser Prankenhieb schlug die Sehnsucht in ihm frei, und er litt mit dem Maß, mit dem er sie nicht gekannt hatte und nicht befriedigen konnte, nach diesem Erlebnis. Dieser junge Mann, der nie besiegt worden war, gewann sein Leben, aber die Liebe saß wie der Tod in seinem Herzen, das heißt, er ging verklärt aus diesem Haus, wie ein Wahnsinniger, vom Blitz gerührt von Glück, bis zur Besessenheit von Liebe beladen, die er kaum tragen konnte ...
„Sechsundzwanzig Jahre,“ sagte Sir Davis, als sie drei Tage später über den Kanal fuhren, „und soviel Erlebnisse, daß man ein Jahr davon erzählen könnte, und man muß darüber schweigen, welches Verhängnis.“ Grace sah ihn mit einem Blick an, der alle Erleuchtungen eines klaren Herzens trug: „Wovon reden Sie, Davis?“ sagte sie, und der alte Geck war von dieser unwiderstehlichen Frage so verwirrt, daß er sich in den Arm kniff, um festzustellen, ob er denn träume oder sie. Der erfahrene Frauenkenner sah sie ängstlich an, er erblickte ein unberühmtes, nichts wissendes Gesicht. Dieses Gesicht war das einer Sechszehnjährigen voll großer Hoffnungen und ohne Erlebnisse, die eine Seele vergiften. Der Tod hatte diesem Mädchen die Barriere geschlossen, durch die ohne Trennung die Welt des Frevels neben der Welt ihrer Seele lag. Das Glück hatte sie verschwenderisch überhäuft. Das Glück, das im Augenblick des Todes einen Menschen überfällt, hat eine wundervolle Verwandtschaft mit dem Blut, das in dem Sinn der Sühne vergossen ist, dieses Glück heilt, verzeiht und macht vergessen. Es tilgt die Schuld, es wirft den Frevel zurück, es überwindet das Böse mit einer Übermacht der Reinheit, die mit der Majestät der Liebe darin gekrönt wird. Diese Liebe, die selbst das Vergessen lehrt, kennt keine Abgründe mehr, weil das Herz, das sie nunmehr regiert, unbeirrbar ist.
Dieses Glück, welches das junge Mädchen überfallen hatte, besaß das Anrecht, mit den zartesten Namen genannt zu werden. Davis staunte und bekam hektische Backen. Dieser Wollüstling, der die Frau als Wesen verehrte, ohne ihre Moral abzuschätzen, sah, statt einer Frau mit den kalten Augen des Tigers, eine liebliche Erscheinung. Davis hielt sich einige Sekunden für verrückt. In ihren Blicken war keine Spur mehr von der harten Glut, die ihr jene Entschlossenheit der Tollheit geliehen hatte, der er sich sofort gefügt hatte. Dieses Mädchen war völlig rein, hatte den Himmel im Auge und nur einen leichten Unmut, wie ihn verwöhnte, engelhafte Kinder haben, um den Mund: „Von was reden Sie, Davis?“
Dieser Satz machte den alten Wüstling, der die tollsten Sprünge seines Lebens in diesen Tagen erlebt hatte, fast närrisch. Er starrte sie an. Der Lüstling, welcher, ohne mehr zu tun als es festzustellen, Kurtisanen verröcheln, Damen zu Dirnen werden, Frevlerinnen bereuen gesehen hatte, der beobachtet hatte, daß Menschen sich blitzschnell herumwandten, als ob ihre Seele beweglicher sei als wie ihr Rücken, der Frauen aus Leidenschaft in den Tod und aus dem Tod in jene Wollust hatte tauchen sehen, die durch ihre Verzweiflung noch tiefer ist als der Tod, der Mörderinnen hatte sich bessern und Engel in ein Unglück hatte treiben sehen, das beispiellos war, der Mann, der die Wandlungen der Frauen einer Gesellschaft beobachtet hatte, welche an der Grenze zwischen zwei Menschenklassen stand, von der die eine sie band und die andere sie befreite, ohne daß die Fessel sie beglückte und die Befreiung sie erlöste, ... der Mann, der die Verheerungen des Teufels und einer lächerlich angewandten Vernunft unter den Frauen der Jahrhundertwende von den Verzückungen der Verwirrten bis zu den Heucheleien der Verdammten bis ins Kleinste kannte, starrte dieses Wunder vor sich an.
Vor diesem Mädchen, in der Tat, lag das Leben makellos. Er hatte eine Jungfrau vor sich, der kein Schatten die Stirn getrübt hatte. Reinheit ist immer unberührbar, weil sie vollkommen ist. Sir Davis, der nach der Sitte seines zurückliegenden Jahrhunderts nur beobachtete, ohne den Sinn zu ergrübeln, schwenkte sofort um. Er gehörte zu den Männern, die Gott oder der apokalyptischen Hure dienen, wenn beide nur in der Form der Frau erscheinen, die sie anbeten dürfen.