Wir sehen das Ufer durch Schaum. Wir rechnen, hart am Wind, noch zehn Minuten. Schäumender, gierig, ein Liebesschwert bohrt sich die Spitze mit fiebernder Wollust in das Gewoge. Ein dunkler Halbkreis saust vom Ufer heraus mit einer glashellen Kante. Jessie lauert! Die Bö. Der Großschot fährt über die Rolle, das Boot dreht herumgeworfen: das Segel, graue Apotheose, entfaltet sich, rauscht losgelassen, wildflatternd hinein. Wir stehen.

Jede Planke zittert im Herzschlag.

Dann steigt das Boot, die schmale Flagge weht. Das eingereffte Segel glüht unter Blitzstrahlen, die den See umlaufen. Ein weißer Strich bohren wir weiter, wettern die Boote in Bö um Bö, stehen starr, umflossen zwischen rund um uns aufgehäuften Wellen.

In siebzig Minuten erreichten wir das Ende des Sees.

Es war gegen Abend.

Wir blieben drei Tage.

In der ersten Nacht aber wuchs Jessie wild in der Liebe wie eine Stute, sie sprang durch das Fenster. Da stand ein Garten mit Güldenlack und Malven und roch in die dunkle Luft, in der kein Mond hing, aber Sterne die feuchten Segel überbürdeten. Die Nacht war heiß nach nicht gekühltem Gewitter. Ich hatte keine Lust zu schlafen und folgte ihr.

Ich ruderte um die Landzunge, da war die Bucht paradiesisch erhellt, rot gespiegelt mit vielem Glas schoß ein Karussell einen Kreis, und eine Promenade mit erleuchteten Bäumen lief üppig von der Küste in den Wald. Über die Bootshäuser schwangen sich Raketen, eine gedämpfte Musik floh aus den Pavillons herüber, aber die Bucht war voll Kähnen und alle Sterne und Hecks trugen rote und gelbe Ballons und manche mit Spagat überspannte hatten Girlanden, Lampione. So schaukelte unter ihnen die See.

Im heller gesättigten Licht lag Jessies Kopf wie Perlmutter in dem Dunkel hinter ihr und ihre aus der Lust herauf gebrochenen Augen baten. Da fuhr ich ans Land und nahm rote und gelbe Papierkugeln für sie. Ihr Bein glitt schlangenhaft dankend über mein Knie. „Donna è mobile“ lächelten ihre müd aufgeblätterten Lippen. Die war sie so weiß und mild.

Wärme und Musik lagen über der Bucht, und die Inseln der Boote hatten kein Ende des Liegens. Brennend die rote und gelbe Laterne trieben wir noch glühend in der Dämmerung gegen unseren Strand. Jessies Kopf lag weiß wie eine Puppe mit überschweren Riegeln des Mundes in meinem Schoß. Wenn die Ruder sich über ihr schlossen, hob sie das Auge und schlug einen bebenden Fächer genossenen Lebens hinauf.