Dann rannte er auf einem abkürzenden Wege nach Hause. Wie er die Treppen hinaufsauste, empfand er nicht mehr die Tatsache des Bewegens. Wie sollte er die Existenz seiner Beine im Bewußtsein haben, wo er lief! Er kam bis unter das Gegiebel des Dachs. Ergriff die Kugel mit den Scheinen und legte sie ganz sachte in ein großes Spinnennetz, das seit Jahren dahing, und setzte mit einem Schwung, der gewohnt aus der Hand kam, trotzdem er seit der Kommunion nie so hoch im Haus gestiegen war, die rotpunktierte Spinne darauf. Worauf er lachte, ein Stück die Treppe hinabstieg, plötzlich niederkniete auf beide Knie und vor Entzücken einige Male in die Hände klatschte. Dann durchsuchte er seine Zimmer nach Geld, die im ersten Stock lagen, packte, was er fand, und rannte wie ein Tremolo die Stufen herunter.

Im Garten blieb er stehen. Er pflückte einen Zweig von der alten Vogelbeere und behielt ihn, leicht damit spielend, in der Hand. Dann ging er. Ging ohne Erregung, Posse, Sentimentalität. Ging wie ein Passant, der eine stille Gewißheit hat oder jemand, der eine Freude in sich spürt, die noch nicht klar und reif geworden ist. Ging wie von einer Stelle, die einem so vertraut und dadurch so entfernt geworden ist, daß es selbst eine fabelhafte seelische Vergeudung bedeutet, sich auch nur die Komödie einer Traurigkeit einzureden. Es war ihm, er sehe seines Onkels Schatten über eine Gardine gleiten, doch mochte dies ein Irrtum sein. Er kam auf die Straße. Da stand eine Laterne, die einmal ein betrunkener Fahrer umgeworfen hatte. Er schritt an ihr vorbei. Ging immer weiter. Aus einer Abendschule strömten Kinder, und wie er sah, daß sie begehrlich vor einem kleinen Bäckerladen standen, kaufte er einen Arm voll klebrige Sachen und warf es über sie.

Es ward ihm heiß beim raschen Gehen. Denn er eilte übermäßig, weil ihm keineswegs klar war, wohin er gehe; nur daß er sich entferne, wußte er, und das genügte ihm. Er zog seinen Covercoat aus und nahm ihn über den Arm. Es war dunkel. Laternen flammten auf, und er sah mit einem Male einen ganz hellen Filzhut, der oben in eine Linie zusammengepreßt war, eine saloppe und originelle Haltung und ein Gesicht mit einer Zigarette, und er nahm seinen hellen Mantel, nannte den Menschen seinen Freund und schenkte ihn dem, der überrascht sich oft verbeugte und vielemals „Sehr geneigt“ sagte. (Er hieß Keybbell und war das an Willkürlichkeiten der Stunde nicht ungewohnte abonnierte Modell eines sehr jungen Bildhauers.) Darauf rannte er weiter und kam an eine Litfaßsäule, die grell erleuchtet war.

An ihr entschied sich sein Schicksal.

Er sah eine Reeling. Ein paar Buchstaben sogen seinen Blick auf. Seine Haltung ward mit einem Ruck ganz gestrafft. Er schob die Beine auseinander und warf mit einer eigentümlichen Bewegung die rechte Schulter zurück und ging von dunklen und heißen Gefühlen überflutet in den spritzenden Regen einer schmalen Wolke hinein, die den silbernen Himmel rasch und scheu noch überschwamm.

Er dachte, daß er in einem glänzenden Paradox das Negative des Mantelverlusts gewissermaßen zu einem Äquivalent mit dem Positiven einer neu übergestreiften Psyche gemacht habe. Aber er sagte es nicht, weil ihm schien, die Zeit der zynischen und geistvollen Glossierungen sei vorbei. Er dachte kurz an eine Zigarette. Aber er zündete keine an.

Zündete keine an, sondern ging mit aufgeblasener Brust auf seinen großen Horizont zu. — — —

Die Überfahrt machte er ruhig im Zwischendeck. Zehn russische Polen lagen im selben Raum mit ihm. Es ärgerte ihn, daß er sich abends ein feuchtes Tuch vor die Nase band, weil dieser Geruch zu entschieden war. Denn es war ihm klar: daß es wertlos sei, sich mit seinen Allüren und Gewohnheiten in irgendwelche Strudel hineinzuwerfen. Daß es vielmehr nötig sei, statt von einer Mittellage aus unsicher nach zwei Richtungen hin und her zu schwanken, von ganz unten her und ohne jede Voraussetzung die Welt zu durchstoßen nach oben hin. Und daß er hierzu alles Angelernte abtun und an sich töten müsse. Das nasse Tuch aber lehrte ihn, daß viel schwieriger wie die Überwindung größter Leidenschaften der Verzicht sei auf gewohnte Zivilisierung. Aber er verzagte nicht. Drei Tage darauf nahm er an einem schmierigen Fest der Polen als Solosänger teil. Sein Bariton ward so zu etwas nutz, und seine Methode erwies sich zukunftsreich. Nach fünf Tagen spielte er täglich Karten mit Hamburger Sträflingen, die noch den transparenten Teint ihres letzten Aufenthaltsortes hatten. Er fühlte schon, daß er steige. Sinken konnte er nicht, da er keine Erwartungen hatte.

Allein seine Haltung viel auf und seine Hände noch mehr. Er beobachtete den Gang der Matrosen und prägte ihn seinen Gliedern ein. Ihm fiel dann die Unsitte eines Freundes ein, der den rechten Fuß grundlos in einer kleinen Kurve bei jedem Schritt nachschleifte. Er verband diese Note mit dem Seemannsmarsch und fiel nun nicht mehr auf. Seine Hände aber schienen sofort demokratisch, als er sie einen Mittag lang zum Putzen einer verschmergelten Maschine großmütig auslieh. Längere Zeit umschlich ihn ein bärtiger Kerl aus Sachsen und erzählte ihm lange Elendgeschichten in der Art wie sie jedermann weiß. Er gab ihm zwei Mark und hörte kaum auf ihn. Aber er sah gleich ein, daß diese Handlung töricht war, denn sogleich kamen andere und dann wieder der Bärtige. Da lernte er auch dies: nahm den Hund und warf ihn die fettglänzende Treppe herunter. Und hatte nun Respekt.

Auch machte er, um den Umkreis dieser Lebenserkenntnisse zu vollenden, in diesen Tagen die erste Bekanntschaft mit einer ihm unbekannten Sorte Tiere.