Nach zwei Tagen Quarantäne stand er in New York. Es enttäuschte ihn nicht, aber es drückte auch nicht auf ihn. Vielmehr blieb er dieser Stadt gegenüber völlig indifferent. Denn warum sollte ihm das eine größere Begeisterung oder eine Erweiterung seiner Seele verschaffen, daß hier die Dimensionen mehr nach Hoch verschoben waren wie sonst.

Er stieg in eine Bahn und fuhr so lange, bis er bescheidene Straßen sah. Dort mietete er und dorthin schaffte er am Abend selbst sein Gepäck. Es gab zuerst für ihn noch die Schwierigkeit der Sprache, denn von der Schule aus wußte er wohl, wie Bescheidenheit heiße und daß Reichtum nicht glücklich mache, aber ein Zuschlagbillett zu nehmen erlaubten ihm seine Kenntnisse noch nicht. Jedoch fand er bald, daß Sicherheit im Auftreten und Bewußtsein mehr wiege wie planloses Wissen. Er schien Chance zu haben. Da sah er eines Abends im Hafen ein Kind, das weinte. Er wagte es nicht zu fragen, warum. Er schenkte ihm nur sein Abendbrot, das er in der Hand hielt, und fuhr am folgenden Morgen nach Milwaukee, denn diese Stadt war ihm zuwider geworden.

Er versuchte dort in den bekannten Formen unterzukommen: als Lehrer, Kindergärtner, Feuerversicherungsagent . . . doch ohne Erfolg. Er begriff, daß diese Positionen zu gesucht seien, eben weil sie zu bekannt seien, schlug sich an den Kopf, kaufte einen blauen Leinenanzug und von einem Nigger eine ölige Mütze und bot seinen Dienst an als perfekter Schlosser, Chauffeur und Monteur. Ein Fabrikant fragte einmal: „Kannst du Milchseparators machen?“ Er antwortete, es sei seine Spezialität. Am nächsten Tag erfuhr er, daß es Blechkonstruktionen seien mit einer einfachen Mechanik, so daß auf der einen Seite die Buttermilch, auf der anderen die Butter herausspritze. Er machte am ersten Tag so viel, als die Mindestzahl der Einlieferung betragen mußte, und bekam für das Stück fünf Cents. Soviel stellte er die ersten vier Wochen weiter fertig. Jeden Tag hatte er einen Dollar. Nach vier Wochen beschwerte er sich, die Arbeit sei zu hart. Er schaffe solidere Arbeit als die anderen und deshalb weniger. Man kontrollierte ihn und gab ihm sieben Cents fürs Stück. Von diesem Augenblick an machte er täglich so viel, daß er drei Dollars hatte.

Nach vier Monaten weckte man ihn nachts. Er stand auf und fragte. „Auf! rasch . . .“ sagten sie ihm.

Mit vier Möbelwagen rasten sie durch die Stadt.

Endlich roch er, was war. Kurz darauf sah er es auch. Ein riesiges Häuserquadrat stand in Flammen. Schnell band man ihnen Tücher mit roten Sternen um den Arm, und sie holten überall die Gegenstände des Wertes: Kassenschränke und Klaviere heraus. Nigger halfen unter der Inspiration von Rippenstößen. Man gab ihm fünfzig Dollars dafür.

Er betrachtete sie schweigend. Die Spinne saß auf einer Papierkugel, die zehnmal so viel wert war. Allerdings: für irgend jemand nur. Nicht für die Spinne. Auch nicht für ihn in dem Sinn und Umstand seines Lebens von damals. Er steckte die Summe vorsichtig und andächtig in die Tasche.

Am folgenden Morgen fuhr er nach dem Westen, fünf Tage spannte sich Land an ihm vorbei, heulte das Dunkel an die breiten Fenster.

Er ging nach seinem Gepäck in dieser Zeit, er rasierte sich, sprach mit den Menschen und las. In den Couloirs ging er spazieren wie Unter den Linden oder auf der Zeil. Sein ganzes Tun atmete eine sichere Ruhe aus; doch er fühlte, daß er, obwohl entschieden und klar, in einem fiebernden Sausen sich befinde, das überall um ihn war. Die Bekanntschaften dieser Tage erschienen ihm interessant wie kaum andere (obwohl er viele kannte, die faszinierender und berühmt oder bedeutend vor allem waren wie Blumenthal etwa, der Verse schrieb, Bucheinbände machte und eine Nacht mit einer ganzen Barbesatzung über Westdeutschland flog). Er empfand eine erstmalige Anteilnahme an den Menschen und Schicksalen, die an ihm vorübersausten, es zuckte ihm in den Fingern, von dem zu wissen, was sie ausspie, wohin sie rannten, was Farbiges und Erhelltes um sie sei. Aber er griff nicht zu. Es war nicht seine Zeit. Er schnitt alles durch. Stieg aus.

Ein Pfahl markierte die Station. Ein morscher Haufe Hütten (wie im geduckten Bewußtsein, nur ihm die Existenz zu danken) klebte um ihn herum. Einige Indianer verkauften geflochtene Gürtel mit Muscheln besetzt.