Über ihnen stieg ein gewaltiger Himmel auf. Gegen den fuhr er los, drei Tage lang, im Büffelwagen.

Gegen Abend kamen sie an eine mächtige Niederlassung, und da sie ihm gefiel, nahm er Stellung als Cow-Boy. Der Besitzer schlug ihm auf die Schulter und schüttelte seine Hand. Seine Frau nickte ihm kurz, freundlich zu. Die Tochter sah ihn nicht. Sie ging an ihm vorbei zur Tür so dicht, daß ihr Ärmel den Staub von seiner Schulter fegte. Raoul fand, daß dies seiner Lage entsprechend sei. Aber nachdem er innerlich einverstanden gelächelt hatte, biß er die Zähne zusammen und sah, daß sie zwei schwere Zöpfe hatte und ihren Nacken mit einem elastischen Trotz hochtrug.

Es gibt drei Ideale, die der Cow-Boy kennt: Revolver, Lazo, seidenes Halstuch. Im übrigen erscheinen sie als Schweine. Vom Hanf- über das Leder- zum Seidenlazo zu kommen, ist die Gentkarriere des Cow-Boy. Allein es gibt noch etwas in seiner schieren Unerreichbarkeit unermeßlich Köstlicheres. Das ist der Lazo aus geflochtenen Pferdehaaren. Der Gaucho kommt selten in seinen Besitz, obwohl er die Sehnsucht seines Daseins ist, weil er zuviel säuft und schießt. Denn ein oder zwei Jahre auf die Sehnsucht des Tages zu verzichten, um die Inbrunst eines Lebens einzutauschen dafür, ist eine Sache, die komplizierter ist als die letzte Wissenschaft oder mit Größe in den Tod gehn. Die Tochter des Besitzers aber hatte ihn, und Helen war stolz auf ihn, und siehe: breite Silberringe unterbrachen seinen Lauf.

Die anderen Cow-Boy ritten später an, pflockten und nickten ihm zu. Einige gaben ihm die Hand und einer nahm seinen Hut ab und sagte mit einem knappen Einknicken der Hüften: „Heinz Freiherr von Kladern. Werde hier allerdings selten mit vollem Titel angeredet.“ Die übrigen schauten dumm, weil er es deutsch sagte. Doch Raoul liebte ihn darum noch nicht, denn obwohl ihm das Originelle der Situation gefiel, sagte ihm die ins Humoristische stilisierte Form des äußerlich Verkrachtseins nicht zu. Dagegen schloß er sich zusammen mit Jim, einem frischen Kerl. Er sagte sich, daß er im Augenblick ungefähr im Steigen auf der Höhe angekommen sei, die dieser Bursche hatte. Nämlich Kraft, Saftigkeit und eine Helligkeit des Auges, die den Dingen und besonders dem glänzenden Himmel etwas abzuzwingen immer bereit und sicher war.

Am nächsten Morgen haßte Raoul den Freiherrn.

Raoul hatte nicht Gewohnheit, ungesattelt zu reiten. Da nahm der Freiherr die Kugel aus einer Patrone, steckte einen Seifenbolzen hinein und schoß ihn dem Gaul auf den Bauch. Wie ein angedrehter Springbrunnen flog das Tier in die Höhe und Raoul saß mit hartem Schlag auf der Erde. Wut stieg ihm in die Fäuste, aber er entkrallte die Hände wieder, faltete sein Gesicht in Ruhe. Er wußte, er würde in einigen Tagen besser reiten als der Freiherr und empfand auch dies als Drang zum Handeln, Überwinden und Durchsetzen. Aber da die anderen gelacht hatten und das bös war, bat er den Freiherrn, eine Flasche mit der Hand wagerecht zu halten auf zwanzig Schritt von ihm. Der weigerte sich. Jim zog seine Reithandschuhe an und hielt sie, und Raoul bluffte sich damit in alle Achtung und Bewunderung zurück, daß er seelenruhig zum Hals hinein und den Boden heraus schoß. Und keiner lachte mehr.

Nach einem halben Jahre fand er zwei Werst von der Farm ein Buch. Er hob es auf. Longfellow: Hiawatha . . . Helen stand vor dem Hause und knotete ihre Zöpfe auf. Und er vergaß sich und redete das erstemal zu ihr, und gegen seinen Willen, ohne daß er es spürte, gingen viele abgestorbene Formen wieder in ihm auf, und er sprach, daß er das Buch gefunden hätte und daß er wisse aus seiner frühen Jugend, wie rauschvoll es sei, und daß er es ihr bringe; denn er glaube, daß es nur ihr gehören könne und fürchte, sie hätte diesen Verlust als einen besonderen Schmerz empfunden. Und hier sei es nun.

Da entdeckte er an ihrem veränderten Wesen und ihrem schwer beherrschten Erstaunen, daß er in seinen alten Leib zurückgefallen sei oder vielmehr sich selbst in seiner neuen Entwicklung übersprungen habe. Er merkte, daß es in ihm wüte, sah, wie sie den Blick hob. Spürte ihn steigen an seinem Körper, grausam und langsam wie Quecksilber sich hebt, bis er die Richtung seiner Augen traf. Da sagte sie: „Danke.“

Er kam wochenlang nicht auf das Gehöft aus Zorn gegen sich. Er schlief nachts schlimmer als die anderen, frei im Gras, auf Steinen, fluchte und betrank sich hin und wieder.

Aber sie kam zu ihm. Sie kam als Herrin, das tat ihm wohl. Sie kam freundlich, und er wußte nicht, wie er sich hierzu stellen sollte. Aber sie nahm ihn einfach mit in ihrer Art, riß ihn vorwärts, während er von Europa sprach und sie Washington dagegen hielt, in dem sie zwei Jahre in einem Pensionat interniert war, und sie sprach französisch und er entgegnete ebenso, doch sie fragte ihn nie, wer er sei, und gab ihm zwischendurch leichte Aufträge, halb Wünsche mehr mit ausgeprägtem Akzent. Einmal sah er den Freiherrn sich wo beschäftigt machen. Er wies sie auf ihn. Sie hob kaum die Schultern. Wie konnte der sie etwas angehn. Und Raoul liebte das Grenzlose dieser Verachtung und haßte sie darum gleich. Denn sie war über ihm und der Geist seiner Kaste saß in ihm.