Zwischendurch quälte er sich über das Ungewisse des Verhältnisses, das zwischen geschenktem Vertrauen, das er durch nichts erworben hatte (und der Teufel lasse sich von oben her unverdiente Sentiments schenken!), und der Gefahr des Beiseitegeschmissenwerdens hin und her vibrierte. Da gab es einen Tag, wo sie die Sache klärte, indem sie ihm mit ihrem Stolz wie mit einer Gerte über das Gesicht schlug.

Sie hatte in seiner Herde eine helle Stute entdeckt mit ausgesprochen weichen und feinen Formen und wünschte sie, fehlte aber mit ihrer Schnur. Raoul fing sie mit seiner hanfenen. Zuerst war sie erfreut, klopfte dem zitternden Tier den samtenen Hals und schien dankbar, bis sich im Weiterreiten eine Falte in ihre Stirn bohrte und sie mit einer hochmütigen Bewegung ihren Lazo ihm hinüberschnickte und mit geschärfter Stimme sagte (und verzogenen Lippen): „Sie können ihn haben. Da! Er taugt mir doch nicht mehr.“

Seit seiner Knabenzeit spürte er, wie zum erstenmal wieder rote Wallungen sein Gesicht zudeckten, er rührte keine Hand nach der Schnur, wandte, ritt davon, grußlos. Zornig. Wußte nun, daß es ein Ziel sei, sie zu besitzen, sie zu gewinnen. Gott, wie die Wunde ihn freute, die sie ihm gerissen, wie er sich freute, daß er heruntergeschmissen war von ihrem achtungsvollen Interesse, in dem alle Handlung ihm gebunden war. Nun lag alles an der Gewalt seiner Hände.

In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers aus England auf die Farm. Er hatte in New York Geschäfte gehabt und wollte den Westen sehen. Er hatte vor, zwei, drei Wochen zu bleiben, ward aber nach ein paar Tagen schwer krank. Die gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim rissen eine Stange aus dem Zaun und ritten vierundzwanzig Stunden hindurch. Dann waren sie wieder da. Auf einem dritten Pferd hatten sie den Arzt, an der Stange zwischen sich die Apotheke. Die Krankheit war jedoch nicht schlimm.

Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall. Vielleicht hatte sie auf ihn gewartet. Sie war ganz weiß und schien an ihm vorbei zu wollen. Dann blieb sie doch stehen und sagte mit einer Stimme, die so beherrscht war, daß die Verzweiflung aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten pfiff und mit einer Kälte, die kaum die Wut markierte, daß ihrer Unnahbarkeit dies zugestoßen sei: der Freiherr habe sie die Nacht angegriffen . . . Sie stockte, denn sie empfand, daß sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle. Und stotterte, daß ihr Vater zwar den Freiherrn peitschen lassen würde . . . aber . . . nein . . . das . . . sie könne es ihm nicht sagen. Raoul begriff, daß es Zorn von ihr sei gegen sich, so klein zu ihren Vater zu kommen, denn sie hielt ihren Stolz allein durch die Möglichkeit einer solchen Sache beschämt, aber er wunderte sich nicht und fragte nicht: warum sie das ihm sagen könne. Provozierte nur einen Wortwechsel, warf dem Freiherrn die Schlinge über und schleifte ihn ein Stück.

Dann erwartete er alles. Am selben Abend hörte er einen Schuß und die Kugel. Zwei Tage darauf ritt er auf ein Gebüsch zu. Es fiel ein Schuß. Die Kugel drang in den Sattel. Sie war von vorne gekommen und hatte ihm den Schenkel gestreift. Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebüsch ab, fand aber nichts.

Aber er spürte, daß ein Ende not sei. Die Nacht, ehe er nach den Weideplätzen des Freiherrn ritt, nahm er Blei und Papier und schrieb seinem Onkel, er solle ihm nicht übelnehmen, daß er heute erst dazu komme, ihm zu schreiben, er sei jedoch sehr beschäftigt gewesen und habe die unmaßgebliche Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzuführen. Er sei übrigens in Amerika, momentan wenigstens, für den Fall, daß der Präriestempel unleserlich sei. Doch sei der augenblickliche Aufenthaltsort ebenfalls unmaßgeblich. Er könne auch dem Wunsche des Onkels, etwas für ihn zu tun, womit er ihn das ganze Leben stets im Übermaß bedrängt habe, gar nicht entgegenkommen, da er leider ganz ohne Bedürfnisse sei. Vielleicht nehme er aber ihm zuliebe die kleine Mühe auf sich, bis unter das Dach zu kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem Haus befinde, dort am dritten Dachfenster aus dem großen Spinnnetz, aber ohne die Spinne zu töten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei präzisierten Wert an seinen Freund Jim zu schicken. Jim sei nämlich ein entzückender Mensch, Gourmand, und wünsche ein Hotel in der Prärie aufzutun. Woraufhin sich der Onkel vielleicht entschlösse, die Gegend einmal zu besehen. Leider werde er voraussichtlich (aber wer weiß das bestimmt!) nicht mehr dort antreffen seinen Neffen Raoul.

Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden. Wieder traf er Helen. Er hatte wegen seinem Schuß am Abend die Apotheke benutzt. Möglich, daß es ihr aufgefallen war. Sie war entschieden verlegen und hatte Ringe im braunen Gesicht. „Wohin . . .?“

Raoul machte eine undefinierbare Bewegung. Ganz ziellos und groß ins Weite.

„Vielleicht — das wollte ich sagen — reiten Sie für diesmal mein Pferd. Ich kann heute nicht reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen . . . und dann (ihre Hand erschien hinter dem Rücken) . . . dann . . . nehmen Sie etwa auch meinen Lazo mit — ?“