Raoul zögerte.

Sie: „Ich — bitte.“

Raoul ritt von der Farm. Helens Stute war das beste Pferd im Umkreis. Wie leicht ihr Lazo war!

Der Freiherr erwartete ihn unruhig. Lang umkreisten sie, einander jagend, einen großen Pferdetroß. Die Tiere schoben sich schnaubend in dicken Keilen zwischen sie. Sie konnten nicht schießen. Die Lazos peitschten die Luft. Plötzlich riß zwischen den Gäulen eine Gasse. Der Freiherr brach durch. Raoul spürte, wie ihm das Blut gleich Nadeln in die Beine strömte unter dem Druck der entsetzlich pressenden Berührung des Lazos, der seine Brust einschnürte. Wie ein Paket sauste er auf die Erde. Die Arme waren angeschnürt, er konnte sie von den Ellenbogen ab erst bewegen.

Es genügte. Eh’ der Gegner anzog, ihn zu schleifen, zielte er, stemmte das Knie hoch, schrie etwas, schoß Heinz Freiherrn von Kladern eine Kugel mitten durch den Kopf.

Dann setzte er sich auf das Gras und schlug die Beine zusammen. Das da war ein Duell im Sinne des Landes. Dieses war klar. Er wußte, was das sagen wolle, daß Helen ihm Pferd und Lazo geliehen hatte. Er würde wieder sehr reich werden. Pah! Aber Helen würde auf ihn warten, wenn er nach Süden ritte. Und sie war schön, war stolz. Und dies: er glaubte, daß er sie liebe. Aber es schien ihm, daß er dann wieder da angelangt sei, wo er ausgegangen. Kein Himmel werde seine nächtliche Lockung über ihn wölben. Der Himmel würde eine Mauer sein, fest um ihn herum gebaut. Das Leben würde nichts mehr zum Steigern für ihn haben. Er begriff in einer qualvollen Sekunde, daß er für dieses Leben und seine Ansprüche verdorben sei, weil er mit einem satten Punkt eingesetzt und mit einem Ende begonnen habe, und daß nur ein Reiz ewig und wertvoll in ihm sei: sich selbst höher zu werfen und weiter zu steigern, und er begriff, daß dies in diesen Zeitläuften nur so weiter ungebunden und von unten weiterstoßend möglich sei.

Ein Schmerz stach sich in ihn hinein in dem Erfassen, daß er über Helen hinausmüsse und ihre Liebe und seine Sehnsucht überwinden müsse. Ihre Haare, der Nacken und das Bleiche, o vor allem, das ihren Trotz und ihre Erschütterung färbte . . . Er schloß schmerzlich die Augen und hielt die Lider lange darüber. Dann erhob er sich.

Er gab der Stute einen Schlag auf die Kruppe, daß sie schnaubend allein nach Hause lief.

Er hatte einen Augenblick lang das Bewußtsein, daß er nun, wo diese Schmerzlichkeit weiter über sein Leben hinaushänge, das Alte und Schwermachende nicht mehr zu fürchten habe. Doch sogleich kamen Zweifel, ob alles dies, was so qualvoll an Zeit und Geschick zu durchrennen ist, nicht doch allein aus einer Kette von aufgerollten Schlingen bestehe, die sich ineinanderfließend wiederholten im Hochhinaufgerissenwerden und in der Müdigkeit. Aber er schüttelte sie ab.

Stemmte sich auf, fing mit Helens Lazo ein wildes Pferd, bändigte es und sprang darauf. Der Lazo war aus weißen Pferdehaaren und aus dunkelen geflochten und mit Silberringen breit geschmückt. Raoul Perten ritt nach Norden zu. Und ritt und warf plötzlich die Arme hoch, daß sie hingereckt aufwärts standen, als fasse er, sich eingliedernd, in den Schwung eines maßlosen Trapezes und ließ den Lazo in mächtig sich vollendenden Ellipsen um seine Hände fahren — — . . . und ritt auf ein Stück Himmel zu, das sich wie ein blaues Dreieck zwischen zwei Hügel hineinbohrte und über dem ein Horizont aufbrach, ungeheuer, voll Ewigkeit und in flimmernden Rotunden kreisend wie ein von Rätseln durchstochener Schild.