Dann kam die große Bude mit den „Fliegenden Menschen“, zwei Mädchen in blauen Trikots mit Silberschnüren: die eine blond und mit dem Anfang der sich wölbenden Formen, die eine sonderbare Sinnlichkeit aussprühten, und die andere mit ziselierten, knabenhaften Gliedern, schwarz, das Gesicht Toulouse Lautrecs Durchschnittsmodell (breit, gemein, verworfen) mit einem unheimlichen Gerank von Feinheit, Seele und Keuschsein darüber. An der Galerie entlang stand die Familie, sechs Menschen, und bliesen Blechinstrumente, und die Mädchen oben wiegten in das Derbe, Kommune der Straßenwalzer das Gezitter ihres Tanzes. Ihre Bude war ganz voll. Immer!

Und als Franz dem Strom entkam und wieder zurückeilte, sah er, wie Fifi, mit einem Stoß herausgedrückt, aus der leeren Baracke taumelte, rasch sich faßte und anfing zu tanzen, mühselig, müd und fein und beschwingter, als sie Franz erblickte. Nur kleine Truppen blieben stehen, die Masse strömte zu den Fliegenden Menschen.

„. . . Augenstern . . .“ rollte es von unten herauf.

Es war spät geworden. Die Orgel schloß. Fifi verbeugte sich. Der Athlet rief den Beginn der Vorstellung aus. „Soeben Beginn . . .“ rief er und schnalzte. Aber niemand stieg auf. Er schrie. Niemand. Da ging er, von der Leere beschämt, verlegen einmal über das Podium, verschwand ins Innere, lauerte bis die Gruppe sich ganz verlaufen hatte und trat wieder vor. Fifi schlich wieder heraus. Wie eine große Spinne hing der Herkulische auf seinem Podium. Franz stand beiseite, beobachtend, den Kopf schief aufgelegt. Und wie eine Truppe nahte, fing der oben an, Schlüpfriges zu reden, ein Wink, die Orgel: Fifi . . .

Die Leute hielten, schoben ab, es wurde später, das Gesicht des Alten rötete sich, er suchte die Uhr. Immer wieder verschwand Fifi, immer begann der Spektakel, rascher, hastiger wandelte Szene auf Szene: das Greifen und Locken nach spärlichen Passanten, das Weitergehen, das Versinken Fifis und die bleierne Schwere ihres Tanzes, angezündet manchmal und heftiger im Erblicken von Franz. Dann ward es zehn Uhr. Polizei drängte mit Seilen vor, die Pfeife des Dampfwerkes heulte, die Menge lief ab.

Über den leeren Platz, durch einen schmalen Gang, den Schutzleute freihielten, und um den Gruppen Neugieriger standen, kamen nun die Artisten, zum Teil mit Mänteln, die sie über das Bunte und den Flitter gehängt hatten und die so zwischen den Angestellten, den lichtlosen Buden und mit ihren andersgewordenen Gebärden plötzlich desillusionierend und doch noch von dem erregenden Arom ihrer Gewerblichkeit umwittert, in die Straße hineinströmten. Zuerst kamen großspurig und in der starken Lüge der hohen bespornten Lederschuhe sich wiegend, die Cowboys aus Dresden und Garmisch.

Ihre Sombreros hingen im Genick. Die Hand stak in der Revolvertasche, so daß Dienstmädchen erschauerten und in Knaben dramatische Perspektiven sich loslösten.

Hinter der bewußten Brutalität der Ringkämpfertruppe mit dem haarlosen Bär schritt die Besatzung der Schießbude links ganz hinten. Sie hatten alle halblange Röcke an und Kleider, welche schöne und zierliche kleine Blumenmuster trugen, im pfingstlichen Stil mancher Bauernkattune, und wie sie, zu zweien links und rechts der ebenso gekleideten und schön aufrechten Mutter eingehängt, die Köpfe gebeugt, zierlich zu ihrem Wagen trippelten, erschienen sie wie eine Porzellangruppe aus einer kleinen, bürgerlich-graziösen, deutschen Manufaktur.

Dann: Leere . . . und Fifi . . . Schmal, doch köstlich in einen gelben Gummimantel gehüllt, fröstelnd, den Platz mit Adel ausfüllend, kam sie auf den Ausgang zu. Mit der dünnen linken Hand krampfte sie den Kragen über die Brust vor dem Hals zu wie mit einer weißen Agraffe. Die Lippen waren rot und merkwürdig wie mit feinem Lack auf das bleiche Gesicht aufgetragen. Sie stieß kurz vor der Straße mit den anderen zusammen. Die Alte trug einen Milcheimer. Der Herkulische schlappte unangenehm her, schrie ihr etwas zu, Lydia — ein dickes aufgeschwollenes Tier — ging idiotisch, faul nebenher, ohne Umhang in grünen Samthosen. Lizzy lachte mit allen Herren. Mit gierigen Augen schloß sich der Mexikaner von den Krokodilen Fifi auf der anderen Seite an, daß sie zwischen ihm und dem Athleten um so reiner erschien.

Schräg auf der Holztreppe, die in den großen gelben Wagen hineinlief, in dem sie wohnten, wandte Fifi den Kopf und sah somnambul verklärt nach der Stelle, an der Franz stand (den sie nicht — dies war auffallend und seltsam zugleich — gesehen haben konnte) mit dem Bruchteil eines Lächelns, während der Mexikaner in lüsternem Scherz sie, mit auf ihre Hüften aufgesetzten Händen, ins Innere drängte.