Worauf sie mit schmerzlichem Aufziehen der Achseln reagierte.
Später glitt der Mexikaner aus dem Wagen. Eine Zigarette drehend, mit der Eleganz des Romanen alle Glieder bewegend, schlenderte er zur Artistenschenke. Franz, der noch lange den Wagen umkreiste, sah Licht aus den schmalen Luken dringen und hörte keifende Stimmen das Innere des Raumes hin und her zerreißen. Dann nahten mit schwerem, gleichabgetöntem Schritt die Patrouillen.
Es ward spät.
Er ging.
Alle Tage tanzte Fifi. Es war kühler geworden. Ungeheuer gewölbt spannte sich der Himmel. Sinnlose Monde stiegen über die Nächte hin. Franz sah sich aus allen Beziehungen zu Welt, Gesellschaft und Dingen herausgerissen und in die Aura dieses Tanzes mit allen auffassenden Fiebern hineingerissen. Bei den „Fliegenden Menschen“ stieg täglich der Kassensturm und die Sensation. Der „Orient“ verdiente gut an reiferen Herren. „Paris“ brachte es von 8—10 abends manchmal nur auf eine Vorstellung. In den Pausen tanzte Fifi. Der Alte winkte, schrie, ward gieriger, je später die Zeit hinlief. Verkündigte Anfang der Vorstellung, er öffnete die Vorhänge, Fifi tänzelte ins Innere. Niemand kam. Manchmal vielleicht zwei Herren. Und dann packte der Alte Fifi mit seiner Tatze an der Schulter und schleuderte sie hinaus. Die Orgel hob an, Fifi erhob die Füße, hinten der blaue Horizont der Draperien gab ihren Bewegungen Haltung und Relief, und die müden Schwingungen ihrer Arme und Beine waren wie das kurze Geflatter einer Libelle, die, in der Luft anhaltend, über einem schönen Gewässer erblitzt. Langsam im Fortschreiten des Abends wurden ihre Gesten müder, von einer schmerzlichen, bleihaften Schwere überhaucht. Franz hörte das Pfeifen ihres Atems. Und wenn sie, leicht gerötet die Wangen, schloß, fiel die Kühle des Herbstes auf ihren Schweiß.
Einige Tage blieb Franz an der Peripherie des Zuschauens von Mitleid und schmerzlicher Bewunderung angefüllt. Manchmal schien es, als müsse der nächste Pas sie stürzen, in sich zusammensinken lassen. Doch sie blieb. Ihm aber widerstrebte es, auf diese leichte Weise an sie heranzukommen, die unter den Augen des klebrigen Athleten oder mit dem Beigeschmack der gewohnten leichterotischen Anknüpfung sich vollziehen mußte. Er fühlte, daß er Inhalte in sich trüge, die in ihrem Wesen auf dieses Kind abgestimmt seien, und die Schwere dieses Bewußtseins nahm ihm den Mut zur Leichtigkeit. Ihre Blicke trafen sich hin und wieder — nicht oft — aber in einem berückenden, außerweltlichen Zusammenhang.
Sie waren schon tief ineinander eingewöhnt, als sie ihre Stimmen noch nicht kannten.
Dann kam jener Abend. Donnerstags.
Es war ein schöner Abend, mit bunter Kühle, sternhart, der Park voll gärendem Geräusch. Er zog sich wie ein Strom durch die Stadt, englisch, überdunkelt und alt im Sommer, winters bereift, immer schön. Die Lichtgurte ganzer Grenzstraßen warfen sich in ihn hinein, schimmerten im kleinen Teich, aber er gab kein Dunkel wieder zurück. Nahm alles auf mit großer, tiefer Selbstverständlichkeit. Stand geborgen, bergend, unberührbar, geschlossener Komplex von Vornehmheit, asylhaft wie ein Zentrum, um das die Stadt mit Geleucht rotierte. Donnerstag abends . . .
Es war schön.