Zwischen sieben und acht, genauer: Eine Uhr im Schloß hakte ein: Fünf Minuten bis halb acht Uhr! Franz ging langsam zur Messe, die acht Uhr begann, die vorher um sieben aufgehört hatte: Zeit, in der die Artisten aßen. Seine Gedanken gingen langsam, gemächlich, nichts erwartend, ohne Tatkraft um das innerlich abgespiegelte Bild von Fifis Tanz sich bewegend, Erklärungen ersinnend, von einer leisen Sehnsucht aufgelockert und beschwingt gemacht. Da knirschte es, und noch ehe ihm durch sein Geträum das Bewußtsein heftiger Schritte und haschender Bewegungen ins Gedächtnis stieß, hieb mit einem unendlich scharfen Akzent ein Schrei in ihn hinein, warf ihn herum. Er lief über ein Grasrondell, stolperte, stieß an ein Gitter, sprang darüber. Sein Hut war verloren, der Ärmel geschlitzt, seine Brust zitterte. Er stürmte um ein eingezäuntes Denkmal, mußte umkehren, lief in einen dunklen Weg, packte einen Mann am Genick und schmiß ihn zurück, daß sein Körper krachend an die Stakete knallte und an ihnen wie eine dumpfe Masse niedersank. Hinten im Weg leuchtete der rote Kopf einer Zigarette auf, bewegte sich her. Neben ihm selbst stand Fifi, die Arme noch schräg aufgehoben, die Augen ganz groß in der Form und schalenhaft, in die nun plötzlich ein beinahe bläulich erglänzendes Licht floß. Zwei schimmernde Kreise, standen die Augen in ihrem Gesicht.
Und so die Hände haltend, ungeschickt, doch ganz sich in der Geste erfüllend, tat sie einen unnennbar müden und langsamen Schritt auf ihn zu, das Gesicht transparent, mit zwei schimmernden Hostien. In diesem Augenblick lief das Geknatter rasch folgender Schüsse neben ihnen hin, und wie sie umschauten, war es nur noch Fifi, die sah: sah, wie Franz dem Hingesunkenen den Revolver aus den Fingern riß, ihm den Kolben gegen die Schläfe hämmerte und ganz groß auf sie, die zitternd harrte, zuging.
Doch ehe er sie erreichte, war die Zigarette heraufgekommen, zwischen sie gesprungen und löste die Luftströme los, die zwischen ihnen liefen.
Es war der Mexikaner. Er fragte rasch, schrie es: „Verletzt?“ Franz zeigte den Revolver; er deutete auf den Klumpen am Gitter. Der Mexikaner riß sein Gesicht in Falten, fauchte, trat dem Klumpen in den Bauch, schnippte das Bein hoch, daß der Körper herumfiel, senkte seinen Kopf dicht neben den Liegenden und sog heftig an der Zigarette, daß ein roter Kreis auf die Erde fiel, in dem mitten ein asketisches, von vielen Narben und Stichwunden durchbohrtes Gesicht auftauchte.
„Der Fakir,“ . . . schäumte der Mexikaner. „Man sollte ihn peitschen“, . . . und fing an, ihn mit den Füßen zu bearbeiten. Wie Franz ihn hinderte, fiel sein Blick auf Fifi.
Sie war ganz verändert. Ihr Gesicht war wie ein weißer Fels, über den in zuckhaft raschen Stößen rote Wallungen strömten. Blitzhaft wechselten Hell und Rot und drohten, den Hals zu sprengen.
Und während sie wieder auf Franz zuging, als trüge sie alles gegen ihn, zitterte ein Klang, rauh, gegenströmend, in ihrer Kehle auf, und wie alle Glieder zu ihm drängten, hielt sie ein Schluchzen zurück; sie warf den Kopf zur Seite, gewaltige Erschütterungen lösten sich aus, und gleich einer Verurteilten ließ sie sich gegen den Mexikaner fallen, der sie verwirrt aufnahm, der nach Franz schaute, wieder auf sie, maßlos erregt und erstaunt schien. Dann plötzlich, aber mit unverstehender Achselbewegung seinen Mund auf ihren warf und in langem Kusse sie wegzog.
Franz stand noch eine Weile.
Dann drehte er um.
Hinter ihm stand der Fakir. Er bat um seinen Revolver. Er sagte es englisch.