Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte der Störung nachgehen, die Weinende, deren heftige Andacht sich über jene der anderen Gläubigen übermäßig und sie gering machend auftürmte, beruhigen, sie hinausweisen . . . aber er blieb wie gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen und nicht begreifendes Wunderbare über sein wenig gescheites Gesicht gestreut, wie hingewiesen und in diese Position gebannt von dem seltsamen Geläute dieser Stimme.
Aus dem klaren und in langen tönenden Linien verschwebenden Glanz ihrer Sätze aber lief in verströmenden Untertönen ihre Qual. Und ihr Gebet begann mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers im gelben Wagen, das ganz ausgefüllt ward von dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen mußten: Sie und Lydia und Lizzy, genannt Luise. Und wo ihr Körper hinausgestoßen liege auf die äußerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das alles sei wenig und tief im Herzen sehr gering gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an dem der Alte den Teller, voll von heißer Suppe, ihr auf die Brust warf, als sie beten wollte nach einer durchquälten Nacht. Und so in dem Gedanken daran sprangen alle Ventile der Angst und Unterdrückung weit auf, und in einem köstlichen und befreienden Erguß strahlte sich ihr verjochtes Leben heraus, wie eine lang im Tiefen der Rohre. gehaltene Fontäne sich in einen späten Sommerabend mit starker und doch resignierter Kurve erhebt. Und in ihren Worten glommen die Namen der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den letzten Tagen ein hin und her gerissenes Spiel war: Franz und der Mexikaner, den sie Partufa nannte. Und der Klang ihrer Stimme sank etwas zurück in der schmerzlichen Erinnerung der Abende, an denen jener bei ihnen eindrang, begrüßt vom entsetzlichen Gelächter Luises, den tierisch und röter aufblinkenden Augen Lydias und ausgezeichnet durch das indolente Nichtbeachten des Alten, in dessen schmierigen Beutel die Hälfte von dem floß, was die Krokodile einbrachten. Indem sie den Kopf im höchsten Schmerz tiefer senkte, dachte sie an das Gefletsch und den Schaum um den Mund des Partufa, wenn er sich von Lydia und Luise wegwandte zu ihr, die, den Kopf gegen die Wand gedreht, dieses nicht sehen wollte und wie sie kalt blieb und im Gebet sich beruhigend, wenn die anderen Mädchen (o über Lizzys Gelächter und schmutzige Reden!) sie bewegen wollten, auch diese Dinge nur anzusehen . . . und wie Lydia aus Wut sie eine ganze Nacht hindurch mit Nadeln stach. — Doch ihre Silben mäßigten sich wieder zu einem verklärten Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stieß, den mit dem gütigen Gesicht und den Sonnenaugen, und sie dankte Gott tief und herrlich errötend für die Nächte, die er im Traum diese Augen über ihren Schlaf wie hütende Gestirne verteilte und so die Nächte zu einem Berg erhob, den kein Schmerz und keine Demütigung des Tages berennen konnte. Und wieder und immer wieder dankte Fifi dafür, daß der Herr ihn, Franz, den Gütigen in ihre Not sandte, damals, wie der Fakir im Park sie überfiel, um dann wie vor einer Mauer und endlos erregt vor dem Wunder stehen zu bleiben (während ihre Stimme fast erlöschte), wie sie damals plötzlich und wie von einer Macht, die aus ihr selbst heraus allen ihren Wünschen entgegenströmte, sich in den Arm des Mexikaners warf und die kalte Übelkeit seiner Lippen auf den ihren fühlte und den anderen stehen ließ, gleich einer begnadeten Heimat, die man verläßt für immer, und deren letzte Feuer, hoffnungslos für den Ziehenden, langsam am Ufer verbrennen. Und sie sann mit flackernden Worten über den Sinn dieses Ereignisses und die Ursache dessen, was einen Menschen zwingen kann, die höchste, nie erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu lassen . . . nein . . . nicht nur dieses: sie zu verschmähen — o vieles mehr — sie zu höhnen und zu begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem strengsten Schmerz. Und wie sie sich forschend, weinend, in Verzweiflungen wälzend um diese Fragen wand, erschien es ihr, als ob es eine Angst vielleicht oder ganz gewiß gewesen sei, die sie vor dem plötzlichen Glück überwältigt und ein Unbesonnenes hatte tun lassen, und sie schrie auf, wie sie dieses Entsetzliche — sich selbst in den Armen des Partufa — erblickte. Aber dann kam es ihr, daß es nicht die Angst gewesen sei. Sie erkannte etwas, das einer Schuld ähnelte, in ihrer Brust und glaubte nun betend und es so versichernd, daß es Trotz gewesen sei, nicht Angst; daß es Aufbäumen gewesen sei aus der allzu großen Tiefe dieses vergangenen Lebens vor der plötzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive jener höchsten Erfüllungen. Aus diesen hin und zurück schwankenden Gefühlen brach dann der Haß gegen den Mexikaner hervor, und nachdem sie in schrillen und ekstatischen Rufen ihn hervorgestoßen hatte, fiel sie wieder in ein beruhigtes Beten zurück, fühlte, wie diese gläubige Erschöpfung sie umfaßte, welche all diesen Entladungen zu folgen pflegt und lag dann eine Zeitlang ausgestreckt auf den Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten, im Glauben, daß sie ohnmächtig sei. Da sprang sie auf und eilte durch Straßen und Park zur Messe. Sie kam zu spät. Der Alte trat ihr mit dem Fuß in den Bauch.
Aber sie spürte es nicht.
Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, groß, vorwurfsvoll, in Tragik und Schmerz vertieft und einem brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie Franz, der heute wieder unter dem Publikum stand.
Sie tanzte schöner, fühlte, wie eine Süße den Leib ihr hinanstieg, alles löste und ihren Augen Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um den starren Blick des da unten frei und klar wieder zu machen, und all ihr Sinnen stand danach, die Güte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender Glaube überfiel sie, daß der noch so sehr Enttäuschte und Erstaunte nun alles begreifen müsse: daß es zuviel gewesen sei für sie damals, daß sie ängstlich, trotzig vor dem Schicksal gewesen sei. All dieses tanzte sie nun. Und sah in seine Pupillen und lauschte auf Wirkung, wie einer an Abenden hinter der Ebene den Mond über dem Strich der Wälder sucht. Sie glaubte nicht mehr, daß alles verloren sei, wieder überbrandete sie die absolute Zuversicht, jener da unten begreife allmählich, was, als alles zu ihm allein zog, sie auf die andere Seite warf. Sie fühlte, wie jene Schauer des Glücks, das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie wie eine Keule überfiel, nun in langsamen Zügen wiederum in sie einzogen.
Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen Glauben hinein, der sie erschimmern machte, aber noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah dies nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte) kalt und hart.
Eine erdrückende Luft schob über den Platz, gleich Wellen stießen die Anstürme der Menschen gegen die Wände der Buden. Alle Baracken hatten heut eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons stiegen in die Höhe. Das spitze Geknatter von den Schießbuden, das Gedudel der Karusselle und das Geschrei übertönte das Geblitz der Revolver und das Stampfen und Pfeifen der Maschinen
Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden groß und erzählten alles, was sie wußte noch von der dumpfen Dämmerung einer Wiese, die irgendwo in ihrem Hirn aus der Kinderzeit brütete bis zu der Liebe zu ihm, dem Gütigen. Sie riefen um Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen, das sie deutlich erstrahlen zu sehen glaubte, und dankten ihm.
Aber er verstand sie nicht.
Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewölbten Bogen, ihre Hände schienen etwas zu glätten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden immer linder, ihr Gesicht ward durchsichtiger und kleiner, die Beine hatten ein Tempo der größten Ekstase erreicht, ohne daß sie etwas zu merken schien. Dann fielen sie langsam in einen dumpferen Rhythmus, die Blicke strahlten überirdischer, ein leises Lächeln zog dankend für seine Güte nach seinem immer noch unbewegten Gesicht, in das sie viele Wunder hineinschaute . . . und so tanzend, geklärt und eine merkwürdige Leisheit erregend, die kurz eine Sekunde sich über den Platz verteilte, losch sie, während die Rohre der Dampfmaschine plötzlich lautlos Säulen weißen Dampfes gegen den Himmel stießen und ein großes Haus hinter dem Platz wie grundlos von einer hellen Strahlung mächtig aus dem Dunkel herausgerissen aufflammte . . . losch sie, sich in sich selbst verströmend, tanzend, zusammensinkend, hin wie ein seltsames und gutes Licht.