Er hob die Achseln: „Casas . . . toll . . . Aufschwung . . . ziellos ehrgeizig . . . jung, jung! — —“ Quijadas Stimme klang kühl, klang gerecht. Er fuhr fort, in dieser Weise zu reden. Sie fühlte wie Verwundungen, daß er grausam sprach. Sie unterbrach ihn einmal höhnisch: „Neid.“ Er schüttelte nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den Widersinn seiner Worte in der Auslösung in ihr selbst, denn es waren Schmerzen, die ihr nicht wehe taten. Und sie erstaunte, was das sei. Und haßte ihn nicht darum. Seine Form war unendlich häßlich in der Wirkung, aber scharf und zergliedernd und langsam überlegt. Wie er Schlechtes über Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen auf das unerträgliche Heiß ihrer Haut legten und irgendwas Luft ihr einblase, die wohltuend in sie ströme, wo sie am Ersticken war.

Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an, daß er schweige, weil sie plötzlich begriff, daß seine Stimme Macht über sie bekam. Doch er fühlte in der Schärfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der klare und starre Intellekt seiner Worte überschwemmte sie. Sie fühlte in einer wohligen Apathie, wie er das Heiße, das Begeisterte und das ungenau, aber groß Aufstrebende in ihr wie zwischen zwei Fingern langsam zerquetschte und Las Casas’ Wollen so lange auseinanderlegte, zeigte und verschieden beleuchtete, bis seine Silhouette klein vor seinen Worten stand und er phantastisch und dumm erschien. Und weil sie sich niedrig vorkam und beschämt in der Schwankung der Ereignisse und sich das Bewußtsein dahinein verstrickte, daß sie die höchste Sensation ihrer Liebe dem Effekt einer Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen und Wandlungen dieser Dinge, zürnte sie Quijada nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine Wollust der Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete. Sie hörte ihm gern zu.

Als sie ihn plötzlich von der Seite ansah, merkte sie, wie sehr blond er war, und sie zwang sich, daß es ihr gefiel. — — — — — — — — — — — — —

Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei gelbe Segel kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander zu und schnitten sich wie zwei Säbel. Dann kam eine Barchette mit singenden Sklaven vorüber. Ein Vogel schoß hell vor dem Blau herunter auf das Wasser . . .

Da wandte sich Juana zurück, und eine Scham ergriff sie leicht über die Worte und Gedanken des Tags vorher wie über eine geheime und später sich mit Trauer mischende Lust, und sie legte die Hände vor das Gesicht . . . und tat sie rasch hinweg, daß ihre Blicke groß gegen den ungeheueren Horizont schlugen . . . und da empfand sie deutlich wieder, in dieser Minute, daß dieser, daß er trotz allem „O Las Casas!“ dessen Ehrgeiz an fremden Küsten wie eine heiße Linie hinsause, tiefer in ihr Blut brenne als alles, was an sie herankam. Sie dachte an Quijada, und es schien ihr jetzt, als sei er nur wie ein Spiegel, der den Glanz eines allzu heftigen Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre.

Später kam Quijada. Er sprach wieder über Las Casas. Er sprach nie über sich oder über sie. Aber da die Verwechslung aller Gefühlsstationen in der Beziehung auf das eigene Ich ganz und allein Wesen und Eigenes der Frau ist und weil sie immer dies vertauschen: Daß, was heute, wie das Verschmähen ihres Besitzes um einer Tat willen, sie bis zu den äußersten Grenzen der Idee entflammt, ihnen beim ersten Hemmnis oder bitteren Wort eine Nichtachtung des Bluts erscheint — und wie sie nur aus gekränktem Eros heraus denken können und tun . . . so empfinden sie, unbewußt vielleicht, vielleicht oft, immer — es ist möglich und einerlei — den Haß des Mannes auf den Mann als Liebe zur Frau. O wie die Frauen über alles umronnen stehn von ihrem Blut!

Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas Grausamkeit gegen diesen lockte ihr Blut. Seine Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz, der (es schien ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an.

Einige Tage darauf gingen sie in den königlichen Gärten.

Von unten herauf kam ein Offizier in Gala, grüßte und ging nach dem Palast.

„Las Casas . . .?“