Tim Porker solle das Maul halten, bei Gott. Und wenn sie morgen früh einen Tunnel nach seinen Stiefeln machen müßten durch den Schnee, die Stiefel blieben draus.
Ein glühender Tag sei es gewesen, hinten am Gebirg, der plötzlich wie ein Signal an der Eisenbahnstrecke, die Yup drei Tage von hier kreuzen müsse — also der wie ein Signal umgeklappt sei in eine stechend kühle Nacht. Sie hatten auf dem heißen Felsen gelegen. Die Knochen hätten gebrannt, das Hirn geglüht, aber sie hätten gefroren. Der Schein des Feuers wäre die Felswand hinaufgeklettert, aus der sternüberhängten Nacht hätte ein Fuchs gebellt, spitz und lang auslaufend. Manchmal. Da habe Yup sich aufgesetzt und ihm erzählt, warum er nichts hören könne vom Wetten. Manches habe er schon früher geahnt, denn Yup habe dies schon angedeutet und jenes. Yup habe ihm aber auch erzählt, warum er nicht verheiratet sei trotz dem Ring an seinem Finger. Yup habe ihm alles erzählt. So:
„Er war fünfundzwanzig Jahre, Yup Scottens, und hatte ein schönes Geschäft. Es war seine Erfindung, auf Emailleschilder eine grüne Schrift anzubringen, die abends leuchtete. Die Fabrik lief famos. Yup bastelte an neuen Erfindungen, ritt, spielte und hatte einen Klub. In dem Klub waren Leute, ähnlich wie er. Seht ihr, sie hatten lackierte Schuhe an den Füßen — ich sehe dich nicht an, Tim Porker —, aber sonst waren sie wie wir, hatten knackende Muskeln, legten im Box einen Professionell säuberlich in eine Ecke hin, fuhren sechs Tage, immer verfolgt im Auto, mit einer fremden Frau durch die ganzen Staaten. Sie trafen sich allabendlich, und keiner wußte anders, als daß sie zusammengehörten, einer zum nächsten, jeder zum andern, sich herausbeißen würden und ginge der letzte Zahn zum Teufel, immerfort, daß sie beisammen bleiben müßten. Stets.
Nun lernte Yup eine Miß kennen, die Laura hieß. Ein komischer Name — aber er verliebte sich in sie. Niemand hatte daran gedacht, denn sonst ging er Frauenzimmern aus dem Wege, selbst bei Abenteuern; trotzdem er den Weibern gefiel — er sagte es nicht —, aber er besaß früher eine volle Brust, ich sah es, und schöne Beine. Jetzt allerdings, ja, jetzt sind sie nach innen gebogen und haben die Linien der Pferdeweichen. Verflucht, Kinder, Yup hatte gerade Beine, jetzt aber sind sie krumm, weil Yup ein Cowboy ist.
Yup sagte mir nicht, wie er sie kennen lernte, ist auch egal. Hat ein wenig gestottert und mit einem glimmenden Holz herumgestochert. Ich habe weggeschaut, denn er hat sich, glaub ich, geschämt. Ihr begreift das nicht, kann euch auch einerlei sein. Ich habe einen Stein nach einem Fuchs geschmissen, der Bogen um uns lief, und dann ein paarmal geknallt.
Yup Scottens verlobte sich nun mit Miß Laura und ging alle freie Zeit zu ihr. Die anderen begriffen das nicht. Sie hatten das Gefühl, als sei etwas aus ihnen herausgebrochen. Das war Yup Scottens. Sie versuchten ihn wieder zu bekommen. Aber er erschien nur noch selten. Dann erzählte er von den Haaren der Miß Laura. Das war ihnen langweilig, begreiflicherweise.
Da sprach eines Abends, wie Yup da war, einer von dem neuen Postzug, der über tausend Meilen laufe von Morgen bis Sonnenuntergang. Man hatte die eigenartigsten Sicherungen angebracht, um Anschläge und Überfälle zu vermeiden. Patentschlösser wie Signalschellen nach den verschiedenen Waggons und gleichzeitig zu den Stationen rückwärts und voraus schnitten Diebstähle ab. Das Personal kontrollierte sich selbst mit Stechuhren . . . Jeder kannte andere Schwierigkeiten. Einige widersprachen und sagten, Eingriffe seien doch möglich. Nun stand einer auf und erklärte, daß es unmöglich sei, überhaupt an den Zug heranzukommen, da er die ganze Strecke laufe ohne Anhalt. Von früh morgens bis abends ohne Station. Blinde Passagiere seien bei dieser Kontrolle ausgeschlossen. Nun standen sofort zwei Parteien gegenüber. Yup schrie natürlich mit denen, die behaupteten, man könne blind fahren. Man drängte zum Austrag, einige schlugen Wetten vor. Plötzlich ward es stiller. Nur Yup schrie noch. Innerlich dachte er nicht daran, es zu tun, was er in der Möglichkeit der Ausführung verteidigte. Einige versuchten, ihn auf seine Behauptungen festzunageln. Yup lacht noch scherzend. Da fiel wo das Wort „verlobt“. Und mit einem Male stand wie eine Fahnenstange aufgerichtet die Tatsache da, daß Yup fahren würde. Daß er die tausend Meilen fahren werde als blinder Passagier gegen den simplen Einsatz von hundert Dollars. Mehr als dreihundert war die Strafe, wenn man ihn erwischte, und einige Tage Gefängnis dazu.
Yup Scottens ging den Abend zu Miß Laura, küßte sie auf das Haar und dann auf die Augen und sagte ihr, daß er am Morgen mit dem Zug verreisen müsse für ein paar Tage. Dann schlief er auf seinem Sofa ein wenig, bis die anderen kamen. Sie machten aus, daß einer in dem Expreß, der dem Postzug in kurzem Abstand folgte, nachfahren solle. Hatte Yup die Endstation erreicht, ohne gesehen zu sein, und den Zug ebenso verlassen, hatte er gewonnen.
In der Dämmerung gingen sie an sechzig Meter von der Station am Gleise entlang und legten sich hin. Yup kauerte sich etwas weiter an den Damm und legte das Ohr auf die Erde. Ganz langsam wickelte der Zug, der sehr groß war und den drei Lokomotiven zogen, sich aus der Halle und setzte gerade bei Yup die erste Geschwindigkeit ein. Yup hatte seinen Rock ausgezogen, um freie Arme zu haben. Yup trug damals noch einen Rock, aus dem ein Stück blitzendes Hemd herausschaute mit Knöpfen drin, wie ihr es bei den Herren seht, wenn wir im September zur Kommission hinunterreiten. Er warf ihn dem Partner zu, der ihn im Expreß verfolgte, und griff fest nach dem Ende eines Wagentrittbretts. Dann machte er eine Drehung und saß darauf. Der Zug raste bald, Yup hing am Brett, dann legte er sich längs auf den Bauch, aber trotzdem blies ihn der Wind fast herunter. Er sah, daß er so nicht bleiben könnte. Später würde der Zug noch rascher fahren, in einer halben Stunde würde es hell sein und von jeder Station würde er signalisiert werden. Stöhnend und ohne Atem vor Wind schob er sich vor. Er preßte sich fest auf das Holz. Keine Muskel durfte nachlassen. Das Gesicht strich, während er vorwärts kroch, den Schmutz von dem Trittbrett, ein Splitter stach ihn in die Wange. Plötzlich wurde der Zug in eine Kurve hineingerissen, und Yup flog nach vorn, die Beine fielen seitlings herunter, blieben aber auf einem Reifrahmen stehen. Den Augenblick benutzte er, einen der Bügel am Ende des Waggons zu fassen und sich anzuklammern. Die Beine ließ er los und schwebte sekundenlang an den Armen zwischen zwei Wagen, den Körper mühsam angezogen. Er schnellte einige Male mit den Füßen nach den Puffern, bis er sie erreichte, griff mit den Händen nach und stand nun auf der Kuppelung zwischen zwei der langgestreckten Waggons. Der Wind belästigte ihn nicht mehr.
Rechts und links waren an den Wagenseiten ovale Haken, die dazu dienten, die Züge heranzuziehen. Er steckte die Arme hindurch, daß die Ringe, ihn haltend, in den Achseln saßen, mit den Füßen stand er auf den Puffern. Der Zug lief hundertzwanzig Kilometer die Stunde. Yup dachte, es die zwölf Stunden schon auszuhalten.