Yup hatte sehr viel Kautabak mitgenommen und kaute stundenlang. Mählich fühlte er aber, wie das Blut ihm in den Armen stockte und ein Schmerz ihn in den Rücken stach. Doch er kaute weiter. In der Nähe der Stationen zog er den einen Arm aus dem Ring und bückte sich ein wenig, als schaue er nach der Federung des Wagens. Dann sah er jedesmal, wie längs dem Wagen hinter ihm eine große Gabel vorschoß und die Postsäcke, die wie an Galgen hingen, packte und einzog. Nie hielt der Zug.
Gegen Mittag merkte Yup, wie ihm die Augen zuklappten. Er trat von einem Fuß auf den anderen, er stampfte auf, bog sich in den Kniekehlen — langsam fielen die Augen zu. Nun stieg Wut in ihm auf. Aber der Schlaf war stärker als er, Yup fühlte es genau. Wenn er einschlief, fiel er herunter, das wußte er. Ganz zuletzt, schon halb bewußtlos, fiel ihm ein Ausweg ein. Er löste seinen Gürtel und knotete damit mühselig eine Fessel um die Hände, nachdem er die Arme durch die Ringe gesteckt hatte, Jetzt konnte er unmöglich mehr abstürzen und schlief ein.
Manchmal wurde er wach, dann schlief er wieder. Es wurde kühler. Ein Druck, als hätte er blutige Ränder um die Schultern, zwang ihn endgültig aufzusehen. Auch im Genick fühlte er nun Schmerzen. Sofort fing er an, mit den Beinen aufzutreten. Er atmete auf, als es ging, wenn auch schwer. Doch die Bewegungsmöglichkeit der Arme schien ganz gehemmt. Eine Stunde, noch länger, wippte er mit den Achseln auf und ab, hob sich auf die Zehenspitzen aus der Spannung der Ringe heraus und wieder zurück. Endlich merkte er, daß Blut wieder sickernd und schwach den Oberarm hinunterfloß. Es war höchste Zeit. Mühselig löste er den Riemen von den Handgelenken, als er die Finger einigermaßen wieder bewegen konnte.
Es war wirklich höchste Zeit, Boys! Denn es war Abend. Denkt an den Indianer, der den Büffel, auf dessen Rücken geschnürt er hinausgetrieben war, qualvoll geblendet und, die Finger in seine Nüstern vergraben, tagelang erdrosselt hatte — und den wir schier verhungert an den Hügeln fanden . . . so ähnlich ging es Yup. Der Zug raste. Die Lokomotiven wurden im Fahren gewechselt.
Endlich, endlich pfiff die vorderste Lokomotive. Die beiden anderen folgten. Der Zug lief langsam. Er stand. Endlich stand er.
Yup ließ sich herunterfallen. Voll Öl und Schmutz, schwarz, blutend im Gesicht, schien er ein Heizer. Er sah schon lange nichts mehr, die Augen brannten scharf, er fühlte nur ein heftiges Zucken im Kopf. Trotzdem ging er mechanisch in das Restaurant, setzte sich auf eine Bank und spie seinen Kautabak aus. Dann erst fiel er um.
Drei Tage schlief er im Lazarett. Am vierten ließ er nach dem Partner aus dem Expreß fragen. Er hatte ihn noch nicht besucht. Ärgerlich, daß er nicht zu finden war, telegraphierte Yup nach Geld und fuhr am fünften zurück — mit einem Elektrisierapparat, den er jede halbe Stunde an seine Schultern setzte.
Er schellte am Hause seiner Braut, der er telegraphiert hatte. Die Verwandten prallten zurück. Das Mädchen lief fort und schrie. Man war verlegen. Plötzlich brach die Mutter der Braut in wildes Weinen aus. Nun sprach sie leis, aber es schlug grausam auf Yup herunter.
Der Expreß war entgleist. Eine Weiche war herumgeworfen worden, aber sie hatte zu spät funktioniert. Der Postzug, dem natürlich der Anschlag galt, war schon vorbei, der folgende Expreß sauste die Böschung hinunter. Unter den halbverbrannten Leichen ward eine als die von Yup Scottens nach einer aufgefundenen Brieftasche legitimiert. Es war Yups Partner, der Yups Rock trug. Der Telegraph brauste, die Namen der Toten standen an allen Mauern. Währenddem schlief Yup, mit gefesselten Händen zwischen den Wagen, hängend wie ein Sack. Miß Laura war nicht ohnmächtig geworden, als sie hörte, Yup sei tot. Aber sie sprach nichts mehr. Sie erkannte niemand mehr. Auch Yup nicht, als er zu ihr sprach.
Yup streichelte sie und sagte zu ihr, daß er Yup sei. Vielemal erzählte er ihr alles. Er erklärte ihr den Irrtum. Dann ging er tagelang weg, als sie sich nicht rührte, und brütete und wollte sich töten. Denn Yup spürte, daß er schuld sei. Hätte er ihr erzählt, wie es wahr war, von der Wette (Laura hätte ihn lächelnd gewähren lassen, so bitter sie nach seiner Abfahrt geweint hätte, aber er wollte ihr keinen Kummer machen), hätte Laura gewußt, daß die Nachricht von seinem Tod irgendwie ein Irrtum sein müsse. So hatte durch seine Unaufrichtigkeit sie das überganglose Begreifen des Verlustes wie eine Faust mitten in ihr Gesicht getroffen. Yup dachte aber auch, daß er nicht hätte zu wetten brauchen, daß er es wegen Laura vielleicht nicht hätte tun dürfen (darüber war er sich allerdings nicht ganz klar, denn Laura hatte ihn immer angehalten, den Instinkten seiner Kraft nachzugehen, wohl weil sie fühlte, daß ein Versagen ihn dumpf auf die Dauer und ungleichmäßig ihr gegenüber machen würde), und er fühlte, indem er überlegte, daß er nur gewettet hatte, weil einer wegen seiner Verlobung seinen Mut bezweifelt hatte. „Verlobt“, hatte einer gerufen, und Yup sann so lange über den Klang der Stimme, bis er wußte, daß es Gerd Robinson war, der so gerufen hatte, aber als er mit dem Revolver zu ihm ging, erfuhr er, daß Gerd verschollen sei seit dem Unglück. Später fand man ihn.