Von Hamburg fuhr er plötzlich direkt zu Shanvady.
In einem dampfenden Gewitter an einer Wegkreuzung der Vogesen ließ Shanvady ihn abholen in einem Wagen des vierzehnten Ludwig, mit sechs Pferden, karmoisin und golden, und einer Krone als Abschluß. Mit Fackeln kamen sie abends in den Park eines Rohanschlosses. In einem erleuchteten Fenster schwamm unregbar die Silhouette Shanvadys, der mit sich selbst Schach spielte. Am Portal ließ er Harri durch den Hausintendanten begrüßen, es lag eine Absichtlichkeit wie die Vorbereitung eines heimlichen Ringens in der Luft.
Auf der breiten Marmortreppe des Ausgangs bewegten sich eine Dame und ihre Tochter zwanzig Stufen über ihm. Plötzlich fiel mit glatter Bewegung die Hose des Mädchens über ihre Schuhe. „Mais . . Juju . .“, entsetzte sich die Dame. Das Mädchen schlug die Hose dem Hund neben ihr ins Gesicht, erblickte Harri, streckte die Zunge heraus und folgte ihrer Mutter wieder mit Ruhe. Sie hatte einen Frottéstoff im Kostüm bis zu den Knien, war etwa siebenzehnjährig, mit biegsamen Beinen.
Auf dem Balkon neben Harris Zimmer stand der Hausintendant mit dem Gesicht einer Dogge. Der Stall war mit einer Lichtschnur erleuchtet. Zwischen den Gartenbosketts, die dampften, ritten Reiter durch die nächtlich blauen Schwaden. In einem Springbrunn im Hof, auf dem der Mond lag, standen nackte Jünglinge und hielten sich, murmelnd, an den Händen.
Über sie aber kam aus der Ferne des Gartenrings ein Laut, der vor dem Schloß fast starb, aber noch zitterte in der Luft, weich und süß, spielte eine Weile, verschwand und kam wieder an, die volle unruhige Nacht hindurch.
Beim Erwachen sah er vom Bett aus einen Mann in roter Toga, eine Ziege an einem Band führend, das Haus verlassen.
Es war die Zeit, wo Sekten anfingen in Deutschland die geistigen Leidenschaften der Epoche, die noch kaum donnernd unter der Zeit ihres Aufbruches lagen, in Vorposten um kuriose Karikaturen zu sammeln, und wo die Folien der Helden das Land durchstreiften. Ein Adept seltsamer Prägung erschien bereits voll Bekehrungswallung noch beim Ankleiden, der mit eingesunkenen Augen deklamierte: Sinnlichem gelte seine und seines Lehrers Clique Verachtung, worauf in Pyjamahose und nackter Brust nur Harri sein Gurgeln gerade beendete.
Als der Diener im Tubbe ihn einseifte, fuhr der Adept unbeweglich fort: Leben sei der Zweck, durch ewiges Training der Seele zum Spiegel vergangener gelebter Leben vorzudringen und mit solchen geistigen Reservedivisionen das läppische Rätsel der Erscheinungen dieser Welt wie mit Handgranaten aufzuschmeißen . . . . . . worauf mit leichter Bewegung, den Schwamm hoch auf dem Nacken ausdrückend, Harri freundlich über die Schulter frug, in wessen fabelhafter Tat und Kühnheit sich diese Lebensfasson am kräftigsten offenbare. Da geschah das Unvorhergesehene, daß in das tiefe Schweigen beim raschen Niederbücken dem Diener ein bestürzender Knall entfuhr.
Doch erschien glücklicherweise der Hausintendant, half Harri in das über den Kopf gereichte Hemd und meldete Shanvadys für ganz kurze Weile in der Nacht stattgefundene Abreise.
In kurzen, kniefreien Unterkleidern stehend, Manschettenknöpfe einziehend, meinte Harri, als der Adept nicht wich, daß man beim Lesen feuchte Knie, im Schlaf hin und wieder Hundeträume habe, im Gewitter grüne Leichen sehe wie er sage, das sei amüsanter freilich wie manches, aber was helfe es ihm, der auf das Frühstück aus sei, welches englisch gerichtet mit einem kleinen Beafsteak und Anchovisfischen, Porter und Marmelade und Lachs der Diener auf der erhobenen Hand im Hintergrund anbot.