Hinter dem Prinsenhof an der Oute Delft gingen sie sogleich wortlos rasch in die Wiesen, wo aus den Lindenkanälen und fetten Gräsern bis unter den letzten erzitternden Horizont die Glocken schlugen. Da stand Aira wieder mitten in der Frische, von jedem Erdstück, jedem Glockenschwung, die sie berührten, neu und anders gerichtet. Nichts gab es an Wolke, Blau und Büschen, das sich nicht auf sie richtete und seinen Reiz neidlos für sie hingab.
Aber so nah war sie dem Geheimnis ihrer Natur, die sie nicht kannte, daß sie gewissermaßen zurück in Herz und Kern der Dinge einfiel und wieder schlank und sehnig sich aus ihnen spannte. Stand sie zwischen Kühen, die von weither zu ihr liefen, war etwas von ihrer wilden Anmut in den Weichen der Tiere, aber die Sanftmut der ruhenden Tiere hatte in ihren Blicken ebenfalls Sitz.
Am Abend verließ sie ihn für wenige Tage. Sie kam zurück damit, daß sie, ihr Vermögen zu regulieren, nach Java fuhr. Er lachte, als sie die Absicht aussprach, daß sie, deren ganze Verwandtschaft dort unten wohnte, allein führe. Er plänkelte eine Weile, aber wie ihr verschleierter Blick ihn warnte, mit Zwingen dahin vorzustoßen, wo in ihren Hintergründen der Entschluß sich festgesetzt, ließ er die Sache fallen, wie alles, was sich ihm entzog.
Obwohl ihn alles an ihr reizte, so lange ihre Herzen auf einem Akkord hinliefen, überfiel ihn Müdigkeit in dem Augenblick, wo er verfolgen sollte, was ihn floh, und selbst für diese Frau schien Kampf im Augenblick ihm noch zuviel.
Sie setzten einen Termin, sprachen nicht mehr darüber, gaben sich Stunde und Tag und sich selbst aufatmend einander wieder wie vorher.
Eine Woche lebten sie in zwei Dörfern, die eine Düne trennte. Auf dem Kamm trafen sie sich morgens. Der Dünenfuß war mit Makrelen besät, Vogelgezwitscher und Kuhgebrumm stand dahinter.
In einem Ewer fuhren sie dann in die schwerrollende See der Morgendünung. Mittags booteten sie aus, bestiegen eine Eisenbahn, fuhren in einem kleinen Wagen, bis sie sich zwischen den Dünen kaum mehr auskannten. Dann schlossen sie eine Lagerhütte auf, rollten ein Boot ins Wasser, ruderten mit langen Schlägen auf eine kleine Insel und zogen in das einzige Haus.
Eine Woche bremste weißköpfig das Meer die Welt ab. In der letzten Nacht brach der gewittergeäderte Himmel unter einem pausenlosen Schlag. Harri erwachte. Aira war nicht da. Das Haus war leer. Atemlos stürzte er in den Garten. Da kam sie, umwölkt von dem Bodenduft, geschmeidig in der Haut, das Hemd voll Blattzeug, auf den schlanken Hüften aus der mattschimmernden Nacht, wie ein Stück dampfende Erde in seinen Arm.
Mittags kam ein Motor langsam um die Ecke und holte die Koffer. Abends sahen sie durch die Rosenhänge der Veranda die Lichter des wartenden Autos an der Küste. Sie schwammen hinüber, damit sie das Meer noch einmal koste, das ihnen solange gemeinsam war. Im Schuppen zog sie sich um, küßte ihn. Auf dem Strand der Insel drüben hörte er noch das Verrauschen des Autos am Horizont.
Er gab sich der Ruhe hin, den Fischen, dem Mond, den Wellen, aber er hatte zu geringes Maß Vertrauens auf sich gesetzt, als er seinen Elan nicht stählte, um sie zu kämpfen.