Sie legt die großen, schlanken und harten Beine (wie die der Stadionsläufer) übereinander und schließt die Augen zum Gruß. Das Haar ist weißblond, mit Öl über den Kopf gescheitelt und tief in einer Schlinge in die Stirn hineingezogen, an den Ohren quillt es in kleinen Trauben herunter.
Ich bin begeistert, ich fühle über den Tisch die Frische der Haut, das Belebende dieser Gegenwart. Ich rede viel, denn ich beobachte gut. Ich schweige keine Sekunde, der Hummer ist von klarem Rot, das Fleisch gut an der Schale angesetzt, viel Saft in den Scheren. Siv neigt den Kopf zurück, saugt sie aus. Der Aufschlag ihrer Lider macht das Blau frei wie einen Strahl. Sie steckt den Kopf auf beide Hände, zieht den Mund kraus: „Was tatest du?“ Ich kann erzählen. Ich finde Siv reizend wie nie mit dem gescheitelten Haar.
Ich sehe Almqvist in der Portiere, ich fühle jeden Muskel sich spannen in meinem Körper, ich rede seit Monaten zum erstenmal laut in der Spionagezentrale des brennenden Europa. Wie leicht fällt mir zu reden: „Ich will dich an Hedin erinnern, Siv, an Sven Hedin, von dem du viele Bilder gesehen, und gelesen hast, daß er ein Land in China gefunden hat, Tibet, Siv. Mit diesem Mann war ich in Upsala, er ist ein Trottel. Die Studenten tranken die Nacht Punsch, tanzten mit eleganten Damen auf den Schultern. Um zwölf steckten sie Feuer an vor allen Küsten.“
Es interessiert Siv nicht, was ich da erzähle, sie hat die Speisekarte und liest, ich winke mit den Augen den Kellner neben sie. Siv bestellt, schöne, viele Sachen, die sie nascht und beißt: Sekt, Lachs und Mayonnaise . . . . Roti . . . . Backelse . . . . Punsch.
Nun geht Almqvist hochmütig um alle Tische herum, nähert sich dem der Bulgaren, er beginnt eine Verbeugung, ich muß wegsehn, das dunkle Auge Boissonts leuchtete gegen meines.
Ich kann mich totlachen, ich bin von einer Heiterkeit, die mich durchzittert, wenn ich mit Siv rede. Man hat die geschlossenen Fenster heruntergelassen, wir sind umhaucht von den letzten Wellen der Geierschreie der Bahnen, die aus den Fjords längs der Salzküste noch in der Mainacht schwimmen. Mir fallen Lächerlichkeiten ein, so, daß, als ich Siv zum erstenmal sah, nicht in der Nordischen Schuhkompagnie, sondern im Humlegården, wo sie aus dem Break mir hinterm Rücken des Staatsrats winkte, daß ich das Laub des Busches, an dem ich stand, mitnahm und behütete und abends beim Umsteigen verlor. Ich neige mich über den Teller, ich küsse ihr die Hand, ja ich weiß mich vor Narrheit nicht zu fassen, ich küsse Siv die Hand mitten im Lokal.
Da fällt mein Blick auf die Ministerin, und im Spiegel sehe ich gleichzeitig Almqvist bei dem türkisch-bulgarischen Tisch, sie sitzen weit auseinander und reden mit dem Kinn auf der Brust, also lautlos.
Die Minister sind also, statt in die Büros, zur Nacht dem Mond und blauen Kanälen nachgegangen. Der Burgunder hat ihnen die Politik aus dem Hirn gejagt, sie halten nicht mehr in der Bewegung der Hände das bißchen Schweden, um es trocken durch die europäischen Wasserspiele zu tragen. Nun sieht mich der Blick der Frau, zieht sich abgekühlt zurück, weil ich müd zu sein log, bleibt an Sivs Gesicht hängen und lächelt.
Ich stehe auf, ich verbeuge mich, ich bin glücklich, ich setze mich wieder, ich habe im Spiegel gesehen, daß das bulgarische Sujet aufsteht. Ich mache aus der Serviette Figuren, ich scheine betrunken, denn ich bohre einen Papierpfeil in Sivs Eis; daß sie mit der Gabel versucht mich zu stechen, das macht mich fast bersten vor Vergnügen. „Gott möge den Deutschen tausend Gefangene am Tage geben“, sagt es am Nebentisch. Ich zeige Siv den Mann, es ist ein Dichter, der Knut Hamsun den Bären schalt. Er wohnt in einem Landhaus in Sturängen, wo die Mädchen abends am Kamin singen: kom hjärtans frojd. Er haßt den Strindberg, der die Theaterstücke schrieb und die schöne Tochter hat.
Doch gähnt Siv, sie kennt die Männer nicht, der Gehrock nebenan ist ihr zu dürr. Wie kann ich Siv erheitern, wo auch die Türken durch das Vestibül vorüberwandern?