In der Frühe fahre ich durch Schweden. Zwischen Teichen und Felsen und dunkelroten Holzhäusern zur Nordsee. Ich fahre zwölf Stunden mit vielen Menschen. Ich esse Smörgåsbord, wenn der Zug hält, an den Stationen, gehe auf der Holzdiele langsam, den Reisehut in der Stirn, zurück. Ich lese die Verlobungen Stockholms, ich kaufe das Blatt „Saisonen“ und beschaue die eleganten Frauen, döse in die Landschaft, schlafe einmal ein. Ich sehe den Kondukteur eine Fahne an der Lokomotive heraushängen: fünfundzwanzig Minuten Pause. Ich schlendre auf und ab, die Arme teils in den Taschen, teils auf dem Rücken, ich bin ein Passagier wie alle anderen, ich langweile mich mit Maß und Ruhe, ich kaufe keine Lakritzer, die man mir anbietet, ich sehe einmal, als wir wieder fahren, verwühlte Kissen, Sivs hohes reines Bein ganz ohne Flaum. Ich beginne in einem schlechten Roman zu lesen, es ist kein guter Geschmack, daß ich ihn ziehe, aber er amüsiert mich köstlich, ich versinke ganz darin. Mir gegenüber sitzt der Außenminister.

Der Zug ist gefüllt mit internationalen Raben, Hyänen, Wölfen. Ich bin sehr in der Lektüre, wende langsam Blatt um Blatt, ich sehe jeden, der am Kupeefenster durch den Korridor schleicht, ich sehe jeden Gedanken.

Ich bade mich in Göteborg, ich ziehe mich um, ich gehe ins Varieté. Ich gehe an einer holländischen Gracht hinauf, das Wasser riecht faulig, Jasmin ist dazwischen aufgegangen. Ich nehme in der Holzbaracke die Loge, die Almqvist mir bezeichnet hat.

Neben mir sitzt ein Kommis mit goldenem Armband, den steifen Hut im Genick starrt er offenen Mundes zur Bühne. Neben mir links ist frei. Ein Riesenorchester hat um die Beine einer Tänzerin geknallt, nun schwenkt ein gepudertes Schweinsgesicht ententistische Fahnen mit Zauberei dazwischen. Ein Feuerwerk geht hinterher los und Amerikaner kakewalken auf langen Bretterstelzen, die Musik hat ein Delirium und schmeißt das Publikum in einen Rausch. Der Kommis fühlt sich als Achse des Erdballs und gröhlt, bekommt rote Schläfen und kann kaum mehr sitzen.

Da zieht links neben mir jemand den Hut, setzt sich an die Brüstung, sieht gerade aus, nun liegt das Bild Almqvists vor ihm. „Gut“, sage ich.

Der Agent Krassin mit gelbem Gesicht und runden Augen! Er hat von Gunnaris und Almqvist Telephongespräche. Almqvist kommt in vier Tagen. Ich bin ein wenig ungeduldig. Wild riecht die Mainacht draußen. Mit einer Kapelle kommen tausend Hafenarbeiter vorbei, die rote Nelke der Jungsozialisten im Knopfloch, mit Schildern: „Friede, Klassenkampf, Brot“. Krassin zittert. Auf dem Meer Segel wie Glas. Der Marschtritt der Proletarier donnert fern schon aber deutlich. Im knallweißen Licht der Laternen stehen kleine Huren mit Zigaretten im Mund, pfeifen mit blutroten Lippen durch die Zähne.

Das Tor des Varietés klafft mit einem Tusch und Trommeln und speit den Kommis heraus, er geht steif und schwankend mit einer dicken Sau und schaut hochmütig um sich. Krassin hat den Hals eingezogen, denkt nach und geht neben mir, bescheiden, vieles wissend, ein wenig hinkend, bis zu meinem Hotel.

Am Morgen kommen drei Schweden, Ek rauh, Lilljeqvist mit faunischem Adlerkopf und Glatze, Davidson schön. Krassin kommt nicht.

Wir fahren zwei Stunden, es kommen Wiesen. Am Wald liegen sechs Villen. In der ersten Wiesenhürde üben Hindus, rösten Kaffee und rauchen. Am dritten Tor an der dritten Umzäunung legen Ek und Davidson die Oberkleidung ab, verschwinden in der Villa, kommen in einem knappen Nationalkostüm zurück und üben mit Geren und Steinen, während Lilljeqvist auf dem Buckel liegt und raucht.

Ich gehe beiseite, ziehe einen Brief und lese. Ich erröte, es wird mir warm plötzlich, ich atme rascher, schaue mich aufnehmend um. Ich schlendre weiter, Chinesen und Amerikaner rufen sich einen Slang zu, weichen mir aus, wie ich mit Händen in der Tasche herankomme. Ich gehe durch die Mädchen, die einen Reigen hin und zurück sich werfen, melodisch, mit einem Schwedisch, das ich nicht verstand, auf einen Mann zu, der vor der sechsten Villa stand.