Vor mir, an meinem Arm die Herrin, defiliert die Gesellschaft. Ich benutze die Minute für meinen Bruder, ich flüstere: „Ich bringe den Dank eines, dessen Leben Sie gut getan.“ Sie winkt gütig mit den Augen ab, ich werde ihr das nächste Mal allein erzählen, sie lächelt.

Dann geht das Essen wie ein Rad vorüber. Ich sehe das blaue Kleid nicht. Er sitzt auf derselben Reihe wie ich. Was ist aus mir geworden? Ich kenne mich nicht.

Der Kaffee wird auf der Terrasse genommen, da sitzt sie mir gegenüber, das macht mich frisch, ich rede viel und nicht zerstreut. Es ist eine halbe Stunde nur noch, man muß sie nehmen und ausfüllen so gut man kann. Vogelschreie der Bahnen ächzen aus der Dämmerung. Das Auge Ebbas geht nicht von meinem, ich fühle es, wo ich kaum mehr etwas sehe.

Ihre Pupille und meine Pupille sind aufeinander gestellt.

Havannas werden gereicht. Das Glas färbt sich dunkel. Ich bin berauscht, als ob ich Wein in mir hätte, ich habe einen guten Tag plötzlich, ich wende mich nach allen Seiten, und wie ein Karussell windet sich alles um mich. Ich habe so leicht zu reden, „Dozent Lilljeqvist“ sage ich, „Sie tun unrecht, Baron Prittwitz, der die Ehre hat, uns zu vertreten, ist Pazifist, wenn auch aus bon sens, und hat gegen den Willen Wilhelm II. gearbeitet, der Ihr Land in den Krieg kommandierte. Als er zu Ihrem früheren konservativen Premier kam, Wallenberg, dem schlausten Krämer . . . nein“, ich wende mich ganz herum, „nein, Sir Johnson, ein erschossener Steuermann ist ein Zufall, aber Sie haben recht: die Tötung jedes Menschen ist ein ungeheuerliches Verbrechen. Aber kalkulieren Sie damit nicht in Politik. Tod ist nicht Zähler, nicht Nenner. Was tat Ihre Regierung denn, die keine andere schöne Wendung sah, als daß sie zwei Tage die ganze schwedische Presse mit Geheul gegen Deutschland vorließ und dann zurückpfiff. Und Wallenberg, die Augen schmunzelnd, errechnete, daß mit hunderttausend Kronen Entschädigung und dreitausend Pension die Steuermannswitwe eine glänzende Lotterienummer gezogen und etwas verändert die ganze Presse der gleichen Meinung war. Das ist Verbrechen, Sir . . . Dank für das Feuer Sverker Ek . . . .“

Ich setze mich tiefer zurück, mache mich breit, ich habe im Feuer vieles gesehen, ich rede immerzu: „Hören Sie, wie anekdotisch dieses Regime arbeitet, bei uns und bei Ihnen, es ist das gleiche furchtbare System: Als der Gesandte frug, als Ludendorff ihn zwang: ob wir Munition bringen dürften nach Finnland durch die schwedische Sperrzone, sagte da Wallenberg nicht, kühl und kaufmännisch in den Bart — daß einmal ein Mann gekommen sei und gefragt habe, ob er rauchen dürfe und man habe gesagt: nein. Der aber wies auf Reste von Zigarren, worauf er die Antwort hört: das taten solche, die nicht frugen. Man verständigte sich unter Lachen. Stellte ein schwedisches Torpedo zurecht, ließ die Munitionskolonne beschießen, drei Tage die Presse heulen, dann war es vorüber.

Deutschland gab eine Million Weißwein dafür frei. — — — O Malte Davidson, dreißigtausend Tonnen Schmalz für den Hunger in Deutschland, das kam, weil eben der Gesandte Euch und sich elastisch hielt im Zusammenprall solchen Schicksals. Ohne ihn säßen Sie in Sibirien, ich weiß, er wand Ihrem König manchmal den Entschluß zu den Kanonen aus dem Hirn. Nicht, weil er es verfluchte, daß Menschen sich töten, aber weil er aus dem neutralen Lande Essen wollte für die skrophulösen Kinder . . .

„Nein Sir“, ich lächle, „der Wutschrei des Polizisten am Brandenburger Tor über Ihren Chauffeur ohne Mütze, das ist nicht das Deutschland unserer Gesinnung. Aber trotzdem, ich neide Sie nicht, nicht Ihre jungen Männer, so sehr ich den Frieden begeistert grüße, der Ihr Land beglückt. Sir Johnson“, sage ich und ich spreche mehr aus, als ich sonst je wage, „Sir Johnson“, sage ich betont und staune über den Klang, denn ich hätte nie selbst zu Siv so offen und frei in diesem Lande gesprochen, ich, der ich nie von Plänen spreche und mit ihnen die anderen anfalle wie ein Weih mit dem Vorstoß . . . „was ist Krieg Ihrer Jugend, Sir Johnson? Ein Trog, an dem sie fraß und fett ward. Gulasch nennen sie selbst den neuen Reichtum, der in falschen Konservenbüchsen kam. Fühlt sie sich nicht krank, ihre Jugend, Ek und Davidson, vor dem kochenden Gold, das ihre Leidenschaften, ihre Begeisterungen frißt? Wo habt Ihr jenes Stolzeste, das manche andere und mehr gequälte Jugend mit einem siegreichen Lächeln als Trotz und Auflehnung entgegenträgt? Eure Besten leiden daran, Weiber, Pelze, reiche Schiffe zu haben, aber kein anklagendes Echo Eurer Seele im Ohr der Menschheit. Sie haben in Schweden keine große Politik getrieben. Blieb Ihr Land neutral, Sir, war es Vorsicht von uns und von Euren Aktionären, nicht Haß gegen die Gewalt. Zweitausend Kilometer Etappenstraße nach Rußland, das wog Euch Erschreckten mehr als humane Überlegung . . . . Im Museum liegt Euer Imperialismus, Karls Standarten, Wasas Helm, ungefährlich als Rausch für Eure romantischen Jünglinge. Aber Ihr lerntet nur Vorsicht, noch nicht das letzte. Eure Gelehrten sinnen und rechnen, machen ballistische Kurven, um auszurechnen, wer Euren größten Krieger, Karl XII. schmale Abenteurerstirn, erschoß, die Feinde draußen, die kriegsmüden Schweden innen? Die Narren. Der Friede erschoß ihn. Verstehen Sie mich wohl gut, Sir Johnson?“

Ich breche ab. Bis an den Rand der letzten Minute habe ich geredet, es ist mir frei geworden, ich habe einen Zweck gehabt zu reden. Nichts ging verloren, es ist, als kenne ich das Dunkel, als verstünde ich es besser mit den Sinnen plötzlich wie den Tag.

Schwätzend, wie ein Seiltänzer bebend, die letzte Sekunde.