Das Eigentliche vollzieht sich allerdings nur deutlich für den Kenner: wie zwei sich bewegen oder beobachten, am Lauern, am Ansprechen. Oben in der Wirklichkeit sind alles nur Ausländer, die sich sonnen. Alles elegante Gentlemans, die baden und höflich sind und die Formen der Welt respektieren, im Kopf ein Nichts an Hirn, im Bauch Hunger und Trieb.
Unter dieser Oberfläche geschieht das eigentliche Techtelmechtel:
Ein portugiesischer Gestus trifft einen wienerischen, sie feilschen zusammen: Zigaretten am Balkan, Orangenladungen in Lissabon, die Finger spreizen sich. Da sagt ein amerikanischer Mund, steif gezogen, Höfliches, reicht ein Streichholz und ist verbindlich . . . während im Untergrund das Herz anschreit: „Du Sau der tyska legatione . . . Amerikahund.“ Beider Augen messen sich: wieviel Ladungen Munition im Monat der eine Blick . . . wieweit die Ernährungsfrage im Herbst der andere. In beiden Brusttaschen Banknotenbüschel! Ein bulgarischer Kalkül stellt einem englischen ein Bein, lockt ihn in die Falle, bekommt steife Prügel, saust heraus, blamiert . . . oben sind die Köpfe der beiden unberührt, der eine überschlägt, daß er durch die Blamage tausend Pfund verloren, der andere, wie er den abgeblitzten sich zu Diensten fängt.
Alle Köpfe haben einen Zug Gier nach Geld, das ist das Gemeinsame.
Eine türkische Stellung wird beim Zeitunglesen verschachert gegen eine Nachricht vom Zentrum Lenins. Am Telegraphenamt sind alle bestochen. Abschriften sämtlicher Telegramme zirkulieren jeden Tag, alle Chiffern sind bekannt, harmlose Telegramme sind die beliebtesten, da sie drei Deutungen haben. Zwischendurch Poker, Bar . . . bac . . . ma tante . . . vingt et un . . . die Karten fluschen.
Abends ist mancher plötzlich reich, nicht an der Roulette, das Spiel von Ehrgeiz und Bedeutung geht über dem gesellschaftlichen. Da klotzen die Köpfe brutaler, stierer sich ins Weiße: Kanonenpräzisionen, Abordnung von Führern, ein auslaufendes Kriegsschiff, Flammenwerfermodelle, Atmosphäre des Eßdrucks gehn als Tip.
Da sitzen die bluffigsten Karten. Zwei Jahre noch Kriegsgewißheit (wie stehn die Nerven drüben, Freund?) und Industrien schnellen göttlich hoch. Zusammenbruch pleite, aber welche Chance bei Voraussicht. Eine Offensivmöglichkeit wird einem schwarzblauen eleganten Conte abgeknöpft, auf zehntausend Tote kalkuliert, Zurückschrecken, auf siebentausend falsch frisiert, das zieht, in den Kabel gegeben, den Toten zu einer Mark, am Abend als Gewißheit weiterverkauft gegen Fettrationsnachweis, Kupferlösungstabellen, Salvarsanschmuggel.
Äußerlich schlenkern sie die Arme, schleichen sich gegenseitig unauffällig nach, wünschen sich die Pest in den Schlund, lächeln süß, duellieren sich selten, innerlich lauern sie, sind angespannt, aufgezogen, Federn, Pistolendrücker, Minenexplodeure.
Am Abend gehen die weißen Hosen des Außenministers am Strand zurück. Die Blutbörse reguliert sich neu. Die Spionagezentrale sucht die Telegrammzellen auf. Über Lissabon, London, Berlin, Washington, Wien, Paris, Mailand, Pest geht ein Nachrichtregen nieder. Sieben Armeen kämpfen weiter, Tag um Tag, gut informiert, aufs beste bedient. — — —
Wir scherzen, lachen, zeigen uns dies und jenes, der Tag ist hell, wird immer weicher. Die Fernrohre kreuzen sich, sehen aus wie Maschinengewehre, wir trainieren unser Handwerk, wir sind sehr vergnügt, machen Skizzen und Notizen. „Siebentausend Moslemin,“ knirscht Ek ironisch. „Viva el Peru“ rufen wir und machen sie nach. Wir singen, weil es so schön ist: „Happy day, ha—a—a—ppy day — —. When Jesus washed my sins away.“