Unter mir macht Boissant zwei Winke, in der allgemeinen Verwirrung entfernen sich die Türken mit dem Bulgaren. Boissant bleibt breitspurig stehen, die Hände in den Hosentaschen, die pomadisierten Haare in die Stirn gebürstet. Plötzlich, je näher Almqvist kommt, begrüßt er ihn zuerst mit einigen Schritten auf ihn zu, und als die anderen nachdrängen, wird er immer kleiner, unansehnlicher, das brutale Gesicht wird säuerlich weich, die verdellerte Stirn mit den schrägen Augen versinkt in Falten und einen weinerlichen Buckel, er benutzt die erste Möglichkeit, mit den beiden Alliierten ganz allein zu sein, versucht aus dem Nadelkissen der Spionenschwärme herauszuglitschen, verschwindet nach der Klippe zu . . . . geht in unsere Falle.

Ich bekomme Klopfen im Hals, seine Entfernung wird bemerkt, Blicke kreuzen vieldeutig in der Richtung, der Wiener Beauftragte murmelt „ja schaugts“, schon heben sich die Beine, manche springen auf.

Da nimmt Almqvist die Sekunde, gestaltete sie mit seiner Verführerischkeit, es erweckt keinen Trotz, mit dem ganzen Zauber seines Wesens zieht er unwiderstehlich die Geliebte eines englischen Geschäftsträgers gegen seine Hüfte:

„Frauen“, sagt er erstaunt. Sein Rücken lehnte gegen einen Strandkorb: „Sie haben wenig Frauen, meine Herren“, sagt er spielerisch und zieht sie in seinen Tonfall und ich zittere unter seinem Tonfall, weil ich darunter sein anderes Gesicht immer erblicke. „Sie haben die kleinen Hasen mit Recht vergessen, die kurzbeinigen, mit denen man spielt, die man nicht liebt. Welch allersüßestes Kompott von anderen Frauen könnten Sie auf der Klippe servieren.“

„Dinieren Sie“, ruft mit steifem Blick der Engländer.

„Frauen“, sagt Almqvist. „Französinnen, da geht eine Welle von der Gosse bis zu den royalistischen Dessous. Ich diniere voll Vergnügen. Gekrümmter Bizeps: man hat sie alle. Sapristi. Schönes Geflügel, doch man fängts nur vom Blut aus. Nimmt man sie als Weib, vom Weibsenhaften her, hat man jede. Dann können Sie vornehmen, was Sie wollen, und jede Académie des Dames bei jedem Essen mit ihnen vollführen. Die Wege sind egal, solang sie so erfochten werden. Verlieren Sie die Luftschicht, arbeiten Sie mit Gedanken und Tricks, ist es aus. Narren glauben nur, Liebe sei nicht Talent, weil Frauen manchmal auf Idioten reagieren. Verhängnisvoller Irrtum, die Idioten waren einfach die Begabteren. Wüßten die Schreiber sehr erlauchter Bücher, die oft mit unmöglichen Weibern leben, wieviel trächtige Instinkte es bedarf, welche Wollustbarometer, welches Training und welche Disziplin, wie man führen, folgen, verlocken, zurückbleiben, lange zögern muß, dabei immer in Siedenähe der Seelenatmosphäre der Frau, wie man vorstoßen, mit Maß überwältigen, göttlich disponieren muß . . . . . . um nur das anonyme Straßenmädchen Chichette, die kleine Bürgerstochter Anna zu verführen . . ha . . . . . . . diese Schreiber, deren ich das größte Amüsement bei ihren Büchern habe, stiegen von ihrem Hochmut sehr rasch zu den Sansculotten und fühlten sich den dem Blute viel näheren Abenteurern wahrhaft gegenüber als Nichts und Null. Französinnen. Ich diniere als Hors d’oevre, Dessert und Entremet. Diese Frau ist ein Meer, der begabte Mann kann sich Legion der Vielfalt aus ihnen machen, ein gutes Material des Weiblichen, wo aus der Stimmung der Sekunde das Entsprechende grilliert wird. Doch man muß gestalterische Phantasie und viel Einfluß haben, Rezepte aus dem Augenblick saugen und die Soßen genial verrühren können. Der Unbegabte nur, meine Herren, geht an die Frau wie an ein Schiff, liest den Namen, betritt es, und es ist ihm gleich, oder er nimmt es für seinen Verdienst zufrieden, heißt es nun Lutetia 4, ist’s Demut, ist’s Glückliche Meerfahrt. Beschränktheit und Trottelei. Casanova beherrschte als letzter Souverän das weibliche Alphabet, gab seinen Frauen den Namen, den er beliebte und den Charakter, den er vorzog. Er verstand auch, was aus der Französin leicht, bei anderen sehr schwer, aus Hüllen von Schmutz und Silberfuchspelzen, aus Palais und Hafen und Kulisse, Gesellschaft und Gosse jenes Blasse, ein wenig Stöhnende herauszuholen, immer wohl das Gleiche, aber jedes anders überspielt, anders gestaltet: das Weibliche, la femmelle, was man lächelnd, aber nie ohne zu erbleichen, auf dem Grunde des Frauenhaften suchte.“

Er hat den Blick fest in dem des Engländers.

„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer mit steifem Blick.

„Ich diniere voll Vergnügen“, sagt Almqvist. „Ich ziehe es vor, Norwegerinnen mir zu dispensieren, schlimme Knöchel. Däninnen Austern, feine Hüften, keine große Sache, oft grau im Teint, Salzwasser, man muß Zitrone hinzutun. Schwedinnen haben Rasse und Charme wie die Französinnen, sie kommen ihnen am nächsten, sind sogar besser gepflegt, nicht mit Puder und Rotstift, sondern von Gymnastik, mit ganz famosen Beinen und Aprikosenteint. Es geht nur ein paar Jahre, dann erkaltet ihr Arom. Immerhin werden sie komplizierter, weil sie ohne die französischen Retuschen, Parfüme und Toilettekünste arbeiten. Denn ihr Falschheitsattribut ist also mehr im Inneren, sozusagen Seele, während bei den Weibern der Boulevards und Impasse, ungreifbar jedoch zu dressieren, auf Busenwarze, Fußzehe, Bauchlinie das Seelenhafte sich herrlich vollzieht. Der Liebhaber und Amateur kann der Skandinavin daher nicht in Reinkultur der prallen Männlichkeit kommen, es braucht etwas Hirn, ein wenig Intellekt. Schon braucht es grobe Mittel, dem Amateur wahrlich Verächtliches: Logik, Strafe, Züchtigung. Wüßten die Frauen, die, statt groß und frei sich zu geben, dumme Seelenkulissen dazwischen bauen, wie der seelenvolle Mann gleich Mondschein ihre prüden Bewegungen widerlich findet, sie kaprizierten sich weniger auf „Werben“, „Sicherringenlassen“, auf Seelenpflaumen als überraschendes Zwischengericht und Intellektkrebse zwischen Salat und Huhn. Während sie glauben, raffiniert zu sein, machen sie nur abscheuliche Rezepte, rühren Ei und Öl und Preißelbeeren an einen und denselben Fisch. Das fabelhafteste Menu ist das natürlichste, ohne Hemmungen, aber mit der Lust am Speisen. Seele kommt dann von selbst nicht als Eis, aber als Atmosphäre, denn wo wäre Seele nicht, wo Harmonie sich löst. Rutscht der Frau unseres Jahrhunderts und unserer irrsinnigen Erziehung, meine Herren, die Welt ins Hirn, so können nur Dressuren sie sanft machen zu Beefsteaks der Liebe. Ich kenne die europäischen Küchen allesamt, die Art des Klopfens ist überall dieselbe, (lediglich die Nomaden Ungarns belieben Fleisch manchmal noch unter den Sattel zu legen). Man treibt das Hirn ihnen so aus, sie erkennen unter Schmerzen das Schöpferische des Mannes, werden seltsam anschmiegbar für ein paar Stunden. In Esprit sich und die Liebe verwickelnd, sind sie von Stimme und Gebärden Hyänen, aber mit welcher Grazie spielt nach der Prozedur des Dressierens man mit süßen Katzen. Dabei sind die Intellektuellen ohne jede von ihnen so erstrebte Dämonie, sie sind nur komisch, meistens bös, nie gefährlich. Dazu sind sie zu dumm, weil ihr ganzer Apparat ja männliche Kopie ist, ihr Bestreben männlichen Geist mit maskulinen Mitteln zu imitieren, und sie dabei die typische männliche Dummheit gegen die verstrickendere ihrer reinen Weiblichkeit eintauschen. Arme Dinger, sie würden nie Schnaps trinken und Pfeifen rauchen, weil die Männer in Scharen Wettlauf von ihnen weg begännen, aber in den Regionen des sogenannten Geistes sind sie instinktlos wie kein Tier. Was Sie dumme Ziege nennen, kann mir Kosmos und Schicksal sein, Bestimmung und Verhängnis, kann in manchen Momenten mich um den Finger wickeln, wie einen Wurm. Ich fliehe, weil ich gebildet bin und Frauennähe brauche, geistvolle Frauen. Die Dame mit Literatur verräuchert, Kunst weich kauend, geht trotz bestem Magen auf die Darmnerven, macht totkrank bei halbstündigem Tee. Mit einem Barmädchen Lilly fuhr ich bis Kairo. Daher sind die Asiaten und Afrikaner so herrlich. Haben Sie schon einmal mit Abessinierinnen gefrühstückt, Palaumädchen zwischen den Wellen der Brandung nachts Melonen essen sehen? Das ist pikanteste Küche: Milch, Honig, Traube und Kokos und Ziegenlende. Haben Sie Negerinnen auf Gäulen durchs Gras reiten sehen, das sind die schönsten Frauen, gelehrig wie Papageien fahren schnatternd den Fluß mit einem herunter, während im Wald es schreit und dröhnt. Auch ist ihr Odeur extravagant, wenn man nicht den Schlag von Kapstadt nimmt, der ist Bruch. Aber nicht jeder verträgt diese Atmosphäre, man ist bei uns zu festgelegt auf gebadetes Fleisch, statt das Wechselspiel von Haut und Luft zu bewundern. Doch muß ich eine Warnung hinzufügen, sich nicht zu sehr der Biskuitschönheit der Javanerinnen hinzugeben, deren Talmianmut verderbter europäischer Grazie nahekommt. Beine und Brüste sind lange nicht so gut wie bei Schwarzen. Das andere ist Bluff. Sie drehen große Augen auf, das ist alles. Man stirbt vor Langeweile oder wird Buddhist. Die Spanierinnen sind von ähnlichem Filet, man kann sich mehr Vollendetes auch in den seltsamsten Kühnheitsstunden der Phantasie schwer denken, die Caballeros stehen an den Gittern und erregen sich an den Damen hinter dem Fenster, sodann zünden sie Zigaretten an und gehen ins Bordell. Haben sie endlich eine Dame durch Heirat, sind sie nach zwei Monaten wieder dort. Mondaugen und ideale Büste, braune Marmorschenkel und süße Hüftlinien genügen doch nicht ganz, wenn das Blut stickig geworden. Wo ist in Europa sonst noch ein Typ? Russinnen verstehe ich nicht, davon rede ich nicht, hier gar nicht. Italien weich und süchtig wie Gelee und dunkle Marmelade. Am Balkan Gehetz. Die Cuisinen duften Paprika, Knobloch und grünen Pfeffer. Sonst wie mit Hunden gebalgt ist alles, Beißen, ein Knäuel, man läuft auseinander, schimpft. Schöne Spielerei und immer Getös, man wendet sich bald ab, zieht Fußballspiel und Hockey vor, welcher Sport auch reinlicher erhält das Gemüt.“

„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer mit gehärtetem Stimmuskel. Er saß zum Sprung. Almqvist hatte seinen Blick in dem seinen wie in einer Fessel. Er zog das eine Auge herunter. Wie furchtbar spielt er die Komödie!