Hamsun, der in der Jugend Amerika durchstrolchte, nie recht wußte, wann er geboren ward, der Lyrik liebt weil er sie am wenigsten kann, Dramatisches haßt, weil es ihm am wenigsten Erfolg brachte, Hamsun, von dem die Franzosen neunzehnhundertzwanzig noch keine rechte Übersetzung haben, und den in Deutschland, als sein „Pan“ erschien, einige wenige zu lieben begannen, während einige viele ihn im Äußeren nachmachten, indem sie ihn verzuckerten und auf das Rosaschleifchenhirnniveau der deutschen Backfische senkten und ihm dabei das Geheimnis der nordischen Doppelseele aus dem Leibe quetschten, Hamsun ist ein alter Mann und hat sein Werk fast hinter sich.

Man beginnt jetzt in Deutschland ihn etwas mehr zu sehen und wohl auch etwas mehr zu lieben.

Bei keinem Dichter der Weltgeschichte ist in Roman und Novelle und Drama die Größe eines Menschenschlages im Herben und Sichverschleiern und Sichderewigkeitzuwenden so seltsam Merkmal wie bei ihm geworden, dergestalt, daß tatsächlich immer wichtiger wie das, was in den Zeilen steht, das ist, was zwischen ihnen steht. Von Bedeutung ist mehr das, was nicht gesagt wird, wie das, was geäußert wird.

Und das, was an Tat geschieht, ist in Wirklichkeit nur eine Blendung und ein Ablenken, aber von Wichtigkeit ist das, was unterdrückt wird. Diese Menschen sind keine Schwächlinge, keine Ästheten, keine Hanswurste, keine Hirnathleten, sie sind nicht Literatur oder Psychopathen oder nach dem abscheulichen Rezept irgendeines medizinischen Seelenzerknabberers gebaut.

Sie sind der wundervolle Niederschlag des vom Gespenst des Nordens und seiner Widersprüche angeregten und filtrierten Menschen, der mutig ist und kühn und groß und alle Eigenschaften hat der Eroberer und der Starken und der Wikinger von ehedem, dessen Seele aber labyrinthisch und gewöhnlich von einem guten und wohlwollenden Dämon getrieben wird, sich keusch und seltsam zu verhüllen und irgendwie scheinbar zu wissen: dies alles Leben unserer irdischen Bestimmung sei weiter doch nichts als ein göttlicher Witz und ein tragischer Humbug des Schöpfers und irgendwo ganz anders sei der wahre Schatz und die schönere Sicherheit.

Deshalb, weil diese Menschen so in die Spiralen hineinwandern, ist das Leid, das sie immer umwölkt, aus einer Spannung zwischen Leben und Geist geboren und von einer süßen und satten Getränktheit, fast überirdisch schon manchmal in seinem Nichtgesagt- aber Empfundenwerden.

Man geht nie direkt aufeinander los, sondern man weicht aus, man macht die unmöglichsten Umwege umeinander, ja die Liebenden und Hassenden umschweben sich schon gewissermaßen nach bestimmten Gesetzen, unruhvoll und voll Jubel und Bestürzungen wie das Schweifen der Sternhimmel, die auch sich gewöhnt haben die Kreise einer gewissen Entsagung umeinander vorzunehmen.

Es ist bisher nicht gesehen worden, daß die Wasserscheide zwischen asiatischem und westeuropäischem Geist durch Christiania geht. Es ist wichtig zu wissen, daß weder Berlin noch Wien hierfür irgendwie momentan in Frage kommt. Man hat auch nie verstanden, daß hier im Norden eine bedeutende Literatur zu Hause ist, die, wenn sie auch nicht tiefspaltig ist und groß im Sinne der französischen und deutschen, doch ein Zeitmaß an Repräsentation jedenfalls heute ausübte, vor dem wir uns heftig zu verbeugen haben. Der germanische Mensch hat sich jedenfalls in den skandinavischen begeben, und die nordische Seele hat sich in Hamsun erfüllt und damit den dritten europäischen großen Typus geschaffen.

Flaubert

Balzac gab dem französischen Roman die Fülle, France die Weisheit, Flaubert gab ihm die Größe. Balzac lieh ihm die Weite und das Demokratische, France das aus Vollendung heraus Müde und Lächelnde, Flaubert die Aristokratie.