Die Faust des großen Balzac gestaltete die Gesellschaft seiner Epoche beim Beginn des Jahrhunderts in ein phantastisches Furioso, am Ende dieses Jahrhunderts entläßt France diese erledigte bürgerliche Gesellschaft mit der Gebärde der milden Skepsis. In der Mitte des Jahrhunderts schuf Flaubert über sie hinaus große Kunst.
Er mußte zwar durch sein Jahrhundert hindurch, um zur Kunst zu kommen, die er groß und über alles liebte, aber er verachtete es, obwohl er nicht ohne Sympathie für die Menschen war. Er wollte nicht die Geschichte seiner Zeit schreiben, sondern es kam ihm darauf an, daß sein Kunstwerk die Dichte aus Erz und seine Menschen die Unerbittlichkeit im Umriß bekamen, die sie über das Jahrhundert hinaus erhielten, auch wenn sie ihre Zeit lebten. Jeder Weg führte ihn nur zur Kunst.
So bekam sein Werk die Höhe, daß in seinem Jahrhundert sein Roman wieder den großen Typ des Prosa-Kunstwerks darstellt. Dafür gab er sein Leben hin, und nie ist ein furchtbarerer Kampf geführt worden wie zwischen seinem Leben und dem Moloch Kunst.
Doch gab er dabei sein Leben nicht auf, wie die geschäftigen Erzähler seines Daseins darstellen, sondern er führte es mit derselben Souveränität, die sein Werk ausmacht. Er war kein kleiner Schreiber, kein Hysteriker und Nervendilettant, der die Taten der Welt, die er fürchtet, in die schwachen Räusche der Literatur einbiegt. Er war kein Dandy: ein riesenhafter Gallier, mit dem Schnurrbart eines Generals, ein Hüne, ein großer Esser, ein reicher Gentleman, der sein Leben gelebt hat, gut speiste, sein Teil an Frauen hatte, ein königlicher Bürger.
Er hat von seinem Landhaus Croisset aus die Welt bereist, Italien, Griechenland gesehen, voll saftiger Lebenliebe. Er hat in Beduinendars geschlafen, hat vor der Küste Tunis aus Ungeduld, Karthago zu sehen, kein Auge geschlossen, ist in der Karawane auf dem Maultier nach Biserta geritten, vierzehn Stunden im Sattel, auf Dromedaren durch die Wüste. Eine große Schlange am Bein seines Pferdes hat er mit Peitschenhieben getötet. Er konnte auch dies. Später haben die nächtlichen Fischer sein helles Haus, wo er die Nächte schrieb, als Leuchtturm genommen, er hat darüber gelacht.
Auf seinem Tisch standen die besten Parfüms, seine Pflege war außergewöhnlich wie seine Distanz. Dieser Mann da, der in Croisset bei Rouen Unsterbliches schrieb, eine Wohnung in Paris hatte und gute Menus zusammenstellte, war kein asketischer Schreiber, er war auch im Leben ein Fürst von fast germanischem Einschlag in der Derbe und Ungeniertheit seiner Haltung. Er schrieb seine Briefe nicht wie ein kleiner Autor, sondern wie ein Kommandeur. Er hatte auch in seinem Leben die Größe des Anspruchs und die Helligkeit der Geste, mit der er seinen Kampf um die Kunst kämpfte, der lang und furchtbar war.
Darum überhaupt konnte er seinen Kampf um die letzten Territorien der Kunst so unerbittlich führen, weil er ein Feldherr war und kein Franktireur, und weil er dadurch so vieles zuzusetzen hatte. Denn die Jahrzehnte, die dieser Mann als „Einsiedler von Croisset“ in seinem Landhaus saß, Tag und Nacht darum rang, dem festländischen Roman Europas das Gesicht der Schönheit und den Wuchs des Siegers und die Seele voll Musik aber die Muskulatur eines schlanken Athleten zu geben, diese Jahrzehnte, während deren er fast ohne aufzustehn von dem Tisch, an dem er schrieb, aus dem Nichts heraus ein unerhörtes Werk riß, tausendmal das Geschaffene verdammte und tausendmal neu schuf, diese Jahrzehnte sind der heroischste Kampf, den ein großes Leben und ein großes Werk führten.
Darum ist es so wichtig, zu sehen, daß nicht ein Schwärmer, nicht ein Asket, ein Nervenkranker aus seinem Leiden die Maskerade eines Martyriums schnitt, sondern daß ein Vollblut, ein Jäger, ein fester Globetrotter, ein Ringkämpfer des Geistes seine Säfte überwand und eines Tages sein Leben von den Dingen der Welt zurückzog und es auf die Kunst so fanatisch einstellte, wie es nur ein voller Mensch kann.
Denn der Weg von Kraft und Blut zum Verzicht auf die geliebte Welt ist ein verzweifelt viel weiterer und zackigerer als die Himmelfahrt, die impotente Jünglinge und lendendürre Klepper der Künste vornehmen, in dem sie aus ihren Gebrechen einen Vorzug machen. Dieser aber hob mit einem schmerzhaften Lächeln sein Dasein weg von den Genüssen und Erlebnissen und hetzte es der Kunst nach, daß die Fugen knirschten vor der Zähigkeit des Willens.
Darum ward aber die seelische Elastizität seiner Kunst so groß, weil sein Leben so gewaltig darin sich spiegelte. Der wundervollste Fall des Widerspiels von Kunst und Leben hat hier eingesetzt und sich vollendet.