Flaubert ließ alles für die Arbeit, und nach den Reisen und Frauen gab es nichts für ihn als die Beschäftigung mit der Kunst. Da trat das Menschliche so tief und klar in seine Kunst hinein, daß der Gewalt des Geistes sich die Stärke des Menschen hinzufügte. Dadurch ist ein Gegengewicht geschaffen gegen seine tollsten geistigen Ausschweifungen. Denn man glaubt sie. Hinter jeder, selbst der kühnsten literarischen Geste steht der Mensch Flaubert und tut sie mit. Das gibt dem Werk das große Format.
Sein menschliches Beispiel mischt in das Buch die Macht der Überzeugung. Was er aus Überfülle zurückhielt im Leben, floß ebenso voll in sein Werk. Manchem seiner Nachahmer, wie dem Italer D’Annunzio und dem deutschen Heinrich Mann glaubt man eine gewisse große Haltung des Künstlerischen sowie des Geistes, aber es bleibt Literatur einen Schritt schon über die papierne Grenze, und man glaubt an Beispielen und Menschlichem ihnen kein Wort. Sie haben aus Schwäche sich in das zuckende Abenteuer der Kunst geschleudert und sitzen vibrierend wie Rennfahrer an die Kunst geschmiedet, und wenn sie loslassen, fallen sie zurück in die Dünne ihres menschlichen Formats. Das Schwache und Hohle, das die krampfhafte und schmerzliche Verhaltenheit ihrer Leidenschaften hat, kommt daher, daß keine gewaltigen Menschen hinter dem Dichter stehen.
Aber bei diesem Flaubert, der nicht in die Kunst flüchtete, sondern der sie wählte, indem er ein volles saftiges Leben dafür hinwarf und sein rotes Blut hineinpumpte, ist die Weite des dichterischen Geistes tief erhellt von der des Menschen. Wundervoller hat sich nie das Heldenhafte mit dem Martyrischen gekreuzt, und nie hat Leben und Arbeit von verschiedenen Seiten, indem es sich gleichwohl wie toll bekämpfte, eine solche Höhe der Harmonie erreicht.
Flaubert liebte die Literatur wie ein Narr, aber er ist kein Literat. In Rouen, von reichen Eltern geboren achtzehnhunderteinundzwanzig, schrieb er siebzehnjährig: „Ich schreibe Werke, die nicht den Preis Monthyon erhalten werden, und die zu lesen die Mutter ihrer Tochter nicht erlauben wird.“ Er hat sein Zeitalter gekannt und hat es an sich erfahren. Die Masse haßt nichts so sehr, als den Anblick eines Überragenden, darum sind ihre Götter gewöhnlich Subalterne, aber die echten Helden spüren jeweils, was es heißt, ein stolzes Herz auf dieser Erde zu tragen.
Flaubert hat jede, auch die tiefste Verständnislosigkeit erfahren. Es braucht nicht verschwiegen zu werden, daß er mit einer grenzenlosen Verachtung zurückschlug. Das Publikum aber spürt nichts rascher und sicherer als Verachtung, wenn sie schweigend bezeugt wird. Wegen seiner „Bovary“ hat es ihm einen der größten Prozesse gemacht, den die Literatur kennt, indem man ihn der Verletzung der Sitten anklagte und ihm dadurch wider seinen Willen, nachdem er denkwürdig vor widerwilligen Richtern gesiegt, einen sensationellen Erfolg verschafft. Der Literaturpapst St. Beuve schrieb an seiner „Salambo“ ebenso ahnungslos vorbei wie irgendein kritischer Kretin. Keiner sah, daß der größte geballte Roman zeitloser Leidenschaft in der erlesenen Zucht einer vollkommen gebändigten Sprache vorlag und stritt um Aquädukte und über die Orthographie Hannibals und die Zeremonien seiner Empfänge. Eben hatten in der Tat die Realisten ihre Sturmbanner aufgezogen und Zola sein Programm an ihre Spitze gestellt. Man beging den erbärmlichen Irrtum, Flaubert einzuordnen und mit modischen Maßen zu messen. Was an Höhe und fliegender Kraft aber an Flaubert darüber hinaus ins Dichterische stieg, knipsten die kleinen Hüter des Kritischen ab, und hielten das wie stets für Verzerrung, was in Wirklichkeit die Erfüllung war.
Er sah, daß wie verzaubert alles, wenn es seiner Hand entglitt, im Wort der Masse ins Gegenteil sich kehrte. Flog er, beschimpfte die Meute ihn, er sei im Kot. Formte er die vollendete Höhe der französischen Prosa (wie keiner vor ihm) und führte die Sprache seines Landes in Kurven von erfrorener, verzückter Schönheit, schrieb ein Biedermann, er kümmere sich nicht um den Stil. Gab er das Beispiel vornehmster dichterischer Zurückhaltung, schrieb Barbery D’Aurevilly, er beschmutze den Bach, in dem er bade. Alle Dummheiten, alle Einfältigkeiten, die eine Heimat gegen ihren bedeutenden Sohn unternehmen kann, hat er erfahren. Heute, wo seine Bücher europäischen Ruhm und klassische Geltung haben, erscheint es reichlich absurd, daß die Bürger und Provinzblattschreiber Rouens den Aristokraten als Sozialisten verleumdeten, den Einsiedler als sittenlos schmähten und am liebsten auf diesen Bürger verzichtet hätten, dem sie, als er, der größte Schriftsteller seiner Zeit schon damals, um die Grabstätte für ein Denkmal seines Freundes, des Rouenser Dichters Boulhiet bat, das glatt verweigerten, und den politisch hetzten, der so ganz unpolitisch war. Aber der Tägliche Anzeiger von Rouen hat dies, wie alle „Täglichen Anzeiger“ der Welt, besser gewußt.
Flaubert aber, der wußte, wer er war, wohin er wollte und, wie alle Genialen, von seiner Mission überzeugt war, wandte sich voll Widerwillen von diesen Vertretern seiner Epoche. Er verachtete sie zu sehr, als daß er ihnen gezürnt hätte. Aber er sah in diesen armen und bemitleidenswerten Affen nichts anderes wie den Ausdruck der großen Masse, die stets dumpf gegen das Klare und mit wütendem Zorn gegen das Große reagiert.
Er verachtete die Masse so ungeheuer, so instinktiv mit dem besten Empfinden des Zuchttieres, daß er nie auch nur die Spur eines Kompromisses schloß. Er dachte an kein Publikum, wenn er schrieb, er dachte an keine Erfolge. Er war nur eingestellt, die Kunst so hoch zu treiben, wie es, bis an das Schwindelgefühl, ging. In hunderten Briefen hat er seine souveräne Ablehnung des Publikums ausgesprochen. Nach der Fertigstellung der „Bovary“ mußte er aus übergroßem Dégout vor der bürgerlichen Masse in jahrelange glänzendere Luft des heroischen antiken Stoffes sich flüchten. Er hat die Perfidie des Publikums, und wie „Candide“, die schreibende Canaille, kennen gelernt. Keine Zeile der Förderung hat er der Presse zu danken, kein Kritiker, der ihn nicht, wie jeden Autor von Begabung, in jeder Epoche zerriß.
Seine Zeit stand ihm gegenüber als Meute. Er übersah sie zwar, aber er hätte sie darum nicht gehaßt allein. Er hat nur ihre Kleine verachtet. Mit diesem unschöpferischen, nur politisierten Zeitalter war keine Größe zu erschwingen. Er war gegen die Zeit, wie sie gegen ihn, aber er war bedeutend genug, sich leicht damit zu trösten, daß sie auch gegen Molière, Cervantes, Shakespeare und Rabelais war, und daß er nur einer in der ausgewählten Kette derer war, die, weil sie Göttliches schufen, einen Teil der Einsamkeit und des Leides der Welt besonders tragen mußten.
Er verachtete das Getriebe mit einer Bewegung, damit erledigte er es. Denn er war auch als Mensch von einer solchen Breite der Übersicht, daß er persönliches Schicksal und private Unbill nie in dem Sinne empfunden hätte, daß sie seine Richtung und sein Werk beeinflußt hätten. Allein er sah in dieser Dummheit der Masse die Tragik unserer Existenz, denn er wußte, daß die barbarischen Fehlerquellen des Lebens von den Kriegen bis zur Armut nur auf die Majorität der Unaufgeklärten zurückgehen.